Von Werner Ruf

Gaddafi ist tot: »Ein Störenfried weniger!«

Der Arbeit an seinem Mythos ist der libysche »Bruder Oberst« bis zum Schluss treu geblieben

Noch sind die genauen Umstände des Todes von Muammar al-Gaddafi unklar. Einiges deutet darauf hin, dass er nach seiner Festnahme am Donnerstag hingerichtet wurde. Man erspare sich damit ein Gerichtsverfahren und könne sofort die »Herausforderungen der Zukunft« annehmen, behaupten »Experten«. So wird Lynchjustiz zur Basis für einen neuen Staat erklärt.

Der am 20. Oktober getötete Muammar al-Gaddafi wurde am 19. Juni 1942 in einem Beduinenzelt nahe Sirte in der damaligen italienischen Kolonie Tripolitanien geboren. Wie viele junge Männer in der damaligen arabischen Welt wählte er den einzigen Weg zu relativem sozialen Aufstieg, die Armee. 1961 trat er in die libysche Militärakademie ein, die er 1966 als Leutnant verließ. Sicher ist, dass er eine weitere militärische Ausbildung in Großbritannien erhielt, wobei strittig bleibt, ob er tatsächlich an der prestigereichen Königlichen Militärakademie in Sandhurst eingeschrieben war. Gaddafi war ein glühender Verehrer des ägyptischen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser (gestorben 1970), dessen panarabischen Ziele seine politischen Vorstellungen prägten.

Am 1. September 1969 putschte Gaddafi, der sich hinfort Oberst nannte, und setzte den auf einer Auslandsreise in der Türkei weilenden libyschen König Idris I. ab. Der Monarch war zugleich Oberhaupt der einflussreichen Senussiya-Bruderschaft, nach der Befreiung Libyens vom italienischen Faschismus hatte Großbritannien ihn als Staatsoberhaupt eingesetzt.

Fehlgeschlagene Einigungsversuche

Schon am Tag nach dem Putsch landete der Oberst seinen ersten großen Coup in der internationalen Politik, indem er die Schließung der größten US-amerikanischen Luftwaffenbasis im Ausland - Wheelus Air Base - befahl und die Amerikaner zum Abzug zwang, der bis Juni 1970 abgeschlossen war. Sein politisches Hauptziel blieb die arabische Einigung, doch verschiedene Initiativen zu einer Union, zunächst mit Ägypten, dann mit Tunesien, schlugen fehl. Am längsten, ganze dreieinhalb Jahre, bestand auf dem Papier eine 1984 mit Marokko geschlossene Union.

Immer hatte Gaddafi es verstanden, seine politischen Pläne mit den gewaltigen Finanzmitteln seines Öl und Gas exportierenden, bevölkerungsarmen Landes zu unterfüttern. Stets aber hatte er auch einen ideologischen Führungsanspruch angemeldet: In seinem 1973 veröffentlichten »Grünen Buch« formulierte er eine »Dritte Universaltheorie« jenseits von Kapitalismus und Kommunismus und propagierte eine revolutionäre Alternative zur damals in linken Kreisen des Westens goutierten »Maobibel«. Konsequent unterstützte Gaddafi antikoloniale Befreiungsbewegungen vor allem in Afrika, zeitweise aber auch die Irisch-Republikanische Armee in ihrem bewaffneten Widerstand gegen Großbritannien. Eine Führungsposition für Libyen versuchte er ebenso durch Entwicklung und Erwerb von Massenvernichtungswaffen zu erlangen, auch die Verantwortung für terroristische Anschläge wie den auf die Westberliner Diskothek »La Belle« im Jahre 1986, als US-Soldaten ums Leben kamen, wurde ihm zugeschrieben. Die USA beantworteten diesen Anschlag im April desselben Jahres mit der Bombardierung von Tripolis, wobei fast 200 Menschen, darunter eine Adoptivtochter Gaddafis, starben.

