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»Wir starben.« »Wurden aufs neue geboren.«

Polen ist das Land der Äcker und Flüsse. Polen ist »Das gelobte Land« von Andrzej Wajda und die Heimat von Karol Wojtyla, Polens Verkörperung sind Adam Mickiewicz und Frédéric Chopin. Aber Polen ist viel mehr. Keiner weiß das besser als der nunmehr neunzigjährige Karl Dedecius, Gründer des Darmstädter Polen-Instituts. Mit dieser Anthologie legt er einen Extrakt seines Lebenswerks, der 50-bändigen »Polnischen Bibliothek«, vor. Der Titel betont die subjektive Auswahl des Kenners.

Zweihundert Texte der wichtigsten Autoren polnischer Geistesgeschichte sind versammelt - vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Chronologisch geordnet und in zehn Kapitel unterteilt, macht der Band wechselvolle Geschichte deutlich. In den literarischen Äußerungen spiegeln sich die Teilungen im 18. Jahrhundert, die Polen für lange Zeit fast auslöschten, aber auch die großen Katastrophen des 20. Jahrhundert, die Kriege, der Holocaust und viele Emigrantenschicksale. »Jawohl. Wir waren und sind ... gebrechlich. Wir sind mit dem Defekt des Polentums zur Welt gekommen.« So schrieb 1925 Stefan Zeromski, und weiter: »Du kennst die Deutschen nicht! Das ist kein Volk, sondern ein schrecklicher Orden, klug und schamlos organisiert, um solche Ackerbauern und Traumtänzer wie uns auszurotten ...« Der Text erschien erst nach dem Zweiten Weltkrieg, bestätigt hatte ihn die jüngste Geschichte.

Zeromski klagt nicht nur an, er beschwört polnische Eigenart, diese Mischung aus bäuerlichem Mystizismus und trotziger Selbstbehauptung. »Für die Deutschen - Bewunderung, Angst und Hass,« heißt es in der Zeit des Ersten Weltkriegs bei Henryk Elzenberg. »Wir starben, wurden aufs neue geboren«, schreibt 1950 Mieczyslaw Jastrun im Gedicht »Aus Feuer und Asche«. Geschult ist dieses Denken an Nationaldichter Mickiewicz, von dem hier Gedichte und Auszüge aus der »Totenfeier« zu lesen sind. Angesichts des »Martyriums«, das Polen durch russische Zaren erleiden muss, beschwört der Dichter Wiedergeburt und Auferstehung seines Volkes.

Jedem ist vorbehalten, wie er das Buch lesen möchte. Chronologisch beginnt man mit Berichten über Land und Leute aus dem 12. Jahrhundert, man findet polnische religiöse Spezifika, barock wuchernde Liebesbriefe von König Jan Sobieski, Fragmente der ersten europäischen Verfassung aus dem Jahre 1791, Reaktionen auf das »Kommunistische Manifest« und auf eine Rede Bakunins, hundert Jahre später ein Statement Karol Wojtylas: »Vaterland: Eine Herausforderung dieses Landes an die Vorfahren und an uns ...« Gelungen rundet der Herausgeber mit Gedichten von Zbigniew Herbert ab. In »Abschied« von 1990 heißt es: »... unsere körper haben die Farbe des ackers angenommen«. Da ist es also wieder, das Land der Äcker und Flüsse!

Aber ist Polen wirklich auch das Volk, »in dem seit fast hundert Jahren jedes Buch zu spät und jede Tat zu früh kommt«?, wie Cyprian Kamil Norwid einst schrieb. Natürlich nicht! Breiten Raum, und für mich die wichtigsten Teile des Buches, nehmen die Kapitel der großen europäisch inspirierten und Europa inspirierenden Dichtung des 20. Jahrhunderts ein. Hier finden sich die bekannten Namen Przybyszewski, Tuwim, Korzcak, Bruno Schulz, Gombrowicz, die der Exilanten Milos oder Wittlyn, im letzten Kapitel »Nach dem Krieg»: Andrzejewski, Mrozek, Rózewicz und Szymborska.

Die Auswahl war eine Herausforderung: Geschichtschronik oder literarisches Lesebuch? Der Herausgeber versucht, beidem gerecht zu werden, was leider zu Ungunsten des letzteren geht. Bei den Dichtern der Moderne muss sich der Leser mit Wenigem, je einem Gedicht oder Textauszügen und damit meistens nur mit Anregungen, zufrieden geben. Zwei Dinge aber klingen hindurch: der polnische Humor aus »kritischer Hoffnung« (Dedecius) und der lyrische »Grundton der polnischen Seele« von dem Przybyszewski 1917 in einem Text über Chopin schrieb, der »alles in sich versammelte, was sein Volk durchweint, in tiefer Verzweiflungstrauer sich errungen, sich erschrieen hatte ...«

Karl Dedecius: Meine polnische Bibliothek. Literatur aus neun Jahrhunderten. Insel Verlag. 470 S., geb., 39,90 €.

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