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90 Jahre Laus im Ohr

Donaueschinger leben auf einer Baustelle der Musikkultur

Herr Rahm freut sich auf Gäste aus aller Welt.
Herr Rahm freut sich auf Gäste aus aller Welt.

Ein oder zwei Male waren sie verreist, ausgerechnet am dritten Oktoberwochenende! Edith Lienhard, Chemikerin, seit 1998 mit Mann und drei Kindern in Donaueschingen, wundert sich noch heute. Im dritten Jahr blieben sie da und begegneten den Musiktagen. Im Park drangen Geräusche aus dem Gebüsch. »Das war überraschend«, sagt sie, »das war positiv. Plötzlich Töne aus einem Busch. Ich dachte: So verschlafen kann das Nest nicht sein.« Das »Nest« ist die Stadt, in der die »Donaueschinger Musiktage« stattfinden, das renommierteste Festival zeitgenössischer Musik in Deutschland, wenn nicht der Welt. Es wurde vor 90 Jahren von Paul Hindemith gegründet. Drei Tage im Jahr werden dort Werke von zeitgenössischen Komponisten und Komponistinnen gespielt, allesamt Uraufführungen, Auftragswerke des Südwestrundfunks.

In Jens Brands Kleiner Welt Maschine liegt Donau- eschingen im Zentrum
In Jens Brands Kleiner Welt Maschine liegt Donau- eschingen im Zentrum

Donaueschingen, ein Städtchen mit 21 000 Einwohnern, liegt auf dem Hochplateau der Baar, 686 Meter über dem Meer. Hier ist es nicht ganz so rau wie auf den benachbarten Höhen des Schwarzwalds, im Sommer trägt man den Anorak offen. Hier entspringt der Donaubach, der in die Brigach fließt und, nachdem diese sich mit der Breg vereint hat, zur Donau wird. »Viele schöne Veranstaltungen« hätten sie hier, sagt Kulturamtsleiter Georg Riedmann, doch für das internationale Ansehen seien die Musiktage am wichtigsten. Konzert- und Fachbesucher kämen aus dem In- und Ausland.

Es gibt noch ein anderes Event, ein Reitturnier, das »Internationale S.D. Fürst Joachim zu Fürsten- berg-Gedächtnisturnier«. Auch das bringt Menschen zueinander, es ist was los, und manchmal fahren Wagen durch die Brigach. Es wäre zu hart, würde man die Donaueschinger in Reitturnier-Besucher und Musiktage-Besucher einteilen, aber ein Funke Wahrheit wäre dabei. Konservativ und katholisch ist man hier, christlich zumindest, auch christdemokratisch. Im Gemeinderat dominieren CDU und FDP, die Arbeitslosigkeit liegt unter vier Prozent, erfreulich, auch wenn man da Ursache und Wirkung nicht verwechseln darf.

Es mutet folkloristisch an, wenn in St. Johann bei Einführung des neuen Pfarrers jedes Mitglied der Fürstlich Fürstenbergischen Familie, die im 13. Jahrhundert mit der Baar belehnt wurde, einzeln als Seine und Ihre Durchlaucht begrüßt wird. Doch gab es im letzten Jahrzehnt, nachdem der derzeitig Fürst, Heinrich, mit Familie wieder ins Schloss gezogen war, echten, politischen Streit um die Nutzung des Schlossparks. Spaziergänger und auf dem Weg zur Schule radfahrende Kinder störten. Selbst der Zugang zur Quelle, die Besucher speziell aus den Donaustaaten anzieht, stand zur Disposition, und es dauerte bis zum Kompromiss. Feudalismus und Avantgarde stehen in Donaueschingen in einer spannungsvollen Beziehung, vor allem historisch. Denn ohne das Fürstenhaus würde es das Musikfestival vielleicht gar nicht geben.

