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Medizin nach Noten

Marthaler mit Verdi in Basel

Der Schweizer Christoph Marthaler wirkt immer so, als sei er guter Dinge. Kann er auch, denn seine Gemeinde ist treu. Sie bejubelt seine Geniestreiche, paktiert mit seinem assoziativen Verhältnis zur Wirklichkeit, ohne es bei der Binnenlogik allzu genau zu nehmen.

Die Theaterbesucher in Basel und Zürich, in Wien oder auch in der Berliner Volksbühne haben Marthaler grandiose Abende zu verdanken. Solche, die durch überwältigenden Humor aus dem Alltag herauszutragen vermochten und die dennoch mit subversiv verschmitzter Hinterhältigkeit an die Endlichkeit alles Irdischen gemahnen. Seine Ausflüge in die Operette und Oper waren durchweg Erfolge. Seine Bühnensprache ist ausgefeilt, deren Optik wiedererkennbar - selbst wenn nicht die kongeniale Anna Viebrock an seiner Seite ist, sondern, wie jetzt bei seiner neuesten Kreation in Basel, Duri Bischoff das typische Marthaler-Treppenhaus auf die Bühne setzt und Sarah Schittek für den Look bei den Kostümen sorgt. Bei diesen beiden ist das alles eine Spur alltagslogischer konstruiert und eine, nein zwei Ideen eleganter als bei Viebrock.

Mit der Musik hat er es immer. »Giuseppe Verdi« verspricht Marthaler im Untertitel. Und liefert ihn. Der Nachteil dabei ist weniger, dass er nicht dessen Top Ten verbrät, sondern, dass es insgesamt bei dem gewaltigen Orchester- und Choraufgebot ziemlich wenig ist, was aus dem Graben und den Kehlen beigesteuert wird. Genannt hat Marthaler das Ganze »Lo stimolatore cardiaco«, also »Der Herzschrittmacher«. Geliefert aber hat er vor allem eine Überdosis an Beruhigungsmitteln. Die recycelt er aus dem Vorhandenen.

So lässt er sein Personal emsig schreiten, Treppen steigen, ausrutschen, aneinander vorbei rennen oder sich verknoten. Sprechen und singen. Manchmal auch nur offne Münder. Am Anfang schickt er gleich zwei Dirigenten in den Graben zum Sinfonieorchester Basel und stattet sowohl Bendix Dethleffsen als auch Giuliano Betta mit einem angeklebten Rauschebart aus. Dann aber kommt, nach und nach, das Orchester abhanden. Bis am Ende nur noch ein Cello übrigbleibt. Oder er lässt ein Klavier durch die Szene tragen. Und einen Fisch in einer Operation den Magen ausräumen, in dem sich so gut wie alles findet, was nicht hinein gehört.

Auch Marthaler kann sich nicht ständig selbst übertreffen. Und so marthalern die Darsteller lange zwei Stunden vor sich hin. Liefern den eher klein dimensionierten, aber doch schmunzeltauglichen Slapstickwitz oder ein paar Déjà-vus, die die Marthaler-Gemeinde schon lange kennt, aber gern wieder sieht.

Irgendwann erwischt man sich bei dem Gedanken, was einer wie Marthaler aus einem virtuellen Besuch in Verdis liebster Schöpfung hätte machen können, nämlich dem Altersheim für mittellose Künstler, das Verdi aus den Einkünften seiner Werke eingerichtet hat. Vielleicht ist dieser »Lo stimolatore cardiaco« tatsächlich nur die »Zwischenlösung« von der Marthaler im Untertitel spricht: »Una soluzione transitoria con sopratitoli in tedesco e musica italiana di Giuseppe Verdi«. Dem exzellenten Ensemble war der Beifall sicher.

Nächste Vorstellung: 30.11.

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