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Koks ohne Fair-Trade

Nur ein Bruchteil des weltweiten Kokain-Profits landet bei den Produzenten

  • Von Benjamin Beutler
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine neue UN-Studie stellt die Verteilung der Gewinne beim Drogenhandel vor. Gesetze gegen Geldwäsche fehlen.

Auch das Milliardengeschäft globaler Kokain-Wirtschaft arbeitet nach den Weltmarktregeln unfairen Handels. Glaubt man jüngsten Zahlen des Büros für Drogen und Verbrechen der Vereinten Nationen (UNODC), so streicht die internationale Drogenmafia aus Handel und Verkauf der verbotenen Substanz jedes Jahr rund 85 Milliarden US-Dollar ein. Dem Koka-Bauern in Bolivien geht es in Sachen Gewinnbeteiligung dabei wie dem Kaffee-Bauern aus Kolumbien. Nur 1,1 Prozent des zu verteilenden Kuchens verbleiben in den Produktionsländern in Südamerika, so eine kürzlich in Wien vorgestellte UNODC-Studie zu den Finanz-Strömen des illegalen Drogen-Business.

»Der Großteil der Gewinne wird in Nordamerika (35 Milliarden US-Dollar) und in West- und Mitteleuropa (26 Milliarden US-Dollar) erzielt«, rechnet UNODC-Direktor Yuri Fedotov im Vorwort des 138-Seiten-Berichts vor. Nur eine Milliarde US-Dollar seien »Produktionskosten, die hauptsächlich an die Bauern der Andenregion gehen«, benennt die Analyse klar die Gewinner des Schwarzmarktes.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Doch die anhaltende Kriminalisierung tausender Koka-Bauern in Bolivien, Peru und Kolumbien und derer Regierungen durch Anti-Drogen-Behörden der Vereinigten Staaten und Europäischen Union macht es unverzichtbar, auf die ökonomischen Hintergründe der Drogenwirtschaft zu verweisen. Die Verbraucher sitzen in den Industriestaaten, ihre Nachfrage bestimmt das Angebot. Das UNODC-Papier untermauert auch diesen altbekannten Fakt - die großen Umsätze werden von den Mafias im reichen Norden eingefahren. »Während der Kokain-Markt in Südamerika samt Karibik und Mittelamerika mit 3,5 Milliarden US-Dollar relativ klein ist, sind die Gewinne des in Südamerika arbeitenden organisierten Verbrechens nach Übersee auf 18 Milliarden US-Dollar gestiegen«, so das aktuelle Lagebild.

Warum die Konsumenten-Länder lieber Druck auf Bauern und Politiker in Lateinamerika ausüben, statt die Geldströme in den Finanzzentren trocken zu legen, ist - wie im Spekulationsgeschäft - der mangelnden Regulierung des Kapitalsektors geschuldet. Zwar gehen die UN-Experten von einem jährlichen 2,1 Billionen Dollar Gesamtvolumen der Drogenwirtschaft (Marihuana, Kokain, Amphetamine, Heroin) aus, immerhin zwei bis fünf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Doch müssen die Autoren eingestehen, dass die »Unterbrechungsrate für Geldwäsche auf weltweitem Level gering bleibt«. Das heißt, die Möglichkeiten, das Geld in den regulären Finanzkreislauf zu transferieren, sind groß. Weniger als ein Prozent, »wahrscheinlich« sogar nur 0,2 Prozent der reingewaschenen Drogengelder »werden festgestellt und eingefroren«, dokumentiert die Studie die Machtlosigkeit gegenüber dem schmutzigen Kapital. Bestehende Geldwäsche-Gesetze würden »mangelhaft implementiert«, es fehlt »allgemeine und stärkere Teilnahme« auf internationaler Ebene, sprich der politische Wille.

Zudem verdrängen die Drogen-Unternehmen Firmen und Händler vor Ort. Das organisierte Verbrechen könne weite Teile der Wirtschaft durch unfairen Wettbewerb »infiltrieren oder die Kontrolle erlangen«, so die Wissenschaftler. Die Geldschwemme sorge für »kurz- und mittelfristigen Wohlstand«. Doch auf lange Sicht nehme die Volkswirtschaft Schaden. Die mit Drogengeld gefütterten Unternehmen sind in der Lage, Güter und Dienstleistungen unter Marktpreisen anzubieten. Am Ende stehe der »Bankrott des Wettbewerbs«, so die Warnung.

Das Fazit der Studie ist klar: Das Risiko im Drogengeschäft haben Bauern, kleine Schmuggler und Dealer. Das Big Business im Nadelstreifen-Anzug hat wenig zu fürchten.

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