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Premiere mit Hindernissen

Erste Satelliten des westeuropäischen Navigationssystems »Galileo« wurden mit einer Sojus-Rakete von Kourou gestartet

  • Von Jacqueline Myrrhe
  • Lesedauer: 3 Min.

Auch Bummelanten kommen irgendwann an. Am Freitag um 12.30 Uhr MESZ hob in Kourou im südamerikanischen Französisch-Guyana eine russische Sojus-Trägerrakete mit den ersten beiden Satelliten für das westeuropäische Navigationssystem »Galileo« ab. Die Startverschiebung von Donnerstag auf Freitag war nur die letzte einer ganzen Kette von Verzögerungen, unter denen sowohl das »Galileo«-Projekt der EU als auch die »Neuansiedlung« des Arbeitspferds der russischen Raumfahrt litten. Bislang flogen die Sojus-Raketen nur vom kasachischen Baikonur oder dem nordrussischen Plessetzk aus ins All.

Bereits 1998 begann die Europäische Raumfahrtorganisation ESA über den Start der zuverlässigen und preiswerten Sojus-Raketen von Kourou aus nachzudenken. Die ESA verfügte mit der Ariane-V-Rakete nur noch über einen Träger für große Nutzlasten. Für kleine ESA-Missionen, insbesondere wissenschaftliche, musste man daher auf die Sojus mit ihrer mittleren Nutzlastkapazität zurückgreifen. Zugleich erlaubt die Äquatornähe Kourous eine Kapazitätssteigerung der Sojus von 1,7 Tonnen auf 3 Tonnen für Flüge in den geostationären Orbit. Nach dem offiziellen Start 2004 begannen 2005 die Bodenarbeiten für das am Ende 468 Millionen Euro teure Projekt. Beim Aushub der Grube für den nur 13 Kilometer nordwestlich vom Ariane-Startplatz entfernten Sojus-Starttisch trafen die Bauarbeiter statt auf den erwarteten Granitfelsen auf Geröllschichten. Allein die Bodenvorbereitung nahm dadurch ein Jahr in Anspruch. Die nächste Verzögerung kam mit der Überarbeitung der Pläne für den Versorgungsturm. Anfangs als unbewegliche Konstruktion gedacht, erkannten die Ingenieure schnell, dass ein mobiler, belüfteter Turm mehrere Probleme lösen kann: Schutz vor dem tropischen Klima mit der hohen Luftfeuchte, Beibehaltung der bereits bei der Ariane praktizierten vertikalen Integration der Nutzlast auf dem Träger und die Vermeidung akustischer Interferenzen zwischen Rakete und Versorgungsturm während des Starts.

Andererseits traten vorher erwartete Probleme nicht ein, auch weil westeuropäische Unternehmen mit langjähriger Russlanderfahrung halfen, die Bodenausrüstung an westeuropäische Normen anzupassen. So wird der Sojus-Erststart von einem Lobgesang auf die europäisch-russische Partnerschaft und die Rakete begleitet. Das Arbeitspferd der sowjetisch-russischen Raumfahrt wurde mit fast 1780 Starts schon für alle denkbaren Missionen eingesetzt: vom Erdorbit über die geostationäre Umlaufbahn bis zum Flug zum Mars. Die sonst üblichen Proteste der europäischen Raumfahrtindustrie dagegen, dass europäische Steuergelder nach Russland gehen, sind bislang ausgeblieben. Dabei haben die Russen mit dem »Sojus in Kourou«-Projekt kein schlechtes Geschäft gemacht.

Das Raumfahrtunternehmen ZSKB Progress in Samara produziert wieder 15 bis 20 Sojus-Raketen pro Jahr. Auch der Startbetrieb obliegt russischen Spezialisten. Vermarktet wird die Rakete vom europäischen Startdienstleister Arianespace. Wenn Anfang 2012 die Vega-Rakete der ESA für kleine Nutzlasten zum Portfolio gehören wird, kann Arianespace eine komplette Trägerfamilie anbieten. Für Sojus hat die Firma bereits 17 Kunden, obwohl noch nicht ein einziger Start absolviert wurde.

Trotz des kürzlich gescheiterten Flugs eines russischen Progress-Transporters zur Internationalen Raumstation sah man in Kourou der Premiere gelassen entgegen. Denn die zerstörte Rakete besaß eine ganz andere dritte Stufe.

An Bord der stark verbesserten und mit einer verbreiterten Nutzlastverkleidung ausgestatteten vierstufigen Sojus ST-Version befinden sich mit »Tiis« und »Natalia« die ersten beiden je 700 Kilogramm schweren Satelliten für die Bewertung des »Galileo«-Navigationssystems unter Einsatzbedingungen. Die komplette Konfiguration soll dann aus 27 aktiven und drei Reservesatelliten bestehen. Die ersten vier Satelliten wurden von EADS Astrium Friedrichshafen gebaut, während der Auftrag für die nächsten 14 Satelliten an OHB Bremen ging. Die navigationstechnische Unabhängigkeit lässt sich die Europäische Kommission, der Hauptfinanzier von »Galileo«, geschätzte vier bis fünf Milliarden Euro kosten, Tendenz steigend. Gleichzeitig mit Europa sind die Russen dabei, ihr veraltetes GLONASS-System aufzumöbeln, die USA modernisieren GPS und China ist dabei, das eigene Beidou-System als nationale Priorität voranzutreiben. Am Ende bleibt die Frage, ob die Welt vier Navigationssysteme braucht.

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