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Szenen aus dem Orient

Neue Stücke aus Syrien und Palästina im Heimathafen Neukölln

»Lila Risiko Schachmatt« heißt das Projekt, mit dem der Heimathafen Neukölln deutsche Erstaufführungen neuer arabischer Stücke in zwei Etappen zeigt. Die beiden des ersten Teils, inszeniert von Lydia Ziemke, kommen aus Syrien und Palästina. Sie laden auf unterschiedliche Weise dazu ein, sich auf fremde Mentalität einzulassen. Deshalb ist die Idee gut, dafür dem Publikum auch zwei Spielorte anzubieten.

Zu »Rückzug« vom syrischen Autor Mohammad Al Atar geht es vorwärts in eine orientalische Bar, nur ein paar Schritte vom Heimathafen entfernt. Der kleine Raum wird zum Zimmer eines Pärchens. Obwohl längst erwachsen und als Journalisten ausgebildet, haben sie es ohne Wissen ihrer Familien gemietet, um wenigstens Stunden zusammen sein zu können. In ihren Familien gibt es dafür keine Akzeptanz.

Das Stück erzählt zum einen von verschiedenen Lebensansprüchen der beiden. Zum anderen zeigt es, dass eine junge Liebe in einem Geröll von inneren und äußeren Konflikten keine Chance bekommt. Javeh Asefdjah und Patrick Khatami bringen diese besondere Alltagsgeschichte mit Problemen, denen wir uns in Deutschland nicht gegenübersehen, so auf den Punkt, dass man sie dennoch gut nachvollziehen kann.

Völlig andere darstellerische Aufgaben meistern die beiden dann zusammen mit Alois Reinhardt und Nadim Jarrar im Studio des Heimathafens. Mit »603« von Imad Farajin aus Palästina kommt man ins Gefängnis. Vier Insassen leben in dieser Zelle. Sie sind zu Nummern geworden, sehnen sich nach draußen. Mit den Jahren sind sie sich aus der Not heraus nah gekommen. Vertraut kann man nicht sagen, denn Gewalt und Vergewaltigung gehören zu dieser fragwürdigen Nähe. Als sie des Nachts Busse hören, von denen sie meinen, damit würden sie abgeholt, nach Gaza gebracht und freigelassen, brechen angesichts der bevorstehenden Trennung voneinander Probleme neu auf.

Die Inszenierung führt gut in die Situation ein. Man wird, wie es hier notwendig ist, geradezu brutal ins Milieu gezogen, erfährt nach und nach, warum wer zu langjähriger Haft verurteilt wurde. Das Ende ist überraschend und gut. Das Problem dieses Stücks liegt in der Mitte. Hier einmal angekommen, neigt die Inszenierung - auch wenn der Begriff angesichts der hier dargebotenen Wortgewalt nicht passt - zur Geschwätzigkeit. Schon Bekanntes wird wieder und wieder hoch gewühlt. Obwohl die Schauspieler sich schwitzend abrackern, tritt das Stück so quälend auf der Stelle. Die Handlung schleppt sich so dahin, dass man das Ende herbeisehnt.

Mit 90 Minuten ist es zu lang, kann man sagen, zumal man an diesem Theaterabend zuvor das fast einstündige erste Stück erlebte. Das allein ist es aber nicht. Hier kommt eine Mentalität des breiten Erzählens zum Ausdruck, die vom Autor wohl gewollt, jedoch in unseren Breiten schwer nachvollziehbar ist. Außerdem stießen die Übersetzer dieses Stücks auf eine Hürde, die in der ersten Inszenierung nicht vorkommt. Der Autor von »603« brachte viele Sprachbilder und Gleichnisse unter, die einem Palästinenser sicher viel sagen und der Aussage des Stücks Gewicht verleihen. Wir aber verstehen sie leider nicht. Das schadet dem Stück und lässt die Mühe der deutschsprachigen Schauspieler ins Leere laufen.

Regisseurin Lydia Ziemke, seit 2008 von der Theaterkultur neuer Autoren Libanons, Syriens, Jordaniens, Palästinas und Ägyptens fasziniert, ist inzwischen so eng damit befasst, dass sie dem zu wenig Beachtung schenkte. Wenn es gelingt, die Gleichnisse zu entschlüsseln und die Erzählweise zu straffen, kann das Stück gewinnen.

Das Anliegen, uns mit dieser interessanten Theaterkultur vertraut zu machen, ist verdienstvoll. Dass dabei nicht alle Klippen nicht auf Anhieb überwunden werden, ist kein Makel. Daran nicht weiter zu arbeiten, wäre einer.

Ab 6.12., 20.30 Uhr, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, Tel.: 61 10 13 13

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