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Aber die Stimmen ...

Verdis »Don Carlo« an der Deutschen Oper Berlin

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 3 Min.

Grauschimmernde Betonwände, Fensterschlitze, die ein Kreuz bilden, Kleriker in Blutrot - so stellt man sich die spanisch-katholische Atmosphäre für »Don Carlo« vor und genauso erlebte man sie auf der Bühne der Deutschen Oper. Die riesigen Kulissenteile formieren sich zum Kerker, zum Schlafgemach, einmal weiten sie sich sogar zum golden ausgeleuchteten Freizeitareal. Kein Garten für die Damen der Königin; Tod und Todesdrohung allerorten, das Kreuz ein Siegeszeichen.

Zwischen den Wänden wandeln die Personen der Handlung einher. Von Dagmar Niefind in Prachtgewänder des 16. Jahrhunderts gehüllt, bilden sie in Schönheit Marco Arturo Marellis Inszenierung. Da die kompakte vieraktige, ausschließlich im Kloster San Juste und im klosterartigen Escorial spielende Fassung gewählt wurde, entfiel die Notwendigkeit, in den Wäldern von Fontainebleau einen lichten Gegenort zu schaffen.

Einige Irritationen lockerten das Festival des Steh- und Rampensingens dennoch auf. So wird der Huldigungsgesang auf König Philipp II. vor Beginn des großen Autodafés zur Begeisterungshymne auf den Kronprinzen Carlos umgedeutet. Spanische Arbeiter aus der Zeit des Bürgerkriegs von 1936 tragen ihn auf den Schultern. Am Schluss traut man wieder für einen Moment seinen Augen nicht. Kleriker erschießen die flandrischen Gesandten mit Bürgerkriegsflinten, worauf der Geist Karls V. als eine Art Halloweengespenst erscheint. In der allgemeinen Verwirrung kann er Carlos retten.

Dass man das Haus nicht ganz und gar verärgert verließ, lag einerseits daran, dass Schillers »Don Karlos« und nicht minder Giuseppe Verdis »Don Carlo« grandiose Stücke sind - in jeglicher Verarbeitung. Andererseits war der Abend ein vokales Ausnahmeereignis. Massimo Giordano, als einzige lebendige Person in dieser vom musikalischen Theater weit entfernten Produktion, kann den unsteten und unreifen Herrschersohn Carlo glaubhaft vorstellen. Vor allem aber beglaubigt seine Stimme die himmelhoch jauchzend zu Tode betrübte Figur. Er träumt sich im zarten Pianissimo in eine andere Welt, lässt die Stimme edel strömen im Freundschaftsduett mit Posa, braust auf, fällt zusammen gegenüber dem König.

Als Elisabetta sprang Lucrezia Garcia für Anja Harteros ein. Die junge Sängerin stellte die verhuschte dritte Gemahlin König Philipps mit grandioser Wucht und einigem Selbstbewusstsein auf die Bühne. Ihre in allen Lagen makellos geführte Stimme, eine reizvolle Winzigkeit kehlig, hat Charakter und Durchschlagskraft. Durchaus berechtigt wäre die große Zukunft, die man ihr voraussagt. »Sie hat mich nie geliebt« - Roberto Scandiuzzi brachte das einsame Bekenntnis Philipps mit der routinierten Perfektion hervor, die man von diesem Glanzstück erwartet. Den erotischen Glanz der Prinzessin Eboli blieb Anna Smirnova zwar schuldig, aber ihre große Arie, in der sie sich als Intrigantin bekennt, wurde verdient bejubelt. Die ganze Gefühlsskala von Scham, Reue, unerwiderter Liebe hat sie als vokale Farbenpalette parat.

Donald Runnicles führte das Orchester mit erstaunlich weichem Klang durch das grandiose Werk. Der Sehnsucht, Liebe, Freundschaft, selbst dem kurzen Moment südlicher Wärme im Frauenchor des ersten Aktes bekam dies sehr gut. Runnicles trug die Sänger gleichsam auf Händen, milderte aber die Unbarmherzigkeit als Grundton des Werkes deutlich ab. Dennoch, es gefiel, der Beifall war stark. Die Deutsche Oper hat eine Inszenierung für einfliegende Gaststars mehr.

Nächste Vorstellungen: 9., 12.11.

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