BLOGwoche: Wenn Sprache behindert

  • Von Raúl Krauthausen
  • Lesedauer: 2 Min.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. An diese Redewendung muss ich manchmal denken, wenn ich in Zeitungen und Magazinen über »Behinderung« lese. Der begrüßenswerte Anspruch von Journalisten_innen, auf Randthemen wie Behinderungen aufmerksam zu machen, führt oft zu Artikeln, die mich zum Fremdschämen veranlassen. So werden beispielsweise Sätze und Wörter gebraucht, die heute nicht mehr verwendet werden sollten: »Sorgenkind«, »an den Rollstuhl gefesselt«, oder »er leidet an Glasknochen«. Denn in der Realität ist oft das Gegenteil der Fall: Ich selbst betrachte mich nicht als jemanden, um den man sich »Sorgen« machen sollte. Genauso wenig bin ich an den »Rollstuhl gefesselt«, sondern ich schnalle mich freiwillig an! Die wirkliche Fesselung wäre erst dann da, wenn ich keinen Rollstuhl hätte. Denn ein Rollstuhl bedeutet für mich Freiheit und nicht Einschränkung. Auch ist die Annahme, dass ich an »Glasknochen leide«, eine typische Sicht der Nichtbehinderten. Für viele Menschen mit Behinderung ist die Tatsache, behindert zu sein, einfach Fakt. Genauso wie eine Haarfarbe oder die Schuhgröße. Mal schränkt sie einen ein, mal nicht.

(…) Journalisten_innen neigen dazu, die Extreme einer Person beziehungsweise einer Geschichte hervorzuheben und zu überhöhen. Dann überstrahlt das schwere »Schicksal« des »Sorgenkinds«, alles, was diesen Menschen über seine Behinderung hinaus auszeichnen könnte. Das andere Extrem ist der »Superkrüppel«, jener Mensch, der seine Behinderung offenbar »überwunden« hat, den Mount Everest mit seinem Rollstuhl erklimmt, und als Held gefeiert wird. Wenn jemand etwas »trotz« statt »mit« seiner Behinderung schafft, dann ist es sofort eine besondere Leistung. Dabei liegt doch die Wahrheit, wenn wir ehrlich sind, höchstwahrscheinlich in der Mitte. Aber warum sehen wir sie nicht? Wo bleiben die blinde Kassiererin, der Erzieher mit Down- Syndrom oder die Bankangestellte im Rollstuhl?

Dieser Text entstand für eine Beilage des Bundessozialministeriums, die in der Novemberausgabe der Zeitschrift »Journalist« erschien. Der Autor hat »Osteogenesis imperfecta«, sogenannte Glasknochen, und sitzt im Rollstuhl. Mit seinem gemeinnützigen Verein »SOZIALHELDEN e.V.« machen er und sein Team auf Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam und entwickeln Lösungen.; zum Weiterlesen: www.raul.de

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