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Landmaschinen fallen vom Himmel

Trebel blockiert die Polizei - hier lernen schon die Kinder, Autoritäten zu misstrauen

  • Von Ines Wallrodt, Trebel
  • Lesedauer: 4 Min.
Es scheint das Selbstverständlichste von der Welt im kleinen wendländischen Dorf Trebel. Es ist die Nacht von Sonntag auf Montag. Hunderte Atomkraftgegner blockieren Gleise und Straßen. Und in Trebel fallen Landmaschinen vom Himmel.
Ein Dorf und seine Kartoffelförderbandblockade
Ein Dorf und seine Kartoffelförderbandblockade

Rund 300 Menschen wohnen hier, wer dazu gehören will, muss in die Feuerwehr oder in den Schützenverein, vier mal am Tag kommt ein Bus vorbei, ringsum Felder und in unmittelbarer Nachbarschaft tonnenweise hochradioaktiver Atommüll. Gorleben liegt nur acht Kilometer entfernt.

Die Nacht ist sternenklar, es ist mild, aber stürmisch. Ein Viertel des Dorfes ist auf den Beinen, ganze Familien und auch der Bürgermeister finden sich ab neun am Wendlandmarkt ein. Der hat rund um die Uhr geöffnet während der Castorprotestwoche. Irgendetwas soll passieren, was, wird Fremden nicht verraten.

Ein Anruf, es geht los. »Es« ist laut und grell und schießt mit irrer Geschwindigkeit aus einem Hof auf die Straße hinaus, ein schmales, rostiges Ungetüm hinter sich herziehend. »Es«, das sind ein riesiger, hell leuchtender Schlepper und ein zwölf Meter langes Kartoffelförderband. In Windeseile werden beide voneinander getrennt und der Traktor verschwindet in der Dunkelheit. Ehe man richtig verstanden hat, was passiert, ist er wieder weg. »Eine Landmaschine ist vom Himmel gefallen«, sagen die Trebeler, auch den Polizisten, die später vorbeischauen. "Wir wissen auch nicht, wem die gehört."

Die einen sitzen auf Gleisen oder ketten sich fest, die anderen sorgen dafür, dass die Polizei nicht zu ihnen durchkommt. Die Kartoffelmaschine steht quer über der Straße. Ein Krachen, dann ist noch das Hinterrad von der Achse gerissen. Schnell wegziehen lässt sich das Monstrum nicht mehr. Die Maschine gehört einer Familie im Dorf. Vor ein paar Jahren ausrangiert, steht sie seither irgendwo im Hof, heute ist der Schrott Gold wert. Die Straßensperre wird noch schön gesichert mit einem gelben Band von E.on, kleine Gemeinheit, und das Arrangement ist fertig. Eine Hauptstraße, auf der die Polizei ihren Nachschub transportiert, ist dicht.

Die Trebeler lassen in dieser Nacht niemanden mehr durch. Oder fast niemanden. Für Einheimische wird schon mal gnädig der Bulli vor dem Wendlandmarkt weggeparkt, allerdings auch nur unter Protest. Auf Rettungswege wurde »selbstverständlich« geachtet. Für die Polizei heißt es dagegen: »Privatgelände. Zutritt verboten.« Auch in anderen Dörfern starten zeitgleich ähnliche Aktionen, da blieben Anhänger plötzlich stehen oder kippte Mist auf die Straße. Im letzten Jahr konnte die Sitzblockade vor dem Endlager deshalb viele Stunden lang nicht geräumt werden. Die fehlenden Polizeikräfte mussten per Hubschrauber eingeflogen werden.

Die Trebeler sind stolz auf ihre Blockade und bewundern zugleich die anderen, die an der Schiene sitzen oder sich in einer Betonpyramide anketten. »Für uns ist das ja nicht so anstrengend«, entschuldigt sich eine Frau fast. Aber effektiv.

Ein paar Mal schauen Beamte vorbei, um die Lage zu erkunden. »Wir wollten nur wissen, was das für ein Gerät ist?«, fragen zwei Polizisten aus Oldenburg friedfertig in die Runde. Die Antworten sind so freundlich wie respektlos. Freundlich zu dem Menschen, der vor ihnen steht, respektlos zur Autorität, die er verkörpern soll. Man haut sie nicht, sondern lacht sie aus.

Und so wird ein bisschen miteinander geplaudert. Die Polizisten, so scheint es, könnten vielleicht wirklich Spaß an der Sache haben, würde sie nicht ihren Aufenthalt verlängern. Sie wollen zu ihrer Familie zurück, die sie seit Montag nicht mehr gesehen haben, sagen sie. Sie müssen trotzdem abziehen, ohne brauchbare Auskunft. »Fragen Sie bei den Bambergern nach«, wird ihnen noch geraten. Die hatten schon das Vergnügen mit diesem Gerät.

Widerstand in Trebel macht Spaß, es ist ihnen aber trotzdem vollkommen ernst. Auf diese Feststellung legen die Wendländer Wert. »Gorleben darf nicht zum Atommüllendlager werden«, sagt eine Frau. Wenn der Castor auf dem Weg zu ihnen ist, merkt sie die Anspannung auch körperlich.

Drei Polizeikolonnen müssen in den ersten beiden Stunden unter großem Hallo an der Straßensperre stoppen. Sie wurden offenbar nicht über das Hindernis informiert. »Achtung Achtung, hier spricht Trebel, bitte machen Sie die Straße frei!«, kriegen sie zur Begrüßung. Die Polizeiwagen drehen um. Begeisterung am Wendlandmarkt. Die Dorfbewohner stehen dort um eine Feuerschale herum, ein Bier in der Hand, zwei Jungen grillen im Imbisshäuschen, es gibt heißen Apfelpunsch und Glühwein. Die Nacht kann lang werden. In der Nacht zuvor hat die Polizei zwei Stunden gebraucht, um die Maschine zur Seite zu schieben.

Einer der jugendlichen Grillbetreuer erzählt, er habe eben mit Polizisten verhandeln wollen. »Bratwurst gegen Atomausstieg«, habe er denen angeboten. Doch die hätten abgelehnt. »Das können wir nicht annehmen«, hätten sie gesagt. »Das können wir nicht annehmen.« Die Antwort versteht er nicht.

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