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Wie geht's im Protestcamp?

Student Erik Buhn über Meinungsvielfalt und Krapfen am Morgen / Der 27-jährige Aktivist von Occupy Frankfurt zeltet vor der Europäischen Zentralbank

Fragwürdig: Wie geht's im Protestcamp?

ND: Wie kamen Sie zum Camp?
Buhn: Nach der Demo am Samstag haben die ersten ihre Zelte aufgeschlagen. Ich dachte, dass das Camp spätestens am Dienstag mit Regen und Kälte enden würde. Doch dann war ich so begeistert, dass ich am Dienstag bei Regen und Kälte mein eigenes Zelt aufbaute, um meine Prognose zu widerlegen. Die Zahl der Zelte hat sich inzwischen mehr als verdoppelt.

Was macht den Reiz aus?
Ich habe nie viel von Demos gehalten, weil eine Demo allein nicht viel bewegt. Mit diesem Camp ist es anders. Wir erfahren starke Solidarität aus der Bevölkerung. Damit ist auch die Behauptung von einer allgemeinen Politikverdrossenheit widerlegt. Die Leute interessieren sich nur für die bisherige Politik nicht, sind aber sehr an politischen Fragen interessiert und können sich begeistern.

Was haben Sie bisher erlebt?
Wir im Camp sind überwiegend jüngere Leute, aber die Besucher sind vor allem Menschen im mittleren oder Rentenalter, auch Bankangestellte. Bisher habe ich nur einen Mann erlebt, der gar kein Verständnis hatte. Viele Leute bringen Geschenke. Am Mittwochmorgen erlebte ich nach einer Stunde Schlaf und einer Tasse Kaffee am Feuer, wie uns eine ältere Frau Krapfen und Zahnbürsten brachte. Diese Geste hat mich sehr bewegt. Das Schauspielhaus und der DGB stellen uns Räume zur Verfügung. Wir brauchen die aktive Unterstützung von Menschen in verschiedenen Organisationen.

Welche Ziele verfolgen die Campbewohmer?
Unterschiedliche Erfahrungen haben uns zur Empörung über die Zustände in Wirtschaft und Politik und die Ungleichverteilung von Vermögen und Lebensmitteln gebracht. Wir sind eine plurale Bewegung mit unterschiedlichen Ansichten. Die Bandbreite reicht von kleinen Reformen bis zu großen Systemkonzepten. Diese Vielfalt ist Schwäche und Stärke zugleich. Es gibt keine Pressesprecher, denn jeder vertritt seine eigene Meinung. Die Diskussionen sind etwas chaotisch, aber sie werden moderiert. Jeder kann sie mitgestalten, das macht auch den Charme der Bewegung aus. Die Meinungsvielfalt zu koordinieren ist schwere, harte Arbeit.

Haben Sie die Hoffnung, 99 Prozent der Bevölkerung auf die Straße zu bringen?
Sicher nicht alle 99 Prozent auf die Straße. Aber wir spüren, dass die Mehrheit der Bevölkerung mit den Zuständen unzufrieden ist. Auch der eine oder andere von den Polizisten, die bislang sehr kooperativ waren, gehört zu den 99 Prozent.

Es gibt Bedenken, dass Rechtsextreme auf den Zug aufspringen könnten.
Wir sind pluralistisch und so tolerant wie möglich. Zu unseren Grundsätzen gehören aber auch Gewaltlosigkeit, internationale Solidarität und die Überwindung von Grenzen.

Welche praktische Hilfe braucht das Camp am dringendsten?
Wer schon einmal bei Kälte gezeltet hat, weiß, was uns fehlen könnte: Brennholz und mehr Feuertonnen, Decken und Schlafsäcke.

Fragen: Hans-Gerd Öfinger
Demo am Samstag in Frankfurt am Main: 12 Uhr, Rathenauplatz

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