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Wie Stubbe sich gegen Lyssenko behauptete

Vor 60 Jahren wurde die Akademie der Landwirtschaftswissenschaften gegründet: Moderne Agrobiologie kontra Genetik

  • Von Siegfried Kuntsche
  • Lesedauer: 5 Min.

Im Einklang mit einem Beschluss des Zentralsekretariats der SED beschloss der Ministerrat am 11. Januar 1951, die Deutsche Akademie der Landwirtschaftswissenschaften (DAL) zu bilden. In der Einheit von Wissenschaft und Praxis sollten Voraussetzungen entstehen, in Bälde die Produktionsleistungen weit über das Vorkriegsniveau zu heben und der Lebensmittelrationierung ein Ende zu setzen. Es ging um eine Akademie neuen Typs, um eine Symbiose von Gelehrtengesellschaft und Forschungsinstituten.

Schon im März nahm das Präsidium seine Tätigkeit auf - unter dem Vorsitz von Hans Stubbe. Diesen international bekannten Genetiker und Pflanzenzüchtungsforscher hatte die Elite der Agrarwissenschaftler in einer Beratung bei Landwirtschaftsminister Paul Scholz als Präsident favorisiert. Alles schien den vorgezeichneten Weg zu gehen. Allein - die für Ende April vorgesehene Konstituierung in einem Festakt des Ministerrats wurde abgesagt.

Ein US-Agent?

Was im Hintergrund vor sich ging, blieb der Öffentlichkeit verborgen. Es war ein unüberwindbarer Konflikt eingetreten. Sollte das Gebäude der Akademie auf dem Boden der modernen Agrobiologie entstehen oder auf der theoretischen Basis der Genetik? Das war die Kardinalfrage. Agrarwissenschaftlich nicht vorgebildet, setzten die ZK-Politiker gemäß der Hegemonialmacht UdSSR auf die Agrobiologie. Ihre Anhänger sollten im Plenum der Akademie ihren Platz finden und Trofim D. Lyssenko zum Korrespondierenden Mitglied berufen werden. Die in der Sowjetunion durch jenen administrativ durchgesetzte Lehrmeinung gab sich als »materialistische Biologie« aus - in Entgegensetzung zur Genetik, die als von den USA ausgehende Irrlehre abgestempelt wurde. Mit dem Rückhalt aller prominenten Agrarwissenschaftler stemmte sich Stubbe dagegen, Vertreter der modernen Agrobiologie in die Akademie aufzunehmen. Dafür sprachen nicht nur wissenschaftliche Gründe, sondern auch die Tatsache, dass Lyssenko-Anhänger wie ein politisch einflussreicher Jenenser Biologe den Boden fachlicher Auseinandersetzung verlassen hatten. Es wurde die Parole in die Welt gesetzt, Stubbe sei ein Vertreter des amerikanischen Imperialismus und er werde deshalb bald aller seiner Ämter enthoben sein. Stubbe forderte von den staatlichen Organen, solchen Verleumdungen ein Ende zu setzen. Er zog sich vom Präsidentenamt zurück und gab zugleich der Vermutung Raum, dass er - ein parteipolitisch ungebundener Wissenschaftler, der sich mit der Republik verbunden fühle - unter den gegebenen Umständen an einen Weggang denke. Ohne Stubbe und die Elite der Agrarwissenschaftler wäre die DAL zu einer zweitrangigen und wissenschaftlich vielleicht gar unfruchtbaren Einrichtung geworden.

