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Moment der Demontage

Die »Watchlist 11« stellt in der Malzfabrik junge Bildende Künstler aus Berlin vor

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Regina Nieke, »Ohne Titel« (Ausschnitt)
Regina Nieke, »Ohne Titel« (Ausschnitt)

Philipp Schumann mag die großen Schritte. »Warum soll ich die 523. Galerie in Berlin aufmachen, die mit Einzelausstellungen versucht, ihre Positionen zu vertreten«, meint der junge Kurator. Lieber bündelt er die Ressourcen für eine Großausstellung einmal im Jahr, die seine Künstler - meist frische Absolventen der UdK - vereint, Publikum und Sammler verstärkt anzieht und wegen dieses Interesses auch bei Google-Suchanfragen unter den ersten Ergebnissen gelistet wird. »Watchlist 11« heißt die zum vierten Mal organisierte Überblicksschau. Veranstaltungsort ist erstmals eine von Licht durchflutete Etage auf dem Gelände der frisch wiederhergestellten Malzfabrik in Schöneberg, knapp unterhalb des S-Bahnrings.

Die vorherigen Male war Schumanns Watchlist in Wedding zu Hause; dieser Wechsel gibt bereits einen Vorgeschmack auf zukünftige Wanderungsbewegungen in der Gentrifizierungsstadt Berlin. Gezeigt werden Arbeiten von acht Künstlern, die zwischen Ende 20 und Mitte 30 sind und damit noch zu den jungen, den aufstrebenden Leinwandkünstlern und - ja, auch - Herstellern reizvoller Anlageobjekte in unsicheren Zeiten zählen.

Es sind bemerkenswerte Arbeiten darunter. Achim Riethmann, ein sehr sorgsamer, auf kleinste Details achtender Zeichner, ist mit Aquarellen vertreten, die Männer in diversen Ausrüstungen zum besseren Sehen, besseren Schießen und besseren Atmen vorstellen, die durch das Weglassen einzelner Details an Kopf und Körper schon lädiert erscheinen. Riethmanns Krieger, Fotografen und Steineschleuderer tragen den Moment ihrer Demontage bereits in sich. Sie laden auch den Betrachter zu Konstruktions- und Dekonstruktionsspielen ein.

Machtvolle Zerstörungsszenarien sind die Sache von Wolfgang Zandt. Auf großen Leinwänden lässt er mal grünliche, mal eher rot getönte pflanzliche Biomasse die kargen Reste menschlicher Zivilisation überwuchern. Geradezu explosionsartig breitet sich die Vegetation aus.

Als kühler Konstrukteur - wie etwa Riethmann - und an Farbintensität noch Zandt übertreffender Chemiker stellt sich Willem Julius Müller heraus. Die eher banalen Sujets - eine Landstraße, ein Anwesen, eine Insel - überraschen durch die grellen Farbschichten, die dem grünen Bewuchs und dem blauen Wasser geheimnisvolle, ja fast magische Lebendigkeit verleihen. Als Schüler des abstrakten Minimalisten Frank Badur hat Müller zudem ein gutes Gefühl für Balance und Kontrast ausgebildet.

Augenfänger schlechthin sind allerdings die großen, inhaltlich wild montierten, jedoch in hyperrealistischer Klarheit gehaltenen Weltansichten des Absolventen der Münchner Akademie der Bildenden Künste Daniel Schüßler. Tritt bei »Sondergesandter« ein Ku Klux Klan-Mann mit einem Telegrafenmast in einen bizarren Dialog, so sind es bei »Discordia on Parade« ein Klan-Mann zu Pferde, eine auf einem Bus dahinter transportierte Marienstatue sowie ein ganz hinten montiertes Fliegerabwehrgeschütz, die in eine exzentrische Diskussion über den inneren Zustand der bedrängten Weltmacht USA treten.

Die »Watchlist« bietet ein überzeugendes Panorama. Das Konzept zahlt sich aus. Der Kurator ist präsent - was in der Branche wahrlich nicht üblich ist, und der Veranstaltungsort ist die Reise in den Südwesten der Stadt wert. Ein gelungener Auftritt.

Bis zum 6.11., Malzfabrik, Bessemerstr 2-14, Schöneberg

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