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Entseelte Utopie

Vladislav Todorov mit »Motte« in Sofia

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Ein Roman noir: Die Story denkbar schlicht. Zwei junge Männer und eine Frau - Motte, Made und Ada - planen einen Überfall auf einen Juwelier. Ada erkundet die Lage, die Männer steigen ein, doch plötzlich erscheint der Juwelier. Er wird erschossen, ein Täter flüchtet, der zweite - unser Ich-Erzähler Motte - kommt für lange ins Gefängnis. Die Zeit: Anfang der Vierziger; vor den Zellenfenstern stürzt wenig später ein Regime. Motte, erfahren wir, sitzt fast unschuldig ein. Denn nicht er hat den Juwelier getötet, es war Made. Der mörderische Komplize macht im neuen Staat Karriere; er bringt es bis zum Major beim Geheimdienst, Made, dieser schwammige Kerl mit Fistelstimme, ein gemeingefährlicher Ordnungshüter. Ada verschwindet in einem Arbeitslager, später singt sie in einem Nachtclub. Und die Beute des Bruchs, ein schwarzer Diamant? Ist seit dem Raub verschwunden.

Unverkennbar sind die Anleihen beim nordamerikanischen Krimi der dreißiger, vierziger Jahre und beim Film noir. Hin und wieder zitiert der Verfasser sogar einen Klassiker: »Das ist der Postmann, der klingelt immer zweimal.« Hier wie dort, im Klassiker wie bei Todorov, stehen harte Typen im Mittelpunkt, Schuld und Unschuld verschwimmen. Trotz ihrer moralischen Ambivalenz besitzen Todorovs Figuren nur geringen Tiefgang, zeigen einen Hang zu Stereotypen. »Ich erstarrte«, sagt Motte. »Mir standen die Haare zu Berge.« Denkt er an Ada, heißt es: »Sie entfachte mit ihren Augen das Feuer in meiner Seele, und klebte ihr Gesicht an mein Gesicht.« Wegen dieser kitschigen Sprache wirkt der Ich-Erzähler wie ein Angeber - Motte, ein Mann mit dickem Ego und greller Erscheinung. Dann aber merkt man: Der Mann hat Angst vor der unbekannten Welt außerhalb der Zelle. Deshalb sein Machogehabe, deshalb die Übertreibungen, wie sie auch typisch waren für die Hardboiled-Krimis made in USA.

In den USA lebt Vladislav Todorov, geboren 1956, seit langem schon. Der Roman ist eine makabre Hommage an die Stadt seiner Kindheit: In Sofia spielt die Handlung, in sozialistischer Ära. Als Häftling muss Motte Steine brechen für das Mausoleum Georgi Dimitroffs. Eine Metapher - der sozialistische Aufbau entlarvt sich als Totenkult. Und an Totenkult erinnert auch ein Stalin-Diktum, das als Leitspruch über dem Text steht: »Der Tod löst alle Probleme - kein Mensch, kein Problem.«

1964, nach zwanzig Jahren Haft wird Motte entlassen; Motte ist 38, und hat nur noch 24 Stunden zu leben. Major Made, der treulose Kumpan, entführt und foltert ihn, dann gibt er ihm ein schleichendes Gift, um das Versteck des Diamanten zu erfahren. Motte kann sich befreien; er flieht durch eine labyrinthische Stadt; er sucht und findet Ada, die Liebste von einst. Ada - auf Bulgarisch heißt das »Hölle«. Mit den zwei Männern treibt dieses Teufelsweib ein teuflisches Spiel. Während Motte durch Sofia hetzt, registriert er die Attribute der neuen Ära: Massengesänge, »die den roten Morgen und den Klassenkampf priesen«, und Parolen in Schaufenstern. Gemäß den Dogmen der neuen Ära müsste die Stadt nun ein heller Ort sein, ein Versprechen auf Zukunft, doch dieses Sofia ist farblos, zerfallen, die Schwarz-Weiß-Skizze einer entseelten Utopie. «Wenn Sie auch aus jenem Teil der Welt stammen, wird Ihnen das alles bekannt erscheinen«, so Vladislav Todorov in einem Interview.

Das realsozialistische Ambiente ist eher Staffage, eine Pappkulisse, um Gruselstimmung zu erzeugen. »Das Ende beginnt bereits am Anfang.« - Dieser Satz illustriert nicht nur Mottes Schicksal, er passt auch auf das System, in das der Gangster 1963 hineinstolpert.

Vladislav Todorov: Die Motte. Roman noir. Aus dem Bulgarischen von Roumen M. Evert und Ines Sebesta. Dittrich Verlag. 150 S., brosch., 12,80 EUR.

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