Kulturamtsleiter Riedmann sagt: »Die Donaueschinger betrachten die Musiktage mit Neugierde - und mit Skepsis.« Sind denn nicht oft Donaueschinger selbst beteiligt? »Schon, aber Innenmarketing ist das nicht. Donaueschinger Musiker werden involviert, wenn es in das künstlerische Konzept passt. 300 Blasmusiker findet man dafür durchaus.« 2006 waren es sogar 350, die der amerikanische Komponist Alvin Curran für seine Performance »Oh Brass on the Grass Alas« in den Blaskapellen von Donaueschingen und der unmittelbaren Umgebung fand. Auch ich stand mit anderen auf der Empore der Erich-Kästner-Sporthalle und beobachtete, wie weit jenseits der großen Fensterwand Jugendliche und Erwachsene erschienen und, in ihre Instrumente blasend, über das Feld kamen. Einweiser stellten sie zu geometrischen Formationen zusammen. Am Ende zogen sie ums Haus und bliesen Bachs Choral »Es ist genug«. Wer nicht ergriffen war, hatte kein Herz.

Blaskapellen sind typisch für den Südwesten Deutschlands. Edith Lienhard erklärt das so: »Die saufen nicht so viel, die lieben den Marsch und spielen miteinander.« Darum habe ihr Sohn als Kind Trompete gelernt. Auch ihre Tochter Birgit ist Mitglied der Stadtkapelle und war schon an einer Uraufführung beteiligt. Die Achtzehnjährige hat mehrfach bei Musiktagen als Platzanweiserin gearbeitet. Verließen die anderen Jugendlichen schnell den Saal, wenn alle ihre Plätze gefunden hatten, blieb sie und hörte zu. Vom letzten Jahr hat sie ein Stück auf ihrem iPod.

Am Mittwoch vor den Musiktagen könnte man die Straßen der Stadt für menschenleer halten, wären da nicht die vielen Geräusche, die Geschäftigkeit verraten. Vor den F.F. Sammlungen, in denen geologische Fundstücke, ausgestopfte Tiere und andere Schätze ausgestellt sind, bauen Arbeiter eine Plattform. Für die Musiktage? Ja. Gehen sie hin? Nein.

Auch in der »Donaukaufstätte Rahm« frage ich nach. »Die Musik ist nicht so meins«, sagt Herr Rahm, »wir überlassen den Platz den Besuchern von außerhalb. An den Jazz könnte ich mich vielleicht gewöhnen.« Die Besucher der Musiktage gehören zu seinen Kunden: »Die sind gar nicht so souvenirabgeneigt.« Das Schönste an den Musiktagen sei, dass die ganze Welt nach Donaueschingen komme. Es scheint ihn nicht nur aus geschäftlichen Gründen zu freuen.

»Nicht so meins« sagt auch Joachim Grössel, Diakon der evangelischen Christuskirche, in der es oft Veranstaltungen der Musiktage gibt. Wie Rahm gefällt ihm daran, »dass viel Leben in der Stadt und dass unsere Kirche für Neue Musik offen ist«.

Wie jeden Mittwochabend vor den Musiktagen wird der Öffentlichkeit ein Werk vorab präsentiert. 30, 40 Menschen drängen in die F.F. Sammlungen. Horst Fischer, langjähriger Präsident, heute Ehrenpräsident der Gesellschaft der Musikfreunde, den ich bis dahin nur vom Telefon kenne, spricht mich an. Er hat mich erkannt, weil alle anderen heute Abend Donaueschinger sind. Ist offenbar ihrs.

Die Donaueschinger würden sich mit den Musiktagen identifizieren, meint Fischer, obwohl viele eher Freunde von Klassik und Romantik wären. »Sie sind stolz auf die Tradition. 1921 war das fast revolutionär, wenn man nur an die wirtschaftlichen Probleme denkt. Der damalige Fürst hat seinem Musikdirektor Heinrich Burkhart freie Hand gegeben.« Die Gesellschaft der Musikfreunde gründete sich 1913; die Musiktradition Donaueschingens datiert aus dem 18. Jahrhundert. Von Hofkomponisten ist die Rede, der Name Mozarts fällt.

