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Der nicht gekommene Aufstand

Volker Brauns helle Haufen, die Utopie und: Occupy Mainhattan!

»Utopie seit 1979« - der Slogan der »taz« ist sicher ermutigend gemeint, macht aber Angst und Bange. Eine Utopie gewinnt ja nicht durch ihr Alter an Kraft, zumindest nicht, wenn die »Realität seit 1979« sich offenbar nicht im geringsten für die Utopie interessiert.

Was Utopisten sich vorstellen, und was sich ereignet, findet selten zeitlich zusammen - in der Wirklichkeit. Anders in der Literatur. Volker Braun stellte auf der Messe seine neue Erzählung »Die hellen Haufen« vor. Dem schmalen Buch ist ein Bloch-Zitat vorangestellt: »Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern.«

Ein besseres Motto hätte sich kaum für dieses Werk finden lassen. Der Autor beginnt darin »wie ein Narr mit den Fakten« des gescheiterten Arbeitskampfes der Bischofferroder Kalikumpel vor knapp zwanzig Jahren, um sich dann Schicht für Schicht in einen erzählten Aufstand hinabzuarbeiten, der real gar nicht stattgefunden hat. Hätte er - wären ein paar kleine Dinge damals anders verlaufen - stattfinden können? Selbstverständlich, bei Braun können wir es ja lesen. »Wenn er seine Wahrheit hat«, heißt es im Klappentext, »so weil er denkbar war«.

Der denkbare Aufstand und die »Unerträglichkeit« der Tatsache, »dass wir Geschichte wahrnehmen, auch kritisieren, aber kaum beeinflussen« (Braun): An einen Pfeiler vor Halle 4 hat jemand ein Blatt Papier geklebt, auf dem er die vorbeieilenden Buchmenschen fragt: »Wie lange noch wollt Ihr die Missstände der Lebenswelt kommentieren und literarisch verarbeiten, bis Ihr endlich über das Potenzial eines gemeinsamen Kulturschaffens auch mit Menschen außerhalb des Betriebs den Dialog führt? Wie viel Natur muss noch zerstört werden, bevor wir unsere Kreativität bündeln, um den erforderlichen und möglichen Wandel auch umzusetzen?«

Brauns Gesprächspartner Alexander Cammann (»Die Zeit«) nennt das Manifest »Der kommende Aufstand« und stellt einen Zusammenhang her zwischen den »hellen Haufen« der Fiktion und den realen Menschen, die derzeit weltweit gegen die Macht der Banken, für reale Demokratie aufbegehren. Seine Literatur sei weder »Aufruf« noch »Programm«, antwortet der scheue Dichter, aber als »Alternativentwurf des Vergangenen« durchaus auch »so ein bisschen Zukunftsbuch«.

Eine erzählte Geschichte, geborgen aus den verschütteten Schichten der stattgefundenen Geschichte, als Möglichkeitsentwurf einer sich erst noch entwickelnden Geschichte? Auf Cammanns Frage, ob es unserer Gesellschaft an »utopischer Kraft« mangele, entgegnet Braun - resistent gegen jede Ideologie - marxistisch: »Das ist ja keine ernste Frage. Die Wirklichkeit selbst produziert die Dinge. Kommunismus entsteht aus Hunger.«

Volker Brauns Erzählung endet gewaltsam, blutig, in einer Niederlage der Aufbegehrenden mit ihren weißen Lappen und Keine-Gewalt-Parolen gegen die übermächtigen Organe des Staates. Am heutigen Sonnabend ruft die »Occupy Wall Street«-Bewegung zu Protestmärschen in Amerika, Asien, Europa, Afrika auf. In Frankfurt - »Occupy Mainhattan« - trifft der Haufen sich 12 Uhr an der Hauptwache, um zur Europäischen Zentralbank zu marschieren.

Im Island-Pavillon zur selben Stunde: Einar Kárason stellt seinen neuen Roman vor, eine Mittelalter-Geschichte, aber mit sehr gegenwartsbezüglichem Titel: »Versöhnung und Groll«.

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