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»Von der Parteien Hass und Gunst verwirrt«

György Dalos über Aufstieg und Fall des Michail S. Gorbatschow

  • Von Theodor Bergmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Über Michail Gorbatschow gehen die Meinungen weit auseinander. Manche meinen zu wissen, dass er sich bereits in seiner Jugend geschworen habe, den Sozialismus abzuschaffen. Nicht wenige, die vor über 20 Jahren noch begeistert »Gorbi, Gorbi« riefen, sind enttäuscht und verbittert, fühlen sich von ihm verraten und verkauft. Die westlichen Medien hofieren ihn, und er redet gern seinen westlichen Gastgebern zu Munde. (Was ein anständiger Kommunist nicht tut.)

»Von der Parteien Hass und Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte«, heißt es im »Wallenstein« von Friedrich Schiller. Nun schrieb ein ungarischer Marxist, der typischerweise in Berlin lebt, ein Buch über den Inkriminierten. György Dalos stützt sich auf ein intensives Quellenstudium. Nach dem Prolog werden Herkunft, Studium, Ehe und der Aufstieg im Partei- und Staatsapparat beschrieben. Es folgt die Schilderung der Reformversuche, die Gorbatschow als Partei- und Staatschef der UdSSR unternahm. Dalos berichtet über die verzweifelte ökonomische Lage, in die das Land nach Jahren der Stagnation, Missernten, mangelnder Innovation sowie Wettrüsten geraten war. Er berichtet über missglückte die Anti-Alkohol-Kampagne und gescheiterte Erneuerungsversuche der KPdSU. Auch in der Außenpolitik hatte Gorbatschow eine Altlast aus der Breschnew-Ära abzutragen, bemühte sich um Entspannung und lehnte fragwürdige »Bündnisangebote« von Staaten wie Syrien und Libyen ab. Gorbatschows Gegner im Partei- und Staatsapparat machten Front gegen ihn, vor allem die Militärs und Manager in den Rüstungsfabriken, die abgespeckt werden sollten.

Frühzeitig gab es Warnungen vor einer nicht mehr zu beherrschenden Situation. Professor Rem Beloussow, Mitarbeiter in der Sowjetbotschaft Unter den Linden in Berlin (Ost), schrieb im Frühjahr 1989: »Die DDR und andere Mitgliedstaaten der Organisation des Warschauer Paktes werden zum Jahreswechsel 1989/90 mit ökonomischen Schwierigkeiten konfrontiert, die sie aus eigener Kraft nicht lösen können und die mit politischen, sozialen und anderen Komplikationen einherzugehen drohen. Die Sowjetunion selbst wird sich zu diesem Zeitpunkt unter einem äußerst harten wirtschaftlichen Druck befinden und wird daher ihren Partnern und Verbündeten nicht behilflich sein können.« Gorbatschow zog daraus die Konsequenz, die Bürden des Bündnisses nicht mehr länger zu tragen. Das verhärtete die Opposition. Alsbald trat Boris Jelzin auf den Plan, ein Demagoge, der unter den Provinzfürsten Verbündete suchte und fand.

Gorbatschow proklamierte Glasnost und Perestroika, ein Ende von Zensur und geistiger Bevormundung. Dalos konstatiert: »So entstand zwischen 1985 und 1989 eine unstrukturierte und institutionslose Meinungsdemagogie, vielleicht die lebendigste und pluralistischste der damaligen Welt.« Die Intelligenzija nutzte die neuen Freiheiten, engagierte sich aber nicht für die Durchsetzung der Reformen.

Gorbatschow berief sich auf Lenins Geist, die Moskauer Nomenklatura baute ihre Seilschaften aus und die Provinzfürsten forderten nun nationale Unabhängigkeit. Der deutsche Imperialismus förderte die Seperationswünsche der drei baltischen Republiken durch vorzeitige diplomatische Anerkennung. Wie Schachfiguren fielen die europäischen Verbündeten von Moskau ab. Ausführlich rekonstruiert Dalos das Ende der DDR. Nach der Öffnung des Brandenburger Tors gab es kein Halten mehr. Dalos lässt offen, wer am Ende wirklich für die Öffnung verantwortlich war: War es Sowjetbotschafter Kotschemassow oder der sowjetische Geheimdienstchef Krjutschkow, die den Auftrag gaben? Oder sollte dieses historische Ereignis einzig SED-Politbüromitglied Schabowski angestoßen haben?

Krjutschkow gehörte zu jenen Verschwörern, die Gorbatschows Sturz ermöglichten. Jelzin konnte sich dank der Putschisten zum Herren im Kreml aufschwingen. Er zwang Gorbatschow, öffentlich das Verbot der KPdSU zu verlesen und warf ihn dann aus seinen Amtsräumen. Am 25. Dezember 1991 musste Gorbatschow als Staatspräsident zurücktreten. Die UdSSR zerfiel.

Das weitere Leben des Michail Sergejewitsch Gorbatschow wies wenig Würde auf. Zwar verteidigte er zunächst noch Honecker & Co. gegen eine rachsüchtige Bonner Justiz und protestierte gegen die neuen Kriege des US-Imperialismus. Andererseits verkaufte er sich für Werbespots westlicher Firmen; er benötigte, wie er 2011 in einem Interview erklärte, Geld für sein Moskauer Institut. Glaubt er selbst, was er da sagt?

Dalos hat eine eindrucksvolle Biografie verfasst, die Verurteilungen meidet, aber Fehler, Irrtümer und Säumnisse klar benennt. Das Buch dürfte auch jene Sozialisten zum Nachdenken anregen, die in Gorbatschow nur den Verräter sehen und selbstkritische Reflexionen scheuen.

György Dalos: Gorbatschow - Mensch und Macht. Eine Biografie. C.H. Beck, München 2011. 288 S., geb., 19,95 €.

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