Libyen wurde dann Boykottmaßnahmen unterworfen, die schließlich darin endeten, dass das Regime Gaddafis die Verantwortung für den Anschlag auf ein Flugzeug der US-amerikanischen Gesellschaft PANAM über dem schottischen Lockerbie im Jahre 1988 übernahm, einen mutmaßlichen Attentäter auslieferte, die Produktion von Massenvernichtungswaffen einstellte und seine Bestände internationaler Kontrolle unterstellte.

Vom Geschmähten zum Kooperationspartner

Seit Beginn des neuen Jahrhunderts kooperierte Gaddafi eng mit dem Westen, öffnete westlichen Erdölgesellschaften den Zugang zu den libyschen Quellen, vor allem aber füllte er seine Arsenale nun mit westlichen Waffen. Er arbeitete eng und mit äußerster Brutalität mit der EU bei der Bekämpfung von Flüchtlingsströmen aus Schwarzafrika zusammen, was dem reichen Land zusätzliche Einkünfte in Höhe von rund 50 Millionen Euro jährlich bescherte. Ebenso brutal unterdrückte er die islamistische Opposition im Lande.

Dennoch blieb der »Bruder Oberst«, wie er sich gerne nennen ließ, eine ungeliebte Figur: Er bestand darauf, dass der libysche Staat die Mehrheit an allen Gesellschaften behielt, die mit der Ölförderung und dem Ölexport beschäftigt waren. Auch seine Einigungsträume gab er nicht auf: Verschmäht von den arabischen Brüdern, wandte er sich nach Afrika, wo er durch gewaltige finanzielle Unterstützung und in enger Zusammenarbeit mit Südafrika die Afrikanische Union als Nachfolgerin der Organisation für Afrikanische Einheit zu einem gewichtigen internationalen Akteur aufbauen half.

Vor allem aber den Monarchien am Arabischen Golf blieb Gaddafi ein Dorn im Auge: Mit seinen panarabischen und in der Theorie basisdemokratischen Ideen, nicht zuletzt aber wegen seiner eigenwilligen Islaminterpretationen galt er als permanente Gefahr für die dortigen autoritär-absolutistischen Ordnungen. Nicht zufällig war es die Arabische Liga, die auf einer von den Golfstaaten beherrschten Sitzung die Einrichtung jener ominösen Flugverbotszone forderte, die der UN-Sicherheitsrat in seiner Resolution 1973 vom 17. März 2011 zur Grundlage für den Krieg der NATO gegen Gaddafis Herrschaft machte.

Wie auch immer man die Diktatur des »Bruders Oberst« bewerten mag: Sie war und ist nicht die einzige ihrer Art unter den Freunden des Westens, zu denen sich Gaddafi im letzten Jahrzehnt zählen konnte. Sie achtete jedoch darauf, ein Mindestmaß an Kon-trolle über die Ausbeutung der libyschen Ressourcen zu behalten. Sie hatte mit der Afrikanischen Union ein relatives Gegengewicht des Schwarzen Kontinents in der internationalen Politik aufgebaut, das auch in den Vereinten Nationen zunehmend Gehör fand.

Dieser potenzielle Störfaktor der neoliberalen Ordnung ist nun ausgeschaltet. Ob das auch als Lehrstück gemeint ist? Wie auch immer: »dead or alive« (tot oder lebendig) war die Devise zur Ergreifung Gaddafis schon zu Beginn dieses Krieges, in dem die NATO sich zur Luftwaffe der einen Bürgerkriegspartei machte. Nun ist er tot. Das erspart einerseits lästige Verfahren, die zumindest ein Minimum an Rechtsstaatlichkeit gefordert hätten. Andererseits hat er - anders als der Dieb Ben Ali in Tunesien - sein Versprechen gehalten, notfalls als »Märtyrer« mit der Waffe in der Hand bei der Verteidigung seines Vaterlandes gegen die Invasoren zu sterben. Der Arbeit an seinem Mythos ist Gaddafi bis zum Schluss treu geblieben.

Dr. Werner Ruf (74), Politologe und Friedensforscher, war Professor für internationale Politik an der Universität Kassel.

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