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Trophäen für die Wand

Naturschützer warnen Sachsens Regierung davor, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 4 Min.
Wölfe sind in Sachsen wieder heimisch: Sechs Rudel leben im Osten des Freistaats. Die Regierung will sie nun nicht mehr dem Naturschutz-, sondern dem Jagdrecht unterstellen. Naturschützer sind höchst besorgt.

105 Jahre ist es her, da wurde in der Lausitz der letzte deutsche Wolf erschossen - ein Vorfall, an den ein Denkmal erinnert. Danach kam der Räuber hierzulande lange nur noch im Märchen vor. Kurz vor der Jahrtausendwende kehrte er zurück - wieder in die Lausitz. Inzwischen fühlt sich Canis lupus dort sehr wohl: Sechs Familien leben in der Region; binnen zehn Jahren kamen 168 Welpen zur Welt. Sachsen, sagt der BUND-Bundeschef Hubert Weiger, ist »das Stammland der Wölfe in Deutschland«.

Folgen für andere Arten

Gerade die Hochburg bereitet dem Naturschutzverband BUND derzeit aber Sorgen. Vor allem wegen des Drucks der Jagdverbände erwägt Umwelt- und Agrarminister Frank Kupfer (CDU) eine folgenschwere Korrektur: Wölfe sollen bald dem Jagdgesetz unterliegen.

Zwar soll weiterhin eine ganzjährige Sperrfrist für Abschüsse gelten. Doch Wolfgang Riether, der Landesgeschäftsführer des BUND, traut den Beteuerungen nicht und verweist auf Äußerungen Kupfers vor Jägern. Unter bestimmten Voraussetzungen, vor allem einer weiteren Vergrößerung der Population, sei eine »Lockerung des strengen Schutzes« und sogar eine »allgemeine Bejagung möglich«.

Die Naturschützer betrachten vor diesem Hintergrund die Novelle des sächsischen Jagdrechts, die im Dezember erstmals im Landtag behandelt und im Frühjahr 2012 beschlossen werden könnte, mit viel Misstrauen. Würde der Wolf dem Jagdrecht unterstellt, wäre das ein »schlimmer Rückschlag für den Artenschutz auch auf europäischer Ebene«, erklärt BUND-Bundeschef Weiger. Er verweist darauf, dass die mitteleuropäischen Wölfe - anders als die größere skandinavische Population - unter strengstem Schutz stehen. Würde in Sachsen erstmals eine Tierart aus dieser Kategorie heraus- und in das Jagdrecht hineingenommen, komme das »einem Dammbruch« gleich. Ähnliches drohe dann Tierarten wie Seeadler, Luchs, Biber und Wildkatze. Offiziell sprechen auch Jäger in Sachsen kaum offen über eine Jagd auf den Wolf; vielmehr heißt es, sie wollten stärker in das Wolfsmonitoring einbezogen werden. Weiger vermutet andere Bestrebungen: Die Jäger seien an einer »Hege mit gekrümmtem Finger« interessiert, im Klartext: an Abschüssen.

Die Möglichkeiten dafür würden durch das Jagdrecht deutlich erleichtert. Schon jetzt könnten Wölfe ausnahmsweise geschossen werden, wenn sie etwa in Siedlungen herumstreunten oder - was bisher nie passiert ist - Menschen angreifen würden. Die Entscheidung trifft aber ein Gremium, dem auch Naturschützer angehören. Zuerst müssen andere Register gezogen werden: Zaunbau, Vergrämung, Fang. Erst dann darf zur Flinte gegriffen werden. Verstöße gegen den Wolfsschutz können bis hin zur EU verfolgt werden. Untersteht der Wolf indes dem Jagdrecht, trifft die Entscheidung über Abschüsse der Jäger, sagt BUND-Chef Weiger.

Bisher drei Abschüsse

Kommt es zur Lockerung, werden mehr Wölfe geschossen, erklärt der BUND. Bisher wurden in Sachsen offiziell 22 tote Wölfe gefunden, von denen drei illegal geschossen wurden. Riether glaubt angesichts der Diskrepanz zwischen der Zahl der Welpen und den Schätzungen zum aktuellen deutschen Wolfsbestand, die zwischen 60 und 110 schwanken, jedoch an eine hohe Dunkelziffer - zumal die Tiere wieder als Trophäen gelten würden: »Einen Wolf hätte so mancher gern an der Wand hängen.«

Eine Gefahr sehen Naturschützer im Wolf weder für Wildtiere wie Rehe, deren ohnehin zu hohen Bestand die Räuber regulieren würden, noch für Nutztiere. Ihren Zahlen zufolge gab es binnen zehn Jahren in Sachsen 71 Vorfälle, bei denen 247 Schafe und andere Tiere getötet wurden. Das Land zahlte dafür 37 000 Euro Schadenersatz. Gute Zäune und spezielle Hütehunde helfen, die Schäden einzudämmen.

Derweil kommen immer mehr Touristen extra in die »Wolfsregion« Lausitz - auf 30 000 beziffert der BUND die Zahl. Dass der »Rotkäppchen-Komplex«, also die Angst vor Wölfen, nicht mehr stark ausgeprägt ist, beweist eine vom BUND beauftragte Forsa-Umfrage: Danach finden es 79 Prozent der Befragten gut, dass wieder Wölfe in Deutschland leben. Und zwei Drittel wenden sich strikt gegen deren Aufnahme ins Jagdrecht.

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