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Gehört Gewalt zur Fankultur?

Nach einer neuen Statistik gibt es immer mehr Verletzte am Rand von Fußballspielen

Der Fußball in den deutschen Stadien hat zwei Gesichter. Jüngst zu sehen waren beide erst am Sonntag im Bundesligastadion in Hannover. Nach der Partie feierten dort knapp 50 000 begeisterte Zuschauer den 2:1-Erfolg ihrer 96-Mannschaft gegen den FC Bayern, vor dem Anpfiff war es zu Auseinandersetzungen zwischen Ultras und Polizei gekommen. 36 Personen wurden verletzt - die Beamten hatten nach Hinweisen auf verbotene Pyrotechnik bei den Anhängern einen Block in der Nordkurve gestürmt und dabei Pfefferspray eingesetzt. Gefunden wurde nichts, der Einsatz der Polizei wird nun auf Verhältnismäßigkeit überprüft.

Dass Szenen wie in Hannover keine Einzelfälle sind, belegte der gestern von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze vorgelegte Jahresbericht. 846 Verletzte, 62 mehr als in der Vorsaison und rund viermal mehr als zu Beginn der Erhebung vor zwölf Jahren, wurden in der abgelaufenen Spielzeit in den Stadien der 1. und 2. Liga gezählt. »Es gibt eine problematische Entwicklung. In Teilen der Ultraszene wird Gewalt zunehmend als legitimer Teil der Fankultur wahrgenommen«, sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt am Main gegenüber ND. »Man muss die Zahlen aber richtig einordnen. Es wäre kontraproduktiv zu sagen, es gebe in deutschen Stadien große Gewalt.«

Auch die Anzahl der Stadionverbote stieg leicht von 963 auf 983, die Gruppe der gewaltbereiten Anhänger schätzte die Studie auf weiterhin rund 9700 Personen. Rückläufig waren Einsatzstunden der Polizei bei Fußballspielen (-11,2 Prozent), die Zahl der in Gewahrsamgenommenen (-10,6) und die eingeleiteten Strafverfahren (-3,6), die aber immer noch deutlich über dem Schnitt der letzten Jahre liegen.

»Das Gesamtbild hat sich aufgrund des Engagements aller Beteiligten nicht wesentlich verändert«, äußerte sich die Deutsche Fußball-Liga (DFL) gestern eher verhalten in einer Stellungnahme, wertete die Entwicklung aber überraschend als Erfolg. »Besonders freut uns, dass die Einsatzstunden der Polizei reduziert werden konnten.« Man wolle den Weg des Dialogs und der Prävention fortführen: »Der 10-Punkte-Plan mit konkreten Maßnahmen wird weiterhin konsequent umgesetzt.«

Der von Deutschem Fußball-Bund (DFB) und DFL angestrebte Plan war im April vergangenen Jahres bei einem Runden Tisch im Bundesinnenministerium mit Fan-Verbänden und Polizeivertretern vorgestellt worden. Neben dem Verzicht von Spielen am 1. Mai, flexiblerer Handhabung von Risikospielen und der Qualifizierung von nun hauptberuflichen Fanbeauftragten bei allen Profiklubs sollte vor allem die Kommunikation mit den Ultragruppen verbessert werden. Genau dort hakt es allerdings seit einiger Zeit, weil die breit unterstützte Fan-Initiative »Pyrotechnik legalisieren - Emotionen respektieren« sich von Liga und DFB verschaukelt fühlt.

Beide Seiten sollen im Frühjahr ein Pilotprojekt zur Legalisierung kontrollierter Pyrotechnik verabredet haben. »Über 55 Ultragruppen haben in den letzten Monaten an einem Konzept gearbeitet und konstruktiv nach Wegen gesucht, die Sicherheit in den Stadien zu erhöhen«, sagt Gabriel. »Bei der Mehrzahl der Ultras ist eine deutlich wachsende Bereitschaft zur Differenzierung zu erkennen.« Bei den Fußballverbänden herrscht aber seither zum Thema Funkstille. Ein Ende der Debatte um Raketen, Knaller und bengalische Feuer ist nicht in Sicht.

Erst am Montag verhängte der DFB wegen pyrotechnischer Verstöße gegen die Bundesligisten aus Köln und Kaiserslautern sowie die Zweitligisten Erzgebirge Aue und MSV Duisburg Geldstrafen zwischen 4000 und 6000 Euro - für manche Klubs keine Einzelfälle. In Hannover summieren sich nach Schätzung von Klubchef Martin Kind so 50 000 Euro in der Saison. Solange keine Lösung gefunden wird, will Kind mit eigenen Mitteln vorgehen. »Das sind Kosten, die Dritte verursachen. Deshalb gibt es die Überlegung, sie durch höhere Eintrittspreise abzufangen.« Diese sollen nur für betreffende Blöcke in der Nordkurve gelten. »Das ist eine relativ kleine Gruppe, für die es aber keinen rechtsfreien Raum geben darf.«

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