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»Auftakt gegen den Bolschewismus«

nd-Serie zum rechten Terror / Teil 1: Die antikommunistische Hysterie der 70er Jahre

  • Von Carsten Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Morde und Überfälle des »Nationalsozialistischen Untergrunds« gelten weithin als neue Qualität rechter Gewalt. Doch Rechtsterrorismus ist in Deutschland kein neues Phänomen. »nd« zeichnet in einer Serie die Spuren nach, die in die Morde des »Zwickauer Trios« mündeten.
nd-Serie: Rechter Terror: »Auftakt gegen den Bolschewismus«

Bereits Ende der 60er Jahre gründeten sich erste bewaffnete Gruppen. Die Mitgliedschaft bestand zumeist aus radikalisierten NPD-Anhängern und gewaltbereiten Neonazis der nationalrevolutionären Szene. Dreh- und Angelpunkt ihrer »Propaganda der Tat« war der Antikommunismus. Bis weit ins bürgerliche Lager hinein fielen die Reaktionen auf die Ostpolitik des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt geradezu hysterisch aus.

Gleichzeitig verlor die NPD, bis dato mit rund 28 000 Mitgliedern und sieben Landtagsfraktionen ein strömungsübergreifender Hoffnungsträger der extremen Rechten, nach ihrem überraschenden Scheitern bei der Bundestagswahl 1969 dramatisch an Bindewirkung in der Szene. Militante Positionen und Bewegungen wie die »Aktion Widerstand« (»Brandt an die Wand«) bekamen die Oberhand und heizten das Klima weiter an.

Eine der ersten rechtsterroristischen Gruppen war die 1969 in Nordrhein-Westfalen aus der Taufe gehobene »Europäische Befreiungsfront« (EBF). Zu ihren Gründungsvätern gehörten neben den NPD-Kadern Helmut Blatzheim und Hartwig Neumann auch der Fremdenlegionär Johannes Brodka und der vom Verfassungsschutz eingeschleuste Spitzel Helmut Krahberg. Die EBF verstand sich als »Kampfgruppe gegen den Kommunismus« und zählte rund 35 Personen. Kontakte gab es nicht nur zur deutschen Szene, sondern auch zu ehemaligen belgischen SS-Offizieren und zur französischen Untergrundorganisation OAS.

Am 20. Mai 1970, einen Tag, bevor die Gruppe Anschläge auf die Stromversorgung des Treffens zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willy Stoph in Kassel verüben konnte, verhaftete die Polizei 14 Mitglieder. Eine Maschinenpistole, mehrere Gewehre und 18 Handfeuerwaffen wurden sichergestellt, dazu interne Unterlagen und weitere Anschlagspläne. Das Düsseldorfer Landgericht sah im Juli 1972 zwar den Straftatbestand nach § 129 StGB, Bildung einer kriminellen Vereinigung, als erfüllt an. Dennoch fiel das Urteil mit vier Freisprüchen und fünf Haftstrafen auf Bewährung sehr milde aus. Grund dafür war der Verfassungsschutzagent Krahberg, der an maßgeblicher Stelle als Agent provocateur und Einpeitscher agiert haben soll.

Unklar ist bis heute, ob auch die Schüsse, die in der Nacht vom 6. zum 7. November 1970 am sowjetischen Ehrenmal im Westberliner Tiergarten auf den 20-jährigen Wachsoldaten Iwan Iwanowitsch Schtscherbak abgegeben wurden, auf das Konto der EBF gehen. Schtscherbak wurde an der Hand und in die Brust getroffen. Er brach schwer verletzt zusammen. Zuvor hatte der Heckenschütze, der 21-jährige Berliner Neonazi Ekkehard Weil, in großen Lettern die Parole »Auftakt gegen den Bolschewismus« an eine nahegelegene Wand gepinselt und Handzettel der EBF hinterlassen. Trotz gegenteiliger Einlassungen vor Gericht wurde Weil im März 1971 als Einzeltäter verurteilt und erhielt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.

Bewaffnete Aktionen auf »politisch missliebige Personen«, unter anderem den SPD-Vorstand, sowie auf Munitionsdepots der Bundeswehr plante die vom NPD-Mitglied Bernd Hengst formierte »Gruppe Hengst«. Bei einer Fahrzeugkontrolle am 13. Februar 1971 in Bad Godesberg wurde er mit seinem Begleiter Rüdiger Krause, ehemals Vorsitzender der NPD-Studentenorganisation Nationaldemokratischer Hochschulbund, festgenommen. Die Polizei fand eine Maschinenpistole, mehrere Gewehre und Pistolen. Zu den Mitgliedern der 20-köpfigen Gruppe zählte auch Werner Wolf, Vorsitzender der NPD im Rhein-Sieg-Kreis und Angestellter in der Abteilung Wehrtechnik des Bundesministeriums der Verteidigung. Hengst selbst war bereits 1968 mit einem Anschlag auf das DKP-Büro in Bonn in Erscheinung getreten.

Ebenfalls unmittelbar vor einem Anschlag gestoppt werden konnte ein Kommando der 1970 in Hanau vom Gebrauchtwagenhändler Roland Tabbert gegründeten »Nationalen Deutschen Befreiungsbewegung« (NDBB). Für den zehnten Jahrestag des Mauerbaus, den 13. August 1971, hatte sie einen »Großkampftag« mit Bombenanschlägen geplant. Obwohl Waffen und Munition in großer Menge entdeckt wurden und NDBB-Mitglieder zuvor bereits Übergriffe auf linke Lokale und Projekte verübt hatten, blieb Tabbert für die Sicherheitsbehörden lediglich ein »politischer Wirrkopf«.

Am Freitag in Teil 2: Wehrsportgruppe Hoffmann, Wehrsportgruppe Rohwer, Deutsche Aktionsgruppen und Volkssozialistische Bewegung Deutschlands

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