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Zeit des Zorns

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Mensch leidet derzeit gründlich an »innerer Ermüdung« (US-Soziologe Richard Sennett), steckt tief in täglichen Kriegen der Entfremdung. Viele - und es werden mehr - werden unverhofft, unaufhaltsam an den Rand sozialer und ethischer Entwertungen gedrückt. Globalisierung ist ein kalter Sturm. Die Gier der Banken frisst sich gefährlich frech in die Gesellschaften. Eine auf Regelung und Ausgleich und Gesetzeskunst vereidigte Politik trägt geduldig ihren Nasenring und wird vorgeführt. Euro, Demokratie, Europa, Finanzmarkt, Kredite, Staatsanleihen, Parteien, Integration, Chancengleichheit, Lohngerechtigkeit - alle Worte reimen sich böse hallend auf: Krise.

Angesichts dessen scheint ein menschlicher Seelenfrieden derart mühsam herzustellen, dass er auch ohne Bezug zur Gemeinschaft, ohne Solidarität auskommen kann - vor allem kommt er offenbar ohne mobilisierenden Gruppenbezug zu Rande. Nun aber wuchs Zorn. Er macht sich Platz und füllt Plätze in Metropolen. Er geht gegen politische Sackgassen auf die Straße. Posen und Gesten der Wut sind von Verwünschungsritualen antiker Tragödien kaum zu unterscheiden. »Occupy« und »Wer are the 99%« avancierten zu Vor-Worten eines neuen Anglizismus, der im Dienste des agilen Unmuts steht. Dieser Zorn greift über Länder und Kontinente. Das Internet fungiert als Flugblatt, Anheizer, Organisator.

Er besetzte sogar die New Yorker Wall Street und das deutsche Mainhattan Frankfurt. Es ist eine Welle, die aus der Mitte der Gesellschaft schwappt. Das hält den Protest (bislang) großenteils friedlich; denn es ist ein Unterschied, ob junge Menschen wegen ihres Anspruchs auf Zukunft rebellieren oder - wie im brennenden London geschehen - wegen eines Lebens, das nicht mal Gegenwartswert hat.

Plötzlich gespenstert auchMarx wieder, und dies Gespenst schreckt nicht ab, es scheint zu locken. Bestand eine der ersten - freiwillig oder furchtsam vollzogenen - Anpassungsakte des vor zwanzig Jahren sich emanzipierenden Ostmenschen darin, das Wort »Kapitalismus« tunlichst zu vermeiden und folgsam nur noch von »sozialer Marktwirtschaft« zu sprechen, so sind heute einschlägige Begriffe wie Enteignung oder Ausbeutung oder Zentralisierung längst nicht mehr nur linkes Vokabular.

»Kapitalismus - kaputt?« titelt »Die Zeit« eine analytische Serie; Jens Jessen schreibt darin von den »stumm randalierenden Protestzügen«, ein Bild »ungeheurer Entmutigung«. Die Demonstranten seien wie Schafe, »die auf dem Weg zur Schlachtbank blöken«. Wo aber »stumme Duldung die einzig empfohlene Haltung« bleibe, habe das Politische keine demokratische Adresse mehr. Klingt dieser Ruf nach Handeln am Ende nicht ein wenig nach notwendig härteren Gangarten des Protestes? Zorn und Verunsicherung und Einsicht sägen da auf seltsam unberechenbare Weise Denkbarrieren an.

Dass Massen wieder auf die Straße gehen, erlaubt freilich keinen Kurzschluss auf eine neue, gar homogene politische Bewegung. Ein Widerspruch ist offenbar: Ein System, das die Freiheit zuvörderst als Freiheit des Individuums feiert, baut die Souveränität, den Bürgerstolz dieses Einzelnen auf - aber just diese Freiheit gefährdet auch ein Pflichtgefühl: nämlich jenes befestigte Selbstbewusstsein gemeinsinnig einzusetzen.

Stéphane Hessels so erfolgreich verkauft Mahnschrift heißt nicht: Empöre Dich!, sie fordert: Empört Euch! Schwierig. Einst, in Hoch-Zeiten der Friedens- und Antikriegsbewegung, standen viele gegen ein Elend auf, heute eint sie nur noch das Elend, als derart Viele so allein zu sein. Das Bewusstsein für jene helfende Potenz, die ein politischer Zusammenschluss haben kann, verflüchtigte sich weitgehend. Wächst dies Bewusstsein nun wieder ein wenig, wird es gar tragfähig, um Verhältnisse zum Tanzen zu bringen?

Auf den Straßen trifft sich der Kampfeswille mit der Abenteuerlust, das Wir-Bedürfnis mit der Lust auf Selbstdarstellung. Wo keine Theorie des Fortschritts mehr hilft - vielleicht hilft die wachsende, gemeinsame Angst?

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