Gespräch bei Ulbricht

Eine offene Zurückweisung der Irrlehren Lyssenkows war unter den realen Machtverhältnissen nicht möglich: Als Präsident der Moskauer Landwirtschaftsakademie war er zu Stalins Lebzeiten unangreifbar. Walter Ulbricht erkannte, wie viel auf dem Spiel stand. Nicht zuletzt sollte die zu bildende Akademie die agrarwissenschaftliche Elite an die DDR binden. Ulbricht lud Stubbe und weitere Agrarwissenschaftler zu einem Gespräch ein. Das Gespräch am 1. August 1951 sanktionierte das Stubbesche Akademiekonzept. Am 17. Oktober wurde die DAL in einem feierlichen Staatsakt der Regierung der DDR im Berliner Admiralspalast konstituiert. Stubbe empfing aus den Händen des Staatspräsidenten Wilhelm Pieck die Berufungsurkunde und die Amtskette. In seiner Antrittsrede benannte Stubbe die Problemfelder, vor denen die Agrarwissenschaften standen. Er betonte, das neue Gremium werde nicht eine Akademie der Repräsentation sein, sondern der Arbeit im Dienste der Landwirtschaft: »Wir werden dem Volke dienen getreu dem Wahlspruch unserer Akademie: In Frieden für Wahrheit und Fortschritt.«

Das Konzept einer Symbiose von Gelehrtengesellschaft und Forschungsinstituten wurde im ersten Wirkungsjahrzehnt Realität und trug Früchte. Als von NS-Funktionsträgern gemaßregelter Wissenschaftler bekannte sich Stubbe zum demokratischen Neuaufbau und zur Verbundenheit mit der UdSSR. Er anerkannte eine gesellschaftliche Führungsrolle der SED. Im Rahmen der staatlichen Planwirtschaft erreichte die DAL im wissenschaftlichen Leben ein hohes Maß an Selbstbestimmung. Das Aufnehmen des wissenschaftlich-technischen Höchststands der Vorkriegszeit und Anpassen an die neuen Agrarverhältnisse erfolgte auf dem Boden der internationalen Wissenschaftstrends. Durch wachsende Kontakte nach West wie Ost trug die DAL dazu bei, die durch das Naziregime verursachte Isolation zu überwinden.

Beneidete Institution

1960 rekrutierten sich die 49 Korrespondierenden Mitglieder des Plenums fast paritätisch aus Wissenschaftlern sozialistischer wie kapitalistischer Länder, unter ihnen 12 Persönlichkeiten aus der Bundesrepublik. Das Plenum und die Sektionen erarbeiteten Empfehlungen zur Lenkung der Agrarwirtschaft. Mit einer Vielzahl von Publikationsreihen verbreitete die Akademie wissenschaftlich-technische Kenntnisse und wirkte durch die Vortragstätigkeit ihrer Institute und die Mitwirkung an der Landwirtschaftsausstellung »agra« in Markkleeberg unmittelbar auf die landwirtschaftliche Praxis ein. Im Frühjahr 1960 begrüßte das Präsidium in einer Presseerklärung den Übergang aller Bauern in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG).

Als nach der Grenzabriegelung am 13. August 1961 eine striktere Durchherrschung der Gesellschaft eintrat, war auch die Akademie davon betroffen. Hans Stubbe, der bis zu seiner Emeritierung 1967 im Amt blieb, erlebte 1962, dass der Akademie ein von der Abteilung Landwirtschaft der SED-Zentrale ausgearbeitetes neues Statut präsentiert wurde. Allerdings wurde er seitens des Politbüros in dessen Beratung einbezogen. Stubbe war bereits Ehrenpräsident, als 1972 in der Akademie das staatliche Leitungsprinzip »Einzelleitung mit kollektiver Beratung« eingeführt wurde. In der Folge rutschte das Plenum - bisher höchstes Entscheidungsgremium - in den Rang eines Beraters ab. Bis zu seinem Tode im Mai 1989 blieb Stubbe dem wissenschaftlichen Leben in der Akademie verbunden.

Rückschauend auf die Akademiegründung 1951 wertete er mit Genugtuung die Akademie als »eine große Errungenschaft, um die wir international beneidet wurden.«

Professor Siegfried Kuntsche, Agrarhistoriker, wird auf dem Kolloquium »Agrarwissenschaften in Vergangenheit und Gegenwart« am 21./22. Oktober in Tellow/Mecklenburg referieren.

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