Der pensionierte Lehrer Fischer spricht von »Erfüllung«, wenn er die Musikfreunde meint. Manche seiner ehemaligen Schüler, die an Currans Perfomance beteiligt waren, sprächen bis heute von dem einmaligen Erlebnis, ein solches Musikstück einzustudieren. Wenn nicht zu den Musiktagen, so doch zu den vielen anderen Veranstaltungen der Musikfreunde kämen in erster Linie Donaueschinger. Der Bürgermeister sei bei den Musikfreunden Mitglied qua Amt. »Die Stadt finanziert, die Musikfreunde stellen das Programm auf.« Früher sei das die Aufgabe des Verkehrsamtsleiters gewesen, inzwischen gäbe es einen Fachmann beim Kulturamt, jenen Herrn Riedmann, selbst von Haus aus Musiker.

Was wie ein schöner, teurer Zeitvertreib klingt, war ein Politikum. Denn im NS-Staat galten die Werke der Komponisten, die in Donaueschingen aufgeführt wurden, Hindemith, Schönberg, Webern, als »entartete Musik«. Ein Mitgründer der Musikfreunde, der Architekt Georg Mall, kam deshalb der »Gleichschaltung« 1934 zuvor, die Gesellschaft löste sich auf. Mall initiierte 1946 die Neugründung. Seit 1950 finden die Musiktage wieder statt und sind eine »Laus im Pelz der Musikkultur«, wie es beim Mitveranstalter SWR heißt. Die phasenweise umstrittene Finanzierung, auch das ein Politikum, ist inzwischen durch eine teilweise öffentliche, teilweise private Finanzierung gesichert.

Festivalleiter Armin Köhler vom SWR betont, eine »Baustelle der Musik« wären die Musiktage: »Und auf einer Baustelle gibt es auch Rohbauten, in denen bekanntlich Potenziale für Zukünftiges liegen.« Wie auf jeder Baustelle werde hier entworfen, aber auch verworfen. »Scheitern ist mithin Teil des Konzepts. Und Scheitern hat bekanntlich eine katalysatorische Funktion.«

Waltraud Litz-Walter, wie Lienhard Zugereiste, sagt es anders. Bei den Musiktagen würden oft mythische Inhalte thematisiert. »Musiktage sind nicht nur Musik, es geht um alles, was man mit dem Ohr wahrnimmt.« Sonst wäre es langweilig, deutsche Provinz. Sie kenne nicht sehr viele Leute, die die Musiktage regelmäßig besuchen. Dennoch, Musik sei hier ein wichtiger Teil des sozialen Lebens, Kirchenchöre wären die Kontaktstellen. Auch sie singt im Chor.

Im privaten Museum Biedermann baut der Komponist Jens Brand seine Installation »Kleine Welt Maschine« auf. Das Haus zeigt neue Kunst und war seit seiner Eröffnung 2009 jedes Mal an den Musiktagen beteiligt. Der enorme Kronleuchter des historischen Spiegelsaals sei ein Problem für ihn gewesen, sagt Brand. »Deshalb habe ich ihn zum Thema gemacht.« Nun wird er in sachte Schwingung versetzt, ein daran befestigter Laser tastet Schallplatten ab. Eine davon bildet das Oberflächenprofil der Erde nach. Die Welt ist eine Scheibe, und heute liegt Donaueschingen in der Mitte - da, wo das Loch ist. Brand und sein Mitarbeiter basteln konzentriert, und schließlich klingt aus dem unverkleideten Lautsprecher ein Klang wie von einem heiseren Frosch, rau und sehr irdisch. Wie sagte Waltraud Litz-Walter? »Hinterher hörst du alles anders.«

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