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Die Urne kam per Post

Erschossen an der Grenze: Kurt Lichtensteins Schicksal widerspiegelte über seinen Tod hinaus die deutsche Zerrissenheit

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

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Kurt Lichtenstein war das erste Todesopfer an der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten außerhalb Berlins nach dem 13. August 1961. Er starb heute vor 50 Jahren an den Schussverletzungen, die DDR-Grenzsoldaten ihm zugefügt hatten.
Kurt Lichtenstein: Kommunist, Spanienkämpfer, Sozialdemokrat
Kurt Lichtenstein: Kommunist, Spanienkämpfer, Sozialdemokrat

Bis in die Gegend um Suhl ist Kurt Lichtenstein nicht gekommen. Thüringen war sein Ziel, Lübeck der Ausgangspunkt: Der Reporter der »Westfälischen Rundschau« wollte im Herbst 1961 - kurz nachdem die DDR ihre Westgrenze geschlossen hatte - vom Leben im Grenzstreifen berichten.

Am dritten Tag der Grenzreise erreichte Lichtenstein mit seinem roten Ford Taunus das niedersächsische Dorf Zicherie. Der 49-Jährige sah auf einem Feld auf der Ostseite Bauern und ging hin, um mit ihnen zu sprechen. Grenzbefestigungen gab es noch nicht; der Grenzstreifen bestand aus ein paar Metern geharkter Erde

Was Lichtenstein nicht sah: Am nahen Waldrand befanden sich DDR-Soldaten auf Beobachtungsposten. Was er nicht wusste: Sie waren, weil tags zuvor genau dort ein Bauer in den Westen geflohen war, strikt vergattert, keine weitere Grenzverletzung zuzulassen. »Keiner darf durchkommen«, lautete der Befehl. Die beiden Posten, 18 und 19 Jahre alt, forderten Lichtenstein auf stehenzubleiben, die Bauern warnten ihn. Lichtenstein lief zurück, dann fielen Schüsse. Weil der schwer Verletzte zu vier Fünfteln auf DDR-Gebiet lag, wie spätere Ermittlungen ergaben, zog man ihn ganz zurück; eine Stunde verging, bevor er ein Krankenwagen kam. Er starb noch am selben Tag.

Kurt Lichtenstein war der erste Tote an der grünen Grenze. Aber nicht nur deshalb wurde sein Tod zum Politikum, dessen Nachhall bis ins Heute reicht. Der Journalist war in der deutsch-deutschen Politik kein Unbekannter, ganz im Gegenteil. Er war der Sohn einer jüdischen Berliner Familie, wurde frühzeitig Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes und der KPD. 1933 emigrierte er in die Sowjetunion, wurde als Funktionär ins damals noch autonome Saargebiet geschickt. Er ging nach Frankreich, schloss sich dann den Internationalen Brigaden im Spanienkrieg an, war Soldat, Politkommissar, Kriegsreporter. Er wurde in Frankreich interniert, floh, arbeitete er in der Resistance. Nach Kriegsende baute er die KPD im Ruhrgebiet mit auf, schrieb für kommunistische Zeitungen und wurde 1947 in den Düsseldorfer Landtag gewählt.

Bis hierhin ein kommunistischer Kämpfer wie aus dem Bilderbuch. Doch dann kritisierte er stalinistische Entwicklung in KPD und SED; die Folgen waren für ihn wie für nicht wenige persönliche und politische Freunde drastisch: Parteiausschluss, Entlassung bei der Parteizeitung. Mit diversen Jobs hielt er sich über Wasser, bis er 1958 in die SPD eintrat und Anstellung bei einem ihr nahestehenden Blatt fand.

All das erfuhren Zeitungsleser in der DDR nicht. »Provokateur verletzte Staatsgrenze« hieß es in einer knappen Nachricht, auch im »Neuen Deutschland«, über den Mann, der Spitzenfunktionäre Erich Honecker, Kurt Hager und Wilhelm Pieck aus dem Kampf gegen die Nazis kannte. Fernsehpropagandist Karl Eduard von Schnitzler, mit Lichtenstein ebenfalls aus KPD-Zeiten bekannt, bezeichnete ihn als Verräter und Feigling - letzteres eine gehässige Anspielung auf einen militärischen Rückzug im Spanienkrieg.

Im Westen dagegen wurde der langjährige Kommunist Lichtenstein posthum ein Medienstar; mitten in der antikommunistischen Adenauer-Ära brach eine Empörungswelle über den »Vopo-Mord« aus. Und plötzlich erhielt seine Familie die Entschädigung, die Lichtenstein für seine von den Faschisten vermutlich in Auschwitz ermordeten Eltern vergeblich beantragt hatte. Bei einem Ex-Kommunisten bestünden Zweifel an der Grundgesetztreue, hatte man ihm immer wieder entgegengehalten. Für die Behauptung, Lichtenstein sei im Auftrag der DDR-Führung gezielt getötet worden, fanden sich nie Beweise.

Seine Frau und seine beiden Töchter bekamen Kurt Lichtenstein nie mehr zu Gesicht - nicht einmal als Toten. Einen Antrag der Witwe auf Überführung des Leichnams lehnten die DDR-Behörden ab; gegen den Willen der Angehörigen wurde Lichtenstein verbrannt, die Urne wurde der Familie per Post zugestellt.

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