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Atomenergie ist immer dabei

EU-Kommissar Oettinger stellt Szenarien für Energieversorgung 2050 vor

  • Von Kay Wagner, Brüssel
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Energieversorgung Europas soll bis 2050 ganz CO2-neutral gelingen. Doch der Brüsseler Fahrplan stößt bei Umweltverbänden auf Kritik.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat am Donnerstag in Brüssel Ideen vorgestellt, wie sich die Zukunft der Energieerzeugung in Europa bis 2050 entwickeln könnte. In fünf Szenarien werden zu jeweils unterschiedlichen Anteilen vier Faktoren miteinander kombiniert: Energiesparen, Energiegewinnung aus erneuerbaren Energien und aus Atomenergie sowie die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS). Alle fünf Vorschläge sollen die EU-Zielvorgaben erfüllen, 2050 in Europa so weit wie möglich auf die Freisetzung von CO2 zu verzichten. Zwischen 80 und 95 Prozent weniger CO2 als 1990 strebt die EU an. Im Verkehrssektor sollen 60 Prozent eingespart werden. »Um das auszugleichen, muss der Energiesektor fast 100 Prozent Einsparung erreichen«, rechnete Oettinger vor.

Er sieht seine Vorschläge als Diskussionsgrundlage für Entscheidungen, die auf europäischer Ebene spätestens in zwei Jahren getroffen werden sollten. »Genau so, wie 2002 die ersten Anstöße zu den energiepolitischen Maßnahmen formuliert wurden, die 2007 in den 20-20-20-Zielen für 2020 mündeten, so sollen die Vorschläge heute dazu dienen, in zwei Jahren die Ziele für 2050 zu kennen«, sagte Oettinger. Das sei sowohl für die Energieerzeuger als auch die Verbraucher wichtig, weil dann jeder wisse, was auf ihn zukomme.

Bereits im Vorfeld hatten Oettingers Vorgaben zur Zukunft der Atomenergie für Unmut gesorgt: Keines der fünf Szenarien sieht eine Versorgung Europas ohne Atomstrom vor. Selbst in den Berechnungen, in denen eine hohe Förderung der Erneuerbaren vorgesehen und auf Planung und Bau neuer AKW verzichtet wird, bleibt ein Restanteil von drei Prozent Atomstrom 2050 übrig. Grundsätzlich geht Oettinger davon aus, dass die angestrebte Verringerung des Treibhausgasausstoßes mit dem heute schon bestehenden Energiemix zu erreichen ist, allerdings mit unterschiedlichen Gewichtungen. In knapp 40 Jahren könnten demnach erneuerbare Energien europaweit zwischen 40 und 60 Prozent der Primärenergie erzeugen. Der Anteil von Erdgas bliebe um die 25 Prozent, Atomenergie könnte zwischen 3 und 18 Prozent ausmachen - aktuell sind es 14 Prozent. Öl wiederum sinkt in allen Szenarien auf unter 20 Prozent und feste Brennstoffe wie Kohle fallen auf Werte zwischen zwei und unter zehn Prozent.

Wie stark der Atomstromanteil sinken kann, hängt laut Oettinger auch von der Entwicklung bei CCS ab. Kohle- und Gaskraftwerke könnten nur dann AKW ersetzen, wenn die umstrittene Technik ihren Weg auf die Märkte finde. Spätestens ab 2035 würden die CO2-Grenzwerte so niedrig, dass auch Gaskraftwerke nur noch mit CCS funktionieren könnten.

Die Verbraucher müssten auf höhere Energiekosten einstellen. Bis 2030 werden die Preise um 16 Prozent gegenüber heute steigen, bis 2050 dann wieder um ein Prozent sinken. Die Umstellung auf eine CO2-arme Energieversorgung sei jedoch nicht teurer, als wenn man alles so belasse wie bisher, erklärte Oettinger.

Wie es mit der Atomkraft weitergehen soll, will Oettinger grundsätzlich den Mitgliedstaaten überlassen. Die EU könne da keinem etwas vorschreiben. Allerdings würden im Frühjahr 2012 alle Ergebnisse des AKW-Stresstests vorliegen, der zurzeit EU-weit durchgeführt wird. Daraus werde man in der EU sicher die notwendigen Schlussfolgerungen ziehen.


Kritik

Aus dem Europaparlament und von Umweltverbänden kam Kritik. SPD-Energieexperte Bernd Lange bemängelte, dass die EU-Kommission eine längere Nutzung der Atomenergie und offenbar verstärkte Atommülllagerung zulassen wolle. Grünenfraktionschefin Rebecca Harms kritisierte: »Oettinger versucht, den Ladenhüter Atomkraft als kostengünstigen Klimaretter zu verkaufen.« Laut WWF überschätze Brüssel die Kosten erneuerbarer Energien und unterschätze deren Potenzial. Andree Böhling von Greenpeace kommentierte: »Die EU-Kommission hat versäumt, angesichts der