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Wenn die Zeit stolpert

Lothar Trolles »Weltuntergang Berlin 2« in der Brotfabrik

Man kann über Lothar Trolle lesen, dass seine Stücke schwer verständlich sind. Dem kann man vertrauen und auch nicht. In der Tat macht Trolle keine Kompromisse. Wer geschmeidiges Theater sucht, der möge sich woanders hin wenden. Der verzichtet allerdings darauf, etwas zu sehen, das den Geist in Bewegung bringt, gerade weil es spröde ist. Den Reiz macht die dazu scheinbar gegensätzliche Art des Inszenierens von Trolles Vorlage aus. Wird dabei eine das Stück transportierende Leichtigkeit erzeugt, kommt es einem trotz einer durchaus innewohnenden Arroganz und der Unnahbarkeit der Figuren entgegen.

Trolle lässt Heiner Müller, Bertolt Brecht und Heinrich von Kleist in der »deutschen Theaterrevue über Untote und ewig Morgige« miteinander agieren. Unter der Regie von Thomas Marciniak sind die drei am Arbeiten bei der Inszenierung Nr. VII des Werkstück-Theaters, einer Koproduktion mit der BrotfabrikBühne, gefördert durch den Bezirk Pankow und Sponsoren.

Die Zeit läuft rückwärts von 1989 bis 1933. Manchmal stolpert sie in diesem Mosaik von Szenen. Als Müller, Brecht und Kleist spielen und sprechen Jochen Keth, Jesse Garon und Thomas Kellner Texte der Dichter und Trolles. Alle haben etwas zu Krieg, inneren Nöten, Ängsten und Zuständen zu sagen. Verschiedene Verhaltensmuster angesichts des Faschismus und seinem Ende kommen zum Vorschein. Widerstand nicht. Dafür Hilflosigkeit. »Trinkt Bier, schaut weg!« ist eine der stärksten, ja, eine schmerzhafte Szene, die letztlich ins Absurde gebracht wird. Parallelen zum Heute können sich durchaus im Kopf aufbauen. Zumindest, was die Unfähigkeit zur Konsequenz betrifft.

Eine in Folie gehüllte kleine Bühne, eine kleine Leiter, ein Buch und einen Apfel finden die drei kurz nacheinander eintreffenden Dichter vor. Kleist greift gleich zum Obst, während es die beiden Älteren nur beäugten. Brecht: »Was macht der Apfel da?«

Buch und Leiter werden während des gesamten Spiels von den in Grau Gekleideten gebraucht. Schließlich sind sie zupackende Bühnen-Arbeiter, Sprach-Arbeiter. Also gehen sie ans Werk. Starke Persönlichkeiten. Widerwillig machen zumindest die beiden Älteren Kompromisse, wenn sie sich aufeinander einlassen. Immer bereit zum Streit. Das zeigen Keth und Garon sehr gut. Kellner spielt als Kleist den noch Suchenden, noch nicht so Festgelegten, der sich noch beeinflussen lässt und Hilfe annehmen würde. Käme sie doch nur. Im Laufe des Spiels nehmen die Dichter die kleine Bühne auseinander. Dieses Vorgehen stellt an Bühnenbauer Roman Nachsel und Ausstatterin Victoria Philipp schon ungewöhnliche Anforderungen. Unweigerlich schrumpft der Auftrittsort. Wird ungastlich. Dabei war die kleine Bühne so nett anzusehen. Komödiantische Masken oben drauf. Darunter der Schriftzug »Dem deutschen Volke«, ein schöner roter Samtvorhang... Aber nichts da. Die drei demontieren alles. Dann tragen sie es auch noch weg.

Wenn die Dichter gehen, nach nicht lang werdenden zweieinhalb Stunden - samt der Pause, in der nur die Zuschauer die ganze Zeit ihre Plätze verlassen -, haben sie alles abgeräumt. Nichts haben sie uns gelassen. Da sollen wir uns selber 'nen Kopf machen. Haben es wohl nicht anders verdient.

Die BrotfabrikBühne arbeitet an einer Trilogie mit Stücken des Pankower Autors Trolle. Parallel zur Premiere dieses ersten Stücks wurde bereits das zweite geprobt. »Die 81 Minuten des Fräulein A.« wird Anfang des nahen nächsten Jahres mit MoorTheater Premiere haben. »Die Heimarbeiterin« als Neuinszenierung soll der dritte Streich werden. Für die Produktion mit Musiktheaterregisseur Holger Müller-Brandes ist allerdings laut BrotfabrikBühne-Chef Nils Foerster noch keine Förderung sicher. Die hat es aber sicher auch verdient.

Wieder 1.-3.12., 20 Uhr, BrotfabrikBühne, Caligariplatz 1, Weißensee, Tel.: (030) 471 40 01/2, weitere Informationen unter www.brotfabrik-berlin.de

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