Von Hendrik Lasch

Der Name des toten Befreiers

Soldat auf berühmtem Weltkriegsfoto aus Leipzig jetzt identifiziert

Forscher haben den toten US-Soldaten auf einem kurz vor Kriegsende 1945 in Leipzig entstandenen Bild des Magnum-Fotografen Robert Capa identifiziert. Das Haus, in dem das Bild entstand, ist derweil weiter von Einsturz bedroht.

»Der letzte Tote des Krieges« heißt ein berühmtes Bild des US-Kriegsfotografen Robert Capa. Es wurde am 14. Mai 1945 in der »Victory«-Ausgabe des Magazins LIFE veröffentlicht und zeigt als Teil einer Reportage die bedrückende Allgegenwart des Todes. Zwei US-Soldaten richten auf einem Balkon ein Maschinengewehr ein. Dann wird einer von ihnen von einem Scharfschützen getroffen. Zu sehen ist, wie er unnatürlich verrenkt in der Balkontür liegt. Auf dem Parkett bildet sich eine Blutlache, die immer größer wird.

Kontakt zu Veteranen

Das Bild entstand am 18. April 1945 in Leipzig. Während die SS an jenem Tag in Abtnaundorf im Norden der Stadt bei einem Massaker 80 Zwangsarbeiter tötete und NS-Größen sich im Rathaus mit Gift umbrachten, drangen zwei US-Divisionen in die Stadt vor. Im Osten bedrängte die 2. Infanteriedivision die Zeppelinbrücke. Aus dem Haus Jahnallee 61 erhielten die Einheiten Feuerschutz - was der von Capa fotografierte Soldat mit dem Leben bezahlte. Er war nicht der letzte Tote dieses Krieges: Zeitgleich eroberte die Rote Armee unter vielen Opfern die Seelower Höhen; auch weitere GIs kamen ums Leben. Capas Foto indes ging nach dem Sieg um die Welt.

Leipziger Forscher versuchten jetzt mit aufwendigen Recherchen, den bisher unbekannten Toten zu identifizieren. Der aktuelle Anlass: Leipzig bangt um das Haus in der Jahnallee 61, das seit Jahren verfällt und akut gefährdet ist. Das Gebäude ist vom Einsturz bedroht; der Eigentümer, eine Schweizer Immobilienfirma, ist insolvent. Auf Rettung wird nicht nur wegen der städtebaulichen Rolle gedrängt - das Haus am Ende der langen Jahnallee gilt als »Tor zum Leipziger Westen« -, sondern auch unter Verweis auf die Tatsache, dass es sich um einen authentischen Ort für die Ereignisse am Ende des II. Weltkrieges handelt.

Ende letzter Woche zeitigten die Bemühungen der Forscher Erfolg: Durch Kontakte zu einem Kriegsveteran, der in Tennessee lebt, gelang es, den Namen des Toten zu ermitteln. Den Auskünften des Veteranen zufolge handelt es sich um einen Soldaten namens Robert Bowmann, der von der Landung in der Normandie an in Europa gekämpft hatte und wenige Tage vor Kriegsende fiel.

Die Recherchen gestalteten sich mühsam, weil auf den im LIFE-Magazin abgedruckten Bildern die Gesichter unkenntlich gemacht worden waren; Angehörige sollten nicht aus der Zeitschrift vom Schicksal der Soldaten erfahren. In der Literatur zu Capa war der Name bislang nicht erwähnt. In Leipzig war man erst anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung auf die Tatsache aufmerksam geworden, dass die Bilder in der Jahnallee entstanden. Seither wurden viele Details zu Capa bekannt, der eigentlich André Friedmann hieß und zeitweilig mit der 1933 aus Leipzig geflohenen jüdischen Fotografin Gerta Taro liiert war. Nunmehr wurde ein weiterer Stein in das Mosaik eingefügt.

Teure Notrettung

Beteiligte an der Recherche drängen angesichts ihres Erfolges jetzt darauf, die Bemühungen zur Rettung des Hauses zu verstärken. Die Stadt solle »nunmehr wirklich alles dafür tun, den historischen Ort in der Jahnallee 61 in seiner authentischen Form zu bewahren«, sagt Volker Külow, Stadtchef der LINKEN und Historiker.

Ob solche Appelle Wirkung zeigen, bleibt abzuwarten. Zwar hat die Stadt ein ehrliches Interesse am Erhalt des Gebäudes bekundet. Für eine Notsicherung seien aber mindestens 300 000 Euro erforderlich, erklärte unlängst der oberste Denkmalschützer der Stadt, Norbert Baron. Anlass zu vorsichtigem Optimismus gibt immerhin der Umstand, dass die Gläubigerbank des Pleite gegangenen Besitzers zugestimmt hat, das Haus aus der Insolvenzmasse herauszulösen und einen Verkauf zu ermöglichen. Allerdings ist völlig offen, ob sich ein Käufer für das geschichtsträchtige, aber marode Haus findet.

Külow kündigte derweil an, nun auch herausfinden zu wollen, ob es Hinterbliebene von Bowmann gibt. Von dem Toten war bekannt, dass er Kinder hatte. Leipzig, so hofft Külow, könne diesen gegenüber künftig einen »Akt der Wiedergutmachung« leisten.

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