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Süchtig nach Aufrichtigkeit

Zum Tode von Christa Wolf

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 9 Min.

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Christa Wolf, fotografiert von Helga Paris
Christa Wolf, fotografiert von Helga Paris

Das Kranksein hat sie begleitet - viele Jahre, Jahrzehnte schon. Da mochten Außenstehende, die sich ihr nahe fühlten, meinen, dass es noch lange, lange so bleiben würde. Ohne dass etwas Schreckliches geschähe. Umso überraschender jetzt das wahrhaft Schreckliche: ihr Tod.

Christa Wolf mit Anna Seghers, 1973
Christa Wolf mit Anna Seghers, 1973

Außenstehende, die sich ihr nahe fühlten, aber ihr nicht nahe kommen konnten: Diese Schriftstellerin hätte Theatersäle mit Publikum füllen können, aber nur noch selten trat sie auf. Und wie viele Menschen auch gewartet haben mochten auf ihr Wort in öffentlichen Debatten, sie mussten sich an den Gedanken gewöhnen, dass gerade eine wie Christa Wolf sich nun zurückzog in den Schutz ihrer privaten Sphäre, die, wie wir ahnen, niemals so viel Sicherheit hätte bieten können, wie sie eigentlich brauchte. Mochte sie ihr Mann Gerhard Wolf auch mit aller Fürsorglichkeit umgeben, wie er es seit jeher tat, sie abschirmen geradezu, die Stimmen von außen - und von innen - bedrängten sie und manifestierten sich nicht selten in körperlichen Leiden.

Während ihrer Rede am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz
Während ihrer Rede am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz

Verletzlichkeit. Vielleicht hatte die künstlerische Kraft Christa Wolfs gerade darin ihre Wurzeln. Verletzlichkeit und Mut, das auch einzugestehen. Die Kraft der Schwachen - auf andere Weise verwirklichte sich in ihr dieses Wortbild, das einst dem berühmten Roman von Anna Seghers den Titel gab. Seghers, die Weltautorin: In jungen Jahren, damals noch Literaturkritikerin und Redakteurin, war Christa Wolf ihr begegnet - und wurde zu ihr vorgelassen, was eine persönliche Beziehung meint, die Anna Seghers nur mit Wenigen einging.

1929 in Landsberg/Warthe (jetzt Polen) geboren, in der NS-Zeit aufgewachsen, 1949 in Bad Frankenhausen das Abitur abgelegt und im gleichen Jahr schon in die SED eingetreten - man kann davon ausgehen, dass die frühen Jahre der DDR auch für Christa Wolf geprägt waren von Hoffnung und Glauben: Ein neues Deutschland sollte entstehen, radikal veränderte Machtverhältnisse sollten ein »Nie wieder!« garantieren.

Wann genau wurde der Glaube brüchig? Wahrscheinlich geschah es allmählich. Dass Nazismus und Krieg überwunden waren, konnte das denn für alles Rechtfertigung sein? Taugte es als fortlaufender Grund, sich zu feiern, sich zum Sieger der Geschichte zu erklären? Solch falschen Gewissheiten hat Christa Wolf sich zunehmend widersetzt. In ihrem Roman »Der geteilte Himmel« 1963 weigert sich die Studentin Rita, ihrem Geliebten nach Westberlin zu folgen - so wie auch Christa Wolf der DDR trotz allem verbunden blieb. Aber Rita wünschte sich zugleich, dass »die Freundlichkeit, die tagsüber verbraucht wurde«, an jedem Abend neu hervorgebracht würde. Ein Wunsch, der Mangel signalisierte, sicher damals noch vager Zuversicht verbunden, der Mangel würde sich noch irgendwie beheben lassen. Doch unaufhaltsam wuchs die Resignation.

Christa Wolfs so besonders starke, stets ungebrochene Popularität in der DDR und über deren Grenzen hinaus hatte auch mit Projektionen zu tun: Wer selber schwieg, sich duckte, wünschte sich, dass diese Schriftstellerin aufstehen und für ihn sprechen möge.

So wie sie es, gerade mal Mitte Dreißig, auf dem 11. Plenum im Dezember 1965 tat. 1963 zur Kandidatin des ZK der SED gewählt und somit für eine Parteikarriere prädestiniert, wagte sie etwas für dieses Gremium Unerhörtes. Sie konnte, wollte es nicht aushalten, wie der Leipziger Bezirkssekretär Paul Fröhlich von einer »konterrevolutionären Gruppe« im Schriftstellerverband sprach, wie überhaupt über Kunst geredet wurde. Sie stellte sich vor ihre Kollegen, insbesondere vor Werner Bräunig, dessen Roman »Rummelplatz« als »antisozialistisch« angegriffen wurde.

