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  • Politik
  • nd-Serie: Wohin des Wegs / Heute: Was zählt die Erwerbsarbeit?

Die Frau des Kochs von Cäsar

Der Streit um den Stellenwert der Erwerbsarbeit, die Vier-in-einem-Perspektive und das Profil der LINKEN

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 3 Min.
Was haben Lutz Jahoda, Hilmar Thate und Manfred Wekwerth gemeinsam? Sie unterstützen einen der Anträge an den Erfurter Parteitag, in denen die Aufnahme der »Fragen eines lesenden Arbeiters« ins neue Programm der LINKEN gefordert wird. Dem Brecht-Gedicht wird symbolische Bedeutung beigemessen: Mit ihm könne die Partei klarstellen, so die Begründung, wer den Reichtum der kapitalistischen Gesellschaften produziert und wer das in Wahrheit geschichtsmächtige Subjekt ist.

Auf seine Weise lässt Brechts lesender Arbeiter zugleich das Licht auf einen alten Streit in der Linken fallen: die Debatte um den Stellenwert der Erwerbsarbeit gegenüber den reproduktiven, kulturellen und sozialen Tätigkeiten, die dem Markt nicht unterworfen sind. Denn Brechts lesender Arbeiter stellt zwar die Frage nach dem Koch, der Cäsar auf seinem Feldzug gegen die Gallier begleitet hat, nicht aber die nach der Frau des Kochs, welche dessen Kinder aufzieht und ihm die Wäsche macht.

In ihrem alternativen Entwurf haben LINKE-Vize Halina Wawzyniak und Bundesschatzmeister Raju Sharma die »Fixierung des Arbeitsbegriffs auf die vor allem im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte Form der Erwerbsarbeit im Sinne abhängiger Beschäftigung« als Konstruktionsfehler kritisiert. Auch beim Programmkonvent in Hannover vor einem Jahr diskutierte man das Thema kontrovers. Und im LINKE-Vorstand wurde Ende 2010 ein Antrag von Frauen verschiedener Strömungen knapp abgelehnt, den Arbeitsbegriff so »zu erweitern, dass er auch die Bereiche der Reproduktionsarbeit, der politischen Einmischung und der Selbstentwicklung umfasst«.

Es folgte eine Debatte, wie man sie kennt: bisweilen hitzig, stets grundsätzlich. Denn es geht nicht allein um die Anerkennung von Tätigkeiten jenseits der Lohnarbeits-Tretmühle. Der Konflikt um den Arbeitsbegriff ist auch einer über Sozialtransfers, das umstrittene Grundeinkommen, die Bündnisorientierung der LINKEN und ihre »große Erzählung«. Oder, wie es Ralf Krämer einmal formuliert hat: Es gehe hierbei »letztlich um unterschiedliche Auffassungen zum Charakter der Partei«, um die Entscheidung zwischen einem »Profil der Partei als sozialistische« und der Tendenz, die Krämer »eher als libertär oder bürgerrechtlich« bezeichnet.

Krämer ist Gewerkschaftssekretär und maßgeblich für den Abschnitt »Gute Arbeit« verantwortlich. Er verkörpert den einen Pol des innerparteilichen Meinungsspektrums und sagt: »Im Programmentwurf steht die gesellschaftlich organisierte und regulierte Arbeit im Mittelpunkt«, weil »die zentralen sozialen Probleme«, mit denen sich die LINKE politisch zu beschäftigen habe, solche sind, »die sich um die Erwerbsarbeit ranken«.

Bei den Kritikern sieht Krämer nicht zuletzt auch eine starke kulturelle Distanz gegenüber den Gewerkschaften. Sein Gegenpol in der Debatte um den Arbeitsbegriff, die Vizevorsitzende Katja Kipping, warnt in der Tat vor einer »Privilegierung der Gewerkschaften gegenüber anderen wichtigen Bündnispartnern«. Mehr noch geht es ihr aber um die Sache selbst: Die LINKE müsse Erwerbsarbeit gleichberechtigt neben Reproduktionsarbeit, politischer Einmischung sowie der »Sphäre der Selbstentwicklung wie etwa Muße« stellen, Ziel einer demokratisch-sozialistischen Politik solle es sein, so Kipping, »jedem Menschen ein Leben zu ermöglichen, das aus allen vier Arbeitsbereichen und nicht nur dem der Erwerbsarbeit schöpft«.

Kipping nimmt hier einen Gedanken von Frigga Haug auf, deren »Vier in einem Perspektive« zu den wichtigsten feministischen Beiträgen zur Programmdebatte zählt. Unter der Überschrift »Politik um Zeit« wurde strömungsübergreifend für eine feministische Eröffnung des Programms geworben. In Erfurt liegt nun ein Antrag vor, mit dem dieser Text wenigstens als Anhang fixiert werden soll. Den Widerstand jener, »die sagen, wir können uns jetzt nur um Lohnarbeit kümmern, alles andere kommt später«, nennt Haug »kleinkariert« und die LINKE »eine der letzten Bastionen im gesellschaftspolitischen Feld, in denen nur Lohnarbeit als Arbeit zählt«.

Den Vorwurf will die andere Seite nicht gelten lassen. Er sei »unberechtigt«, sagt Krämer, es gebe im Programmentwurf »nicht wenige Formulierungen, die deutlich machen, dass natürlich Arbeiten außerhalb der Erwerbsarbeit ernst genommen« werden. Im Ansatz, gesteht Julia Bonk von der Emanzipatorischen Linken zu, habe die Anerkennung und Verteilung von Arbeit in einem weiteren Sinne dank der Debatten bereits Eingang in den Programmentwurf gefunden. Konsequent genug sei ihr das aber noch nicht.

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