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Diktatoren-Blödelshow

Abgestürzt: »Hotel Lux« von Leander Haußmann

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Es beginnt durchaus vielversprechend als hochvirtuoses Cabaret, sinkt dann ab zur ausrechenbaren Varieté-Nummer, steigt wieder auf als schrille Polit-Revue, driftet hinüber zur sinnfreien Travestie, stolpert am Ende ganz. War da was außer Trash, der sich um sich selbst dreht? Nein, Leander Haußmann hat sein hochambitioniertes Projekt des »Hotel Lux« - so der triste Befund - an lauter billige Effekte verraten.

Das »Hotel Lux« als Klamotte? Das ist mehr als bloß schade - das ist ärgerlich. Zuvor hatte man die größte Befürchtung, den Hauptdarsteller betreffend: »Bullyparade«-Star Michael »Bully« Herbig (»Der Schuh des Manitu«, »Raumschiff Surprise«) als quasi er selbst in Zeiten des Nationalsozialismus und Stalinismus? Als ein Simplicissimus, der trotz der politischen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts die Welt mit unschuldigsten Augen ansieht. Ein notorisch unpolitischer Lebenskünstler reist (flieht!) von Berlin nach Hollywood - mit Umweg über Moskau, das »Hotel Lux«. Hier wohnten bis zu 600 Flüchtlinge der Kommunistischen Internationale (von Ulbricht, Pieck, Wehner, Becher, Dimitroff bis Togliatti und Tito) - für nicht wenige wurde es zur Endstation.

Wenn es etwas Positives über diesen Film zu sagen gibt, dann, dass Herbig seine Sache gut macht, besonders zu Beginn im Zusammenspiel mit Jürgen Vogel, seinem kommunistischen Alter Ego Siggi Meyer. Zusammen treten sie im Berlin der frühen dreißiger Jahre als Duo in Cabarets auf, als Hitler-Stalin-Parodie. Diese Rollen sollen ihm später noch das Leben retten. Denn Zeisig wird, im »Hotel Lux« angekommen, vom NKWD mit Hitlers Leib-Astrologen verwechselt, mit dessen Papieren er aus Berlin flüchtete. Die Szene ist nicht schlecht: Zeisig betritt das »Hotel Lux«, dieses Gästehaus der Komintern, in der Art, wie man ein Hotel in London oder Paris betreten würde. Der Gast geht zu der - verlassenen - Rezeption und schlägt mit der Hand auf die Klingel, die keinen Ton von sich gibt. Stattdessen lauter Uniformierte und ein stupider Pförtner, der stereotyp-brutal »Propusk!« fordert. Hier ist man nicht Gast, sondern Gefangener in einer dunklen Welt des Todes. Doch die lebt nicht in Haußmanns Regie, wie das ganze Hotel, diese »Menschenfalle«, in dem nachts Menschen abgeholt werden, die dann nie wiederkehren, unübersehbar computeranimierte Kulisse bleibt. Ulbricht ist auch da, sitzt am Tisch, baut aus Würfelzucker eine Mauer und spricht in sächselndem Singsang dazu. Haußmann findet das lustig.

Wir sehen den als Hitlers Astrologen zu Stalin gebrachten Zeisig mit diesem zusammen im Bad sitzend, das Wasser läuft, damit niemand mithört (die Angst der Diktatoren vor dem selbstverbreiteten Terror!), und Zeisig prophezeit dem Generalissimus die Zukunft. Stalin sitzt derweil auf dem Klo und säuft, ein Dolmetscher steht hinter dem Duschvorhang und wird nach dem Treffen von Stalin zwischen zwei amerikanischen Zigaretten eigenhändig erschossen. In diesem Stile ist der Film gemacht: Verfolgungsjagden im »Lux«, die im Showdown auf dessen Dach im Maschinengewehrfeuer enden. Zeisig-Herbig klammert sich in höchster Not an den großen roten Stern, der sich - leuchtend vom Ruhm der Sowjetmacht kündend - um sich selbst dreht, und beschließt, als echter Dandy, der er bleibt, künftig nur noch in Hotels abzusteigen, die mehr Sterne als nur diesen einen besitzen.

Leander Haußmann hat das Buch selber geschrieben: nicht viel mehr als mit Bedeutung aufgeputschte Blödelei. Eine simple Verwechslungskomödie will hier Lubitschs »Sein oder Nichtsein« das Wasser reichen - aber dazu müsste das Buch sehr viel intelligenter sein. Die heimliche Liebe der Diktatoren zueinander ist groß, will Haußmann sagen, der Hitler-Stalin-Pakt beweise das und die kommunistischen Exilanten seien allesamt erbärmliche Kreaturen gewesen, Apparatschiks, die vor ihrem »Führer« Stalin auf dem Bauch lagen, der dann nach Lust und paranoider Laune die einen tötete, die anderen leben ließ.

Wahrheit aber ist eine Frage der Präzision, und da Haußmann an historischen Details dann doch nicht interessiert ist, mündet alles in eine Abfolge von Klischees, bei denen sich die Frage nach der Wahrheit erübrigt. Nein, keine schwarze Komödie über die Abgründe der Macht und den Terror in den eigenen Reihen der Kommunisten, sondern bloß die Fortsetzung jener Comedy, der Herbig hier doch so energisch (und durchaus subtil) zu entkommen versuchte - vergeblich.

Das Motto von »Hotel Lux« stammt von Chaplin: »Tränen, die man lacht, muss man nicht weinen.« Aber hier gibt es wenig zu lachen - der wahre Film über die Tragödie des »Hotel Lux« muss erst noch gedreht werden.

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