Mut, der anderen half, der sie selbst aber nur für einen Moment befreite, ehe er in Angst umschlug. Ihr Herz reagierte. Zusammenbruch. Danach war nichts mehr wie vorher.

Die ganze Last deutsch-deutscher Politik würde sie zu tragen haben - mit Misstrauen bedacht von den Herrschenden in der DDR, mit Forderungen beladen von den anderen, die sich als Andersdenkende fühlten. Und wollte doch vor allem sie selbst sein, musste sich das erkämpfen, erleiden - und reifte daran als Schriftstellerin.

Spätere Generationen mögen es auf ihre eigene Weise erfahren: Was Christa Wolf hinterlassen hat, ist ein originäres, ein bleibendes Werk. Ich und Welt in geradezu existenzieller Verknüpfung - so kühn, so schonungslos wie selten. 1965 war es, als seien ihr »die Hände weggeschlagen worden«, wie sie ihre Ich-Erzählerin in ihrem letzten großen Roman »Stadt der Engel« bekennen lässt. 1966 begann sie mit der Arbeit an dem für die DDR-Literatur bahnbrechenden Roman »Nachdenken über Christa T.«

Vor dem Hintergrund der Geschichte ihrer Freundin, die mit 35 Jahren an Leukämie gestorben war, schreibt sie über jenes »Meer der Traurigkeit«, das es in der DDR eigentlich nicht geben sollte. »Süchtig nach Aufrichtigkeit« wie Christa T. waren viele, viele hatten sich mitreißen lassen von einer Utopie, die das Begeisternde in dem Maße verlor, wie die Machthaber behaupteten, sie eingelöst zu haben.

»Leibhaftig« - der Titel der Erzählung von 2002 kann über Christa Wolfs Lebenswerk stehen. Der Mensch als gesellschaftliches Wesen hat einen Körper, der auf das Gesellschaftliche reagiert. Was dir an die Seele geht, geht dir auch an den Leib. Du kannst dich nicht schützen, du sollst es auch nicht. Sollst dünnhäutig bleiben - mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.

So wie in Christa Wolfs Roman »Kindheitsmuster« (1976) hatte sich noch niemand in der DDR-Literatur an die NS-Zeit herangetraut. »Wie sind wir geworden, wie wir heute sind?«, fragt die Autorin, sucht also nach Verbindungslinien, während doch - nicht nur in der Öffentlichkeit, auch im Privaten - alles darauf angelegt war, einen Trennungsstrich zu ziehen, die Vergangenheit von sich abzuspalten. Man hatte Überzeugungen gewechselt, und damit war es getan? Mitnichten! Eine persönliche Moralität war verlangt, die mit Machtverhältnissen immer irgendwie kollidieren müsste. Und die deshalb so auch von der neuen Gesellschaft nicht gefördert wurde. Denn die war auf andere Weise ebenfalls auf Anpassung angewiesen. Individuelles Gewissen - nur in diesem Rahmen erwünscht.

»Wie man sich verhält, was man tut und was nicht. Was sich gehört und was nicht. Wenn das wieder allgemein gelten würde, wäre manches gewonnen.« Christa Wolfs Ausspruch mag gültig über alle Zeiten sein, wie wir überhaupt dem über alle Zeiten Gültigen mehr Bedeutung zumessen sollten. Unsere Lebensprobleme waren, auch wenn sie sich in einer angeblich »neuen Gesellschaft« ereigneten, nicht so gänzlich neu auf der Welt. Einfach deshalb nicht, weil wir stets »alte Seelen« in uns tragen.

»Kein Ort. Nirgends« stand über Christa Wolfs Erzählung über die Begegnung zwischen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode, doch wurde der Titel bald schon sprichwörtlich, wenn die Situation in einem Staatswesen zu beseufzen war, dem man anhing, dem man nicht entfliehen wollte und das man in seinem Ungenügen durchaus durchschaute.

»Kein Ort. Nirgends«? Stimmt, Gottlob, doch nicht ganz. Selbst eine so überaus ernsthafte Person wie Christa Wolf konnte sich den Löwenzahn als Verbündeten suchen und beim Jäten von Brennnesseln eine wilde Lust empfinden, konnte angesichts eines wuchernden Gartens »diese unerträgliche Sehnsucht nach dem wirklichen Blau« in Worte fassen. Doch Genuss an alltäglichen Verrichtungen, Unbeschwertheit war dieser Frau wahrscheinlich nur für Momente vergönnt. Natürlich sah man sie lachen, werden Nahestehende sagen. Ihr Selbst hat nach starken Gefühlen verlangt, ihr Ich verweigerte sich jeglichem Leichthin, daraus ist ihre Kunst erwachsen.

