Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Traumhaft schöne, bedrohte Inselwelt

Expedition auf dem russischen Forschungsschiff »Akademik Sergej Vavilov« nach Spitzbergen

Große Ereignisse werfen stets ihre Schatten voraus. Eine Expeditionskreuzfahrt nach Spitzbergen in die Arktis gehört wohl auch dazu. Zumindest für Elisabeth Grimm aus Berlin-Friedrichshain. Sie habe »Die Eissee« von Herbert Friedrich förmlich verschlungen, erzählt die Ärztin mit leuchtenden Augen. Seite für Seite. Wie packend der Autor die letzte Reise des Willem Barents beschrieben hat, die der Spitzbergenentdecker nach einer zweijährigen Odyssee im Eis schließlich 1597 mit seinem Leben bezahlte. Und mit jedem Kapitel reifte ihr Entschluss, den menschenfeindlichen Archipel im hohen Norden einmal selbst zu erobern. Ein wirklich kühner Plan, den das Mädchen 1984 in Ribnitz-Damgarten fasste: Denn geografisch lag die zu Norwegen gehörende Inselgruppe zwar im Norden, politisch jedoch im Westen und damit schlichtweg auf einem anderen Stern. 27 Jahre später sollte sich Elisabeths Kindheitstraum schließlich erfüllen.

Nun steht sie also an der Reling der »Akademik Sergej Vavilov«, eines russischen Forschungsschiffes, das von dem amerikanischen Spezialreiseveranstalter Quark Expeditions gechartert wurde, und mag den eignen Augen kaum trauen: ihr erster Eisbär in freier Wildbahn und das kurz nach Mitternacht in gleißendem Juni-Sonnenlicht, nur zwei Tage nach der Einschiffung in Longyearbyen, der kleinen Inselhauptstadt. Wie geschmeidig sich dieser Bursche entlang der Eiskante doch bewegt. An die 400 Kilo wird der Ursus maritimus auf den Rippen haben, erklärt Crewmitglied Ian Stirling, der kanadische Meeresbiologe. Eisbären sind die größten Landraubtiere weltweit. Noch ein halbstarker Teenager also, in ziemlich gelbem Pelz dazu, bemerkt Elisabeths Freundin Angelika Bublak. Das wäre aber auch gut so, ergänzt die gebürtige Friedländerin mit ihrem typisch mecklenburgischen Akzent spitz. Sonst würde Meister Petz im weißen Schnee ja nicht mal mit ihrem guten alten Carl-Zeiss-Fernglas auszumachen sein.

Es sollte eine kurze Nacht werden für die weitgereisten Passagiere. Selbst ein paar Australier und Südafrikaner sind an Bord. Die Mitternachtssonne macht den meisten doch mehr zu schaffen als erwartet. Sie bringt den Biorhythmus aus dem Tritt. Vier Monate, von April bis August, geht sie in Svalbard - so der offizielle norwegische Name des Archipels - nicht unter. Das rustikale Schiff lässt indes Ny-Ålesund, die nördlichste ständig bewohnte Ansiedlung mit dem legendären nördlichsten Postamt der Welt backbord hinter sich. Hier an der Westküste versteht der Reisende, warum Willem Barents die von ihm entdeckte arktische Inselwelt vor 400 Jahren Spitzbergen taufte. Hunderte, wenn nicht gar Tausende eisbedeckte Berge recken sich in den strahlend blauen Himmel. Es ist ein überwältigendes Panorama grandioser menschenleerer Schönheit. »Überall Gletscher und Schnee und Eis zwischen den Gipfeln und mächtige Moränen nach dem Fjord. Das sind die Urkräfte selbst in ihrer Entfaltung, Wasser und Stein, Schwere und Frost«, schreibt der Polarforscher, Autor, Politiker und Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen vor über einhundert Jahren nieder.

