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Wutbürgerin mit Bild und Wort

Der Malerin, Grafikerin, Zeichnerin Heidrun Hegewald zum 75. Geburtstag

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Heidrun Hegewald wird heute 75. Vor kurzem erschien ein neues Buch mit verschiedenen Texten von ihr. Am 17. Dezember wird in der Städtischen Galerie Eisenhüttenstadt eine umfangreiche retrospektive Ausstellung ihrer Gemälde und Zeichnungen eröffnet werden und gleichzeitig die Übergabe ihres künstlerischen Nachlasses ins Kunstarchiv Beeskow vereinbart.

Es gibt Landschaftsdarstellungen von ihr, dunkle, sturmgepeitschte Wolken über der Ostseeküste, wo sich die in Meißen Geborene, seit Jahrzehnten in Berlin Lebende vor Jahren einen zweiten Arbeitsort in Wustrow mietete. Aber diese Naturansichten können wohl nur als eine Variante jener Anteilnahme an Menschenschicksal begriffen werden, die das ganze Schaffen Hegewalds bestimmt.

Kunst kann durchaus mit verschiedenen Wirkungsabsichten geschaffen werden. Hegewald will warnen und aufstören. Die Figuren in ihren Bildern sind von Sorgen und Ängsten erfüllt, viele werden irregeleitet, gequält und getötet oder sie quälen und töten. Täter wie Opfer werden zu verzerrten, zerdehnten, aneinander geklammerten Monstern. Auch Porträts von Freundinnen zeigen diese beunruhigt.

Sie malte und zeichnete zunehmend dunkler, verschatteter und nichts, was Zufriedenheit mit dem Leben in der DDR herstellen konnte, die sie dennoch als ihr Land ansah, für das sie sich mitverantwortlich fühlte. Die Kulturpolitik sah so etwas ungern, aber weil sich Bilder, die Gewalt gegen Frauen und Mütter drastisch anprangerten, als etwas interpretieren ließen, das nur auf kapitalistische Realität bezogen sei, erfuhr Hegewald langsam Anerkennung. Sie war unter den letzten, die einen Nationalpreis der DDR bekamen.

In der Kunstszene, in die sie nach 1990 geriet, konnte sie nur am Rand Platz finden. Es hatte ja für engagierte Realisten eine nicht nur kulturelle Eiszeit begonnen, gegen die sie im Antieiszeitkomitee bei der PDS mitwirkte. Sie griff seither neben dem Zeichnen mit Kohle immer mehr zum geschriebenen und gesprochenen Wort, das sie ebenso stark und fantasievoll wie ihre Bilder einzusetzen vermag, um andere Künstler vorzustellen, falsche Politik in aller Welt anzugreifen und in Tagebuch-Selbstgesprächen, aufgespalten in Frau K. und Frau H., unablässig ihr eigenes Denken und Tun zu reflektieren. Das alles neben einer existenzsichernden Arbeit als Arzthelferin.

Ihre Bilder von vernachlässigten Kindern, verlassenen Frauen, trauernden Müttern, Volksverführern, Maskierten und Ermordeten, gescheitertem Ikarus und unerhörter Kassandra bleiben wichtige Symptome eines Abschnitts von deutscher und Weltgeschichte, um dessen Bewertung Hegewald auch in ihren Texten ringt (zuletzt: Ich bin, was mir geschieht, Verlag Neues Leben), und allgemein noch lange gestritten wird. Die Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde verlieh ihr wohlbegründet den Menschenrechtspreis. Neuerdings ist der Begriff Wutbürger aufgekommen. Heidrun Hegewald ist seit langem eine Wutbürgerin, und da sie sich weigert, ihre Weltsicht Kunsthändlern und möglichen Käufern anzupassen, auch eine Mutbürgerin. Gratuliert sei einer Unbeugsamen!

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