Schwer, schwer wurde ihr Leib, und ihr Sinn nahm zu an Kraft, damit sie tiefer und tiefer graben konnte. Denn »Kein Ort. Nirgends« gilt nicht, wenn es um Tiefe geht. Mit »Kassandra« und »Medea« hat sie antike Mythologie in aller Wucht in die Gegenwart gebracht. Warnend. Mahnend. So bitter, dass es schwer auszuhalten war. Das Weibliche in einer Männerwelt - noch längst nicht ausgelotet sind diese Texte. Von Rücksichten frei wollen sie gelesen sein. Wer ist dazu in der Lage? Um des eignen Seelenfriedens Willen wird Verzweiflung abgewehrt, Christa Wolf hat das oft genug erfahren. Konnte sie sich ganz verstanden fühlen?

»Gesucht und zugleich geflohen wird der Punkt des stärksten Schmerzes«, heißt es in »Störfall. Nachrichten eines Tages«. Der Text, verfasst nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl, traf damals auf eine Öffentlichkeit, die der Autorin nur widerstrebend folgte. Da es nun einmal geschehen war, dieses Unglück - konnte man nicht doch bald wieder zur Tagesordnung übergehen? Spätestens die Katastrophe in Fukushima zeigte, dass dies nicht mehr möglich sein würde.

Hatte Christa Wolfs Kassandra-Ruf Gehör gefunden? Erweist sich uns die Macht des Wortes? Letztlich vermag nur die Gewalt des Faktischen zu überzeugen. Angst als produktive Kraft. Aber darüber hatte sie ja in »Störfall« geschrieben. Die Reaktionen der Ich-Erzählerin, die manch einer damals hysterisch genannt haben mochte, sind Klarsicht, sind Weitsicht geschuldet. Heute finde ich es nicht mehr überzogen, wenn Christa Wolf die »ungeheure technische Schöpfung« aus unbefriedigten menschlichen Sehnsüchten erklärt. »Lebensersatz«, sagt sie, »Ersatz für Liebe«. Alles, »was wir Fortschritt nennen«, sei nichts als »Hilfsmittel, um starke Gefühle auszulösen«.

Eine irritierende Aussage, nicht wahr? In der DDR war Irritierendes nicht gefragt, auch wenn es dringend benötigt wurde. Und im heutigen Stimmengewirr scheint es, als würde es Irritierendes kaum mehr geben. Dabei ist die Widerstandsleistung so anders nicht: Dem offiziell Verkündeten, Verlautbarten, bis hin zu den scheint's sachlichen Informationen ist grundsätzlich mit Skepsis zu begegnen.

Eine anstrengende Lebenshaltung, fürwahr. Es ist davon auszugehen, dass Christa Wolfs Leben anstrengend war. Das Schreiben: immer mühsamer, dem schwächer werdenden Körper abgetrotzt. Der Mutlosigkeit auch. Der Enttäuschung.

Christa Wolf, die eine andere DDR wollte, hatte womöglich an Gleichgesinnte in westlichen Feuilletons geglaubt, so lange es die innerdeutsche Grenze noch gab. Als diese fiel, musste sie den Eindruck haben, selber fallengelassen zu werden. Plötzlich sollte sie eine »Staatsdichterin« gewesen sein, mit einem Mal wurde generell gegen »Gesinnungsästhetik« zu Felde gezogen. Es wurde in Akten gestöbert und herausgefunden, dass sie von 1959 bis 1962 »IM Margarete« war.

In ihrem letzten großen Roman, »Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud« hat Christa Wolf unter anderem auch das verarbeitet. Tiefer und tiefer ist sie in den Schacht ihres Lebenswerks hinabgestiegen, hat sich durch sich selbst hindurchgegraben, durch die Schichten der Zeit. »Du wolltest geliebt werden. Auch von Autoritäten«, sagt ein befreundeter jüdischer Wissenschaftler, als sie als Stipendiatin des Getty-Centers in Los Angeles lebt. Und sie bekennt: »Wir haben dieses Land geliebt.« Mit diesem Land ist ja auch die Bühne weg, auf der Intellektuelle von den Herrschenden immer mit Argwohn beobachtet, aber dabei auch ernstgenommen wurden. Die Riesenauflagen wie damals in zwei deutschen Staaten erlangte Christa Wolf mit ihren Büchern längst nicht mehr.

Manche ihrer Äußerungen erscheinen heute in anderem Licht. »Ich denke viel an den Tod«, sagte sie einmal in einem »Spiegel«-Interview, und es ist mir fast jeden Tag bewusst, dass die Frist, die mir noch bleibt, kurz ist. Während des Schreibens habe ich manchmal gedacht: Na, das werden sie mich vielleicht noch zu Ende schreiben lassen.«

Wer: Sie?

Tatsächlich soll im Frühjahr im Suhrkamp Verlag, wo alle Werke von ihr lieferbar sind, noch ein neuer Band mit Essays von Christa Wolf erscheinen.

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