Nach dem Frühstück ankert die Vavilov im Smeerenburgfjord. Dann geht es mit den Zodiacs, den Schlauchbooten, zum ersten Landgang nach Smeerenburg, in die »Speckstadt«. Sie zählt zu den geschichtsträchtigsten Orten der gesamten Hohen Arktis. Die alte holländische Walfangstation wurde bereits 1620 gegründet. Die emporstrebenden Städte des Alten Kontinents gierten nach Lampenöl, Seife und Schmiermittel. All das wurde aus dem eingekochten Walspeck hergestellt. So begann eine bis dahin beispiellose Hatz auf den Grönlandwal, die ihn fast ausrottete. In »guten« Jahren schlachteten die Walfänger bis zu 1000 Tiere ab. Ganze Fjorde färbten sich dann blutrot. Noch heute zeugen die Reste der Tranöfen, Häuser und Gräber von dieser kurzen Epoche. Denn schon um 1660 wurde die Jagd dort zu unrentabel, und man überließ Smeerenburg einfach sich selbst.

Das gilt natürlich nicht für die knapp einhundert Passagiere auf Landgang. Die Führer sichern sie mit großkalibrigen Gewehren. Spitzbergen ist »Polar Bear Country«, das Tragen von Waffen außerhalb der wenigen Ortschaften ist aus Sicherheitsgründen vorgeschrieben. Im Augenblick tanken jedoch lediglich ein paar schwergewichtige Walrosse am Strand Sonne und genießen die hochsommerlichen Temperaturen von knapp über null. Scharf geschossen wird trotzdem, aber nur mit den großkalibrigen Teleobjektiven.

Am Abend, nach einem deftigen Menü in legerer Kleidung und lockerer Atmosphäre, erklärt der Münchner Geologe Wolfgang Blümel in einem Vortrag die Entstehungsgeschichte Spitzbergens. Wissenschaftliche Vorträge ersetzen das übliche Bordentertainment von Aida, Arosa und Co.

Das Forschungsschiff hat indes längst wieder Kurs Richtung Norden genommen. Draußen ziehen zwei majestätische Finnwale ihre Bahn, als ob sie die Besucher aus der fernen Welt eskortieren wollten.

Die Walrossinsel Moffen ist das nächste Etappenziel. Sie liegt genau 80 Grad nördlicher Breite, oder anders gesagt, nur noch 600 Seemeilen vom Nordpol entfernt. Zu Nansens Zeiten befand sich die flache Insel meist ganzjährig im festen Würgegriff des Eises. Heute muss das Schiff noch einen halben Tag nordwärts fahren, bis es das vermeintlich Ewige Eis erreicht, auf dem man theoretisch bis zum Nordpol laufen könnte. Noch. Denn nirgends vollzieht sich der Klimawandel dramatischer als an der Nordkappe. Das Packeis hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Rekordtempo zurückgezogen. Schlimmer noch, es ist außerdem viel dünner geworden. Die Überlebenschancen für Knuts wilde Verwandte stehen schlecht.

Elisabeth wusste, dass ihr Kindheitstraum wie das sprichwörtliche Eis in der Sonne zu schmelzen drohte. Gerade noch rechtzeitig wurde sie nun Zeuge einer arktischen Welt, die es so bald nicht mehr geben wird.

»Naturschauspiele im Nordmeer«, 10tägige Expeditionskreuzfahrt auf der MS »Sergey Vavilov« ab 3551€; Spartipp: Frühbucherrabatt 200 € (für Touren 2012) bei TUI Wolters, Tel.: (01805) 77 38 77 (0,14 €/Min.) oder direkt bei Quark Expeditions in den USA ab 3690 US-Dollar, www.quarkexpeditions.com

Literatur: »In Nacht und Eis«, Fridtjof Nansen über seine legendäre Polarexpedition 1893 – 1896 mit der Fram , 341 S., Salzwasser-Verlag, Paderborn, 29,90 €

Allgemeine Infos: www.spitzbergen.de

Nachhaltige Arktisreisen: www.aeco.no

Eisbären-Schutz: www.wwf.de

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln