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Kein Geld für Spekulanten

Regiogeld hat sich mancherorts als Zahlungsmittel etabliert. In Zeiten der Finanzkrise wächst das Interesse

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 6 Min.
Der Euro ist in der Krise, Regiogeld boomt. Mit den regionalen Zahlungsmitteln können Bürgerinnen und Bürger bei allen teilnehmenden Gewerbetreibenden Leistungen einkaufen. Das Geld taugt nicht für Sparer: Es wirft keine Zinsen ab, bei Nichtverwendung in einer bestimmten Frist verfällt es sogar. Damit werden die Geldzirkulation angeregt und Strukturen vor Ort gestärkt. Die zahlreichen Regiogeld-Projekte in Deutschland verstehen sich als Ergänzung zu Euro und Marktwirtschaft.
Stärkung der Region: Von Ruhpolding bis zum Chiemsee und darüber hinaus gibt es eine regionale Währung, die von über 600 Geschäften und 200 Vereinen als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Das Geld ist nach der Landschaft benannt: Chiemgauer.
Stärkung der Region: Von Ruhpolding bis zum Chiemsee und darüber hinaus gibt es eine regionale Währung, die von über 600 Geschäften und 200 Vereinen als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Das Geld ist nach der Landschaft benannt: Chiemgauer.

Sie heißen »Chiemgauer«, »Regio«, »Sterntaler«, oder »Bürgerblüte« und sie sind das Gegenteil von dem um die Welt wirbelnden Geld der Finanzspekulanten: Die Regio-Währungen, die in ganz Deutschland von verschiedenen Initiativen ausgegeben werden und nur regional Gültigkeit besitzen. Mehr als 60 solcher Bürgerwährungen werden mittlerweile bundesweit gezählt, allein in Bayern gibt es mehr als zehn Initiativen. Und ein derartiges Geld sollte bereits einmal - in der Weltwirtschaftskrise von 1929 - die Rettung vor dem Finanzkollaps bringen.

Den Chiemgauer gibt es seit 2003. Er gehört zu den bekanntesten regionalen Zahlungsmitteln in Deutschland. In Oberbayern sind derzeit Chiemgauer im Wert von über einer halben Million Euro im Umlauf. Die Geldscheine sind jeweils drei Monate gültig. Nach Ablauf kann die Gültigkeit der Währung durch Kauf und Aufkleben einer Wertmarke verlängert werden.
Den Chiemgauer gibt es seit 2003. Er gehört zu den bekanntesten regionalen Zahlungsmitteln in Deutschland. In Oberbayern sind derzeit Chiemgauer im Wert von über einer halben Million Euro im Umlauf. Die Geldscheine sind jeweils drei Monate gültig. Nach Ablauf kann die Gültigkeit der Währung durch Kauf und Aufkleben einer Wertmarke verlängert werden.

Der oberbayerische »Chiemgauer« ist mittlerweile das Flaggschiff unter den Regionalwährungen in Deutschland, ja gar »Europas erfolgreichstes Regiogeld«, so die Initiatoren. Fast eine halbe Million Chiemgauer sind derzeit als »Banknoten« im Umlauf. Sie werden in 616 Geschäften und Unternehmen in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein als Zahlungsmittel akzeptiert. Ein Chiemgauer entspricht dem Wert eines Euros. Entstanden ist die Alternativwährung 2003 aus einem Schülerprojekt in Prien am Chiemsee. Heute hat der den Chiemgauer herausgebende Verein rund 3000 Mitglieder.

Mit dabei ist Martin Christoph Ziethe. Vergangenen Freitag hat der 55-Jährige eingekauft: Für 25 Chiemgauer im Naturkostladen von Prien und für drei Chiemgauer im Supermarkt. Als Vereinsmitglied kann Ziethe inzwischen sein Regiogeld auch elektronisch mit einer Regio-Karte abheben, die Summe wird ihm von seinem Euro-Konto abgebucht. Und wie ist das mit dem Zurückwechseln? »Die Verbraucher sollen den Chiemgauer verbrauchen«, sagt Ziethe. In Euro umtauschen können ihn die Geschäfte - allerdings mit einem Abschlag von fünf Prozent. Drei davon gehen als Förderung an Vereine, die der Verbraucher bestimmen kann. 2010 gingen so 43 500 Chiemgauer an Sportvereine oder Kindergärten der Region. Mit den restlichen zwei Prozent des Abschlages finanziert sich der Verein.

Szenenwechsel. Auch wer im Laden der Klostergärtnerei von Benediktbeuern (Oberbayern) einkaufen will, der muss dort nicht mit dem Euro zahlen. Das selbst gezogene Gemüse und die Kräuter lassen sich auch mit dem »Regio« bezahlen - eine weitere lokale Währung, herausgegeben von den Vereinen »Ostallgäu regional« und »Oberland regional«. »Von der Idee her ist das ein ethisch korrektes Tauschmittel«, erklärt Monika Herz den Grundgedanken des »Regio«. Sie lebt in Peißenberg, einige Kilometer nordwestlich von Benediktbeuern, und auch sie zahlt mit dem Bürgergeld. Im örtlichen Buchladen beim Kauf eines Kalenders, im »Eine-Welt-Laden« für Kaffee, Hirse und andere Lebensmittel.

Mittlerweile haben sich der lokalen oberbayerischen und schwäbischen Währung 185 Läden und Betriebe angeschlossen. So kann man auch in der weißblauen Landeshauptstadt in der Bäckerei Fritz mit dem Regio bezahlen ebenso wie in einer Steuerberatungskanzlei in Dachau oder bei einer Parfümerie in Murnau. Das Alternativgeld gibt es sogar bei der Bank, zum Beispiel bei der Raiffeisenbank Beuerberg-Eurasburg. Deren Vorstandsvorsitzender Helmuth Lutz findet den Regio »grundsätzlich gut« und überlegt schon mal, ob man nicht ein Regio-Girokonto einrichten könnte, damit man mit der Alternativwährung wie beim Chiemgauer auch bargeldlos bezahlen kann. Derzeit sind 21 700 Regios im Umlauf.

Mit der Zeit verliert das Geld an Wert

Aber was ist so alternativ an den Chiemgauern, Sterntalern und Regios? Für Eva Lang, Professorin für politische Ökonomie an der Bundeswehruniversität in Neubiberg bei München ist es die fehlende Wertaufbewahrungsfunktion des Bürgergeldes, das es grundsätzlich von der »normalen« Währung unterscheidet. Denn der »Chiemgauer« und der »Regio« sind ebenso wie ihre Gegenstücke in anderen Bundesländern kein Geld zum Horten und schon gar kein Geld zum Spekulieren. Und wer »Chiemgauer« und »Regio« daheim unter das Kopfkissen legt, der hat bald keine mehr. Denn die Alternativwährung ist sogenanntes Schwundgeld. Es verliert mit der Zeit an Wert. Der »Regio« zum Beispiel muss durch aufgeklebte Marken immer wieder »erneuert« werden. Beim Chiemgauer zählt der »Umlaufimpuls«: Der Verbraucher muss die Scheine alle drei Monate um zwei Prozent mit Klebemarken aufwerten, wenn er sie nicht weitergibt. Das sorgt dafür, dass der Chiemgauer schneller im Kreis umläuft und so die Geschäftstätigkeit fördert. Auch verhindert dies spekulative Absichten, die mit Geld gerne verbunden werden.

Der Vater dieses Gedankens war der Finanztheoretiker Silvio Gesell (1862 - 1930). Sein Studienobjekt war Argentinien, das 1890 unter einer schweren Wirtschaftskrise litt. Die Folgen kommen uns heute sehr bekannt vor: Die Menschen verloren das Vertrauen in die Banken und horteten ihr Geld zu Hause. Damit aber waren diese Werte dem Wirtschaftskreislauf entzogen und standen nicht als Kredit für die produzierenden Unternehmen zur Verfügung. Dem wollte Gesell, ein begeisterter Anhänger der Marktwirtschaft, mit einem Schwundgeld entgegensteuern, das an Wert verliert, wenn es nicht zirkuliert.

Erfolgreich ausprobiert wurde dieses Prinzip bei der Weltwirtschaftskrise 1929. So ließ der Bürgermeister der österreichischen Stadt Wörgl 1932 eine Parallelwährung zum damaligen Schilling drucken, das nur im Gemeindegebiet galt. Das Schwundgeld verlor monatlich ein Prozent an Wert und bewirkte wahre Wunder: Der Wirtschaftskreislauf kam in Gang, die lokale Wirtschaft blühte auf und die Arbeitslosigkeit ging innerhalb eines Jahres um 25 Prozent zurück. Das erfolgreiche Experiment, das weltweit aufsehen erregte, wurde allerdings aus politischen Gründen verboten, als sich 200 andere Gemeinden für das Alternativgeld interessierten. Auch in den USA wurden 1932 unter der Roosevelt-Regierung über ein Schwundgeld nachgedacht, ein schließlich aber nicht realisierter Plan sah vor, vier Milliarden an Notgeld auszugeben, das mit aufzuklebenden Briefmarken »aktuell« gehalten werden sollte.

Gegenspieler der Globalisierung

Die Stützung der heimischen Wirtschaft, das ist auch heute die Idee des Alternativgeldes. »Der Regio ist das Gegenstück zur Globalisierung«, so Professorin Eva Lang. Mit ihm werden regionale Produkte gekauft, die von regionalen Betrieben hergestellt werden. Allgäuer Käse statt Billigkäse aus dem Discounter. Und das Schwundgeld kann nicht als Wertträger aus der Region abgezogen werden und als globales Spielgeld um den Globus wandern. »Man ist nicht den Reizen der Spekulation ausgesetzt.« Freilich, so die Professorin, sei der Regio oder andere Bürgerwährungen ein ergänzendes Geldsystem, das keine globalen Probleme lösen könne. Doch könnte damit im Falle einer ähnlichen Finanzkrise wie 1929 und wie in Wörgl immerhin der lokale Wirtschaftskreislauf aufrechterhalten werden.

Laut Christian Gelleri, Vorsitzender und Mitgründer des Chiemgauer-Vereins, könnte die Regionalwährung sogar eine Möglichkeit zur finanziellen Rettung Griechenlands sein. »Der Staat müsste alle Sozialleistungen in Regiogeld ausgeben und Regiogeld als Steuer akzeptieren, eventuell verbunden mit einem Bonus nach dem Motto ›Wer in Regiogeld seine Steuern bezahlt, bekommt zehn Prozent Rabatt‹. Ein genaues Konzept müsste natürlich erarbeitet werden, aber mit dem Staat als Schlüsselakteur und der Europäischen Union als Unterstützer würde das wunderbar funktionieren.« Gelleri ist optimistisch: »Man könnte mit einem Hundertstel des Geldes für den Aufbau der Struktur des Regiogeldes eine langfristige Stabilisierung erreichen. Sehr wichtig wäre der Negativzins, damit das Geld nicht gehortet wird und eine Transaktionsgebühr für den Tausch in Euro. Also im Prinzip die gleichen Regeln wie beim Chiemgauer.«

Die Zukunft des Euro sieht der Regiogeld-Aktivist nicht sehr rosig: »Mit dem jetzigen Kuddelmuddel wird der Euro wohl sterben - inklusive Pleiten nicht nur in Griechenland und Italien, sondern letztlich auch in Deutschland.« Sein Rat: »Lasst ein Europa der Regionen mit starken Regiogeldern entstehen. Jede Region kann ihre individuellen Stärken und Schwächen leben und ist für das eigene Tun selbst verantwortlich.« Nach seiner Utopie haben alle Regionen den Euro als gemeinsame Verrechnungseinheit. Der Euro hätte damit starke Wurzeln und würde dadurch unerschütterlich. Rechtlich bräuchte es eine saubere Insolvenzordnung. Steuerlich müssten kleinere Unternehmen begünstigt werden. Zwischen den Regionen gäbe es Transaktionssteuern und natürlich ordentliche Steuern auf Finanzgeschäfte. Wichtig wäre auch die Idee einer ausgeglichenen Handelsbilanz zwischen den Regionen, so Gelleri. Das wären ein paar Ideen in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaftskultur.

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