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Adenauers Bruchbude

Im Eifeler Kammerwald zerfällt seit 55 Jahren ein geheim geplantes Kanzler-Gästehaus

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Vor 55 Jahren waren Bauarbeiter in der Eifel mitten im Wald gerade dabei, ein verschwiegenes Gästehaus für Konrad Adenauer hochzuziehen, als plötzlich ein Anrufer befahl: »Arbeit sofort einstellen.« Die Sache war bekannt und damit zu heikel geworden. Noch immer bröckelt die Ruine ungesichert vor sich hin. Es fehlt das Geld zum Abriss.
Auf Antrag des damaligen AEG-Chefs errichtet: der Rohbau des Gästehauses für Adenauer.
Auf Antrag des damaligen AEG-Chefs errichtet: der Rohbau des Gästehauses für Adenauer.

In Massen strömen die Touristen nicht gerade nach Duppach. Die Friedhofskapelle aus dem Jahr 1470, eine säuerlich schmeckende Mineralquelle und ein vulkanisches Trockenmaar - das ist so ungefähr alles, was den einen oder anderen Besucher anlockt.

Dabei hätte das 300-Einwohner-Dorf in der Eifel nordöstlich von Prüm fast eine Attraktion ersten Ranges bekommen: Vor 55 Jahren nämlich wuchs auf einem 605 Meter hohen Hügel im Duppacher Kammerwald ein sonderbares Gebäude in die Höhe, um das kein großer Wind gemacht werden sollte. Es war für Konrad Adenauer bestimmt - ein kleines Dankeschön von Industriellen an den ersten Kanzler der Bundesrepublik.

Doch das teilweise zweigeschossige Jagd- und Gästehaus mit 600 Quadratmetern Wohnfläche und überdachter Terrasse, ein Ort für verschwiegene Konferenzen und diskrete Gespräche am Kamin, brachte es nur bis zum Rohbau aus Beton- und Ziegelsteinen. Einer der Bauarbeiter, der inzwischen verstorbene Paul Weber aus Duppach, berichtete, dass die Heizung schon funktionierte; auch die Fensterrahmen waren bereits eingebaut und vor dem Haus lagen schon die Sträucher zum Bepflanzen. Doch plötzlich, im März 1956, erreichte ein Anruf die Baustelle: »Sofort alles einstellen!«, hieß es.

Fernsicht zur Nürburg

Noch drei Tage lang erhielten die Arbeiter ihren Lohn, dann war alles aus. Das Haus inmitten des 2000 Quadratmeter großen Grundstücks verkam zur Ruine, deren Mauern bröckeln und durch deren hohle Fenster es hineinregnet. Rostige Heizkörper liegen herum, im maroden Betonboden von Erdgeschoss und erstem Stock klaffen riesige Löcher.

Die Ruine lag bei Baubeginn wunderschön in der Landschaft. Der Blick konnte ungehindert in die Ferne schweifen, bei guter Fernsicht waren die Nürburg und die 747 Meter hohe Basaltkuppe der Hohen Acht zu sehen, zudem der hundert Meter niedrigere Vulkanschlacken-Kegel des Nerother Kopfes. Die Bauarbeiter zogen eine Stromleitung von Duppach bis hinauf auf den Hügel, im Tal fassten sie eine Quelle ein und legten eine Wasserleitung bis zum Haus, durch die eine Hochleistungspumpe frisches Nass pumpte. Auf dem Dach des Hause soll sogar ein Hubschrauberlandeplatz geplant gewesen sein, doch könnte das auch ein Gerücht sein.

Überhaupt war zunächst alles wie geschmiert gelaufen. Am 11. Juli 1955 hatte ein Baurat Dr. Friedrich Spennrath beim Landratsamt Prüm den Bauantrag für das Projekt LS 36/55 gestellt - unter dem Titel »Neubau eines Jagd-, Wochenend- und Gästehauses bei Duppach«. Laut Bauakte sollte der Architekt Heribert Multhaupt sein, Adenauers Schwiegersohn; den Bau selber jedoch leitete schließlich der Kölner Architekt Horst Mathow. Der Antragsteller Spennrath war kein Geringerer als der damalige Chef des Elektrokonzerns AEG, einer der engsten Freunde Konrad Adenauers.

In der Eifel kannte man Spennrath - immerhin hatte sein Unternehmen bei Duppach ein mehrere tausend Quadratmeter großes Jagdrevier gepachtet. Regelmäßig frönten dort Prominente aus Politik und Wirtschaft ihrer Jagdlust - darunter der Bundesminister für Atomfragen, Franz-Josef Strauß, und Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier. Ob Spennrath die Idee zum Bau des Gästehauses hatte oder eine der Töchter Adenauers, bleibt unklar. Ungewiss ist auch, welche drei Firmen neben der AEG am Bau beteiligt waren. Jedenfalls wurde dem Bauantrag für das exklusiv gelegene Gästehaus bereits nach zwölf Tagen stattgegeben.

Ein deutsches Camp David?

»Spennrath kriegte die schnellste Baugenehmigung in der ganzen Eifel«, will Michael Preute erfahren haben. Viel besser bekannt unter dem Autorennamen Jacques Berndorf, hat Preute eine Szene seines Buchs »Eifel-Jagd« in der Adenauer-Ruine spielen lassen - mit der Folge, dass bis heute Krimifans sich zur brüchigen Ruine aufmachen. Haupt- und Sondergenehmigungen für Zuleitungen und dergleichen seien jedenfalls so schnell erteilt worden, dass jeder Eifeler, der damals versucht habe, auch nur den Bau einer Garage genehmigt zu bekommen, Preute zufolge »stinksauer« gewesen sei.

Darüber, ob der erste Kanzler der Bundesrepublik vom Bau des Hauses etwas gewusst hat, sind die Meinungen stets auseinander gegangen. Heinz Müller, ein früherer Forstamtsrat aus Duppach, der 2003 verstarb, berichtete, er habe Adenauer seinerzeit im Kammerwald höchstpersönlich gesichtet. Müller erzählte am Telefon weiter, er selber habe mit der Adenauer-Tochter Lotte Multhaupt den Bauplatz ausgesucht und mit der Wünschelrute eine Quelle für die Wasserzufuhr ausgekundschaftet: »Ich bin mit der Lotte jede Woche hier gewesen.« Selbstverständlich habe der Kanzler von dem Projekt gewusst, alles andere sei »Quatsch«. Und die Eifel habe er geliebt. Nach Ansicht Michael Preutes hat Adenauer zu dieser Landschaft jedoch »gar keine Beziehung« gehabt.

Wie auch immer - offenbar sollte dem Bundeskanzler mit dem Haus etwas Gutes getan werden. »Es sollte wahrscheinlich nach amerikanischem Vorbild eine Art deutsches Camp David werden«, schreibt Preute in »Eifel-Jagd«.

Zum Baustopp im Frühjahr 1956 kam es, weil die Geheimhaltung rund um das Bauprojekt zusammenbrach. Denn am 19. August 1955, also mitten in den Bauarbeiten, druckte der Trierische Volksfreund einen Bericht über den »geheimnisumwitterten Neubau«, der möglicherweise »als Erholungsstätte für Bonner Politiker« dienen sollte. Über seinen ersten Besuch auf der Baustelle berichtete der Autor des Beitrags, Karl-Heinz Schäfer, später dem »stern«: »Als der Vorarbeiter das Wort ?Presse? hörte, machte er einen Hechtsprung auf den Bauplan, verdeckte mit dem Fuß das Architektensignum und packte ihn rechtzeitig zusammen.« Möglich also, dass Zeitungsartikel des Lokalreporters den Industriellen oder dem von ihnen Begünstigten die Baulust verdarb. Nach Auskunft des Architekten Horst Mathow hat Spennraths Nachfolger auf dem Chefposten des AEG-Konzerns Ende 1955 das Projekt für »gestorben« erklärt.

Wegen akuter Einsturzgefahr könnte die von einem niedergetrampelten Maschendrahtzaun umgebene Ruine im Duppacher Kammerwald jederzeit abgerissen werden. Doch davon haben die zuständigen Behörden - zeitweise das Bauaufsichtsamt der Kreises Daun, seit 1990 die Verbandsgemeinde Gerolstein - bisher abgesehen.

»Bereits im Jahr 1985 war die Bauruine Grund für Ortsbesichtigungen und einer baupolizeiliche Verfügung, mit der die Umzäunung des Gebäudes gefordert wurde«, berichtet Klaus Jansen, Leiter des Fachbereichs »Natürliche Grundlagen und Bauen« in Gerolstein. »Die Umzäunung wurde auch errichtet; allerdings hatte diese durch Vandalismus nicht allzu lange Bestand.« Immer wieder hätte die Aufsichtsbehörde feststellen müssen, dass die vom Eigentümer errichteten Zäune »von Unbekannten erheblich beschädigt« wurden.

Denkmal für den Filz

Jansen zufolge ist das Gerolsteiner Bauamt seit 2005 »mehr oder weniger ununterbrochen« mit dem Fall beschäftigt. Mit baurechtlichen Verfügungen an den mittlerweile im luxemburgischen Diekirch lebenden Eigentümer, endlich für einen wirksamen Schutzzaun zu sorgen, »versuchen wir, die Gefahrensituation zu minimieren«.

Doch offenbar fehlt schlicht das Geld für einen neuen Zaun oder gar den Abriss. »Der Eigentümer hat uns glaubhaft versichert, nicht über entsprechende Mittel zu verfügen.« Da auch in der Gerolsteiner Gemeindekasse »keine Mittel für Ersatzvornahmen« vorhanden seien - also für eine Vorfinanzierung von Zaun oder Abriss durch die Bauaufsichtsbehörde -, »sind wir aus sozialen Gründen gehindert, Zwangsmaßnahmen durchzusetzen«.

Noch im Frühjahr 2006 hatte es beim Gerolsteiner Bauamt geheißen: »Wenn der Eigentümer sich nicht rührt, sichern wir das Grundstück auf seine Kosten.« Auch ein Abriss drohe. Geschehen ist bis heute nichts - zum Glück geschah auch kein Unglück. Betrüblich wäre das Niederreißen der Ruine allerdings, adelte doch das Magazin »stern« trostlose Gemäuer in einem 1985 erschienenen Artikel zum »Denkmal für den Filz der frühen Jahre«.

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