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Der lange Nazi-Schatten

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Kürzlich veröffentlichte »neues deutschland«, unter Verantwortung des Ressorts Feuilleton, ein Gedicht von Ina Seidel - einer wegen ihrer heftigen Hitler-Verehrung in der Bundesrepublik umstrittenen Lyrikerin. Nun erschienen in der Literaturbeilage am vergangenen Wochenende bedauerlicherweise erneut Verse eines Verfassers (Hans Baumann), der in seiner frühen Zeit ebenfalls glühende nazistische Propaganda-Pathetik in lyrische Formen wuchtete.

Das Publizieren dieser Texte erfolgte ohne die Kenntnis der jeweiligen Redakteure vom biografischen Hintergrund der ausgewählten Autoren - erst Leser mussten uns auf diesen Umstand aufmerksam machen. Unterstützt wurde der arglose Zugriff durch begründetes Vertrauen in die Glaubwürdigkeit und Seriosität der Verlage, aus deren Anthologien wir zitierten. Editionshäuser, die in keinerlei Verdacht politischer Rechtslastigkeit stehen und bei denen renommierte Autoren eine literarische Heimstatt haben.

Wir druckten keine nazistische Gedichte, es handelt sich in beiden Fällen um unverfängliche Verse aus Phasen weit nach der ideologischen Verblendung, die den besagten Autoren gehörig die biografische Unschuld nahm, sie diskreditierte und ins dauernde Zwielicht rückte. Es gehört sicher zum Gerechtigkeitsempfinden von Herausgebern, dass sie wegen verwerflicher ethischer, politischer Entgleisungen bestimmter Autoren kein lebenslanges Verdikt beschließen und also auf differenzierende Publikation Wert legen.

Das ist eine vergebende Praxis, für die man weit prominentere Schriftsteller, Schauspieler, Dirigenten heranziehen könnte, die sich in früheren Abschnitten ihres Lebens mit fataler Leidenschaft, mit forscher, laufbahnbefördernder Konsequenz und also erschütternder Blindheit ins Totalitäre verwickeln ließen und sich somit gefährlich selber blockierten. Und die geistigen Schaden anrichteten, wo andere, nämlich aufrechte Antifaschisten, für ihre unbeugsame Haltung ins Leiden stürzten.

Aber wer kann, selber frei von allem, unangreifbare richterliche Positionen annehmen .... Freilich: Unbeschadet bleibt als Möglichkeit, Solches trotz aller dialektischen Erörterung - nicht zu drucken. Wir als linke Tageszeitung bekennen uns da zu einer etwas strengeren Trennlinie und entschuldigen uns also erneut für den Abdruck eines Literaten, der einst für die Nazis dichtete.

Wir haben uns in dieser Frage auch an die Verlage gewandt. Vielleicht ist die Hereinnahme belasteter Autoren in Anthologien Resultat jenes komplizierten Verhältnisses von Wissen und Unwissen, Erfahrung und Unkenntnis, wie es die Aufeinanderfolge der Generationen mit sich bringt. Der Gegenstand liegt weit zurück. Sollten just deshalb nicht häufiger biografische Hinweise mitgereicht werden, die helfen, fehlende Lücken in der Bewertung von Autoren zu schließen?

Das Recht, Belasteten jene Gnade zu gewähren, die von verstreichender Zeit und einem Wandel der Auffassungen genährt wird, dieses Recht setzt nicht ein anderes Recht außer Kraft: aus Erinnerung, Mahnung, bleibender Verwundbarkeit bestimmten Autoren einfach fern zu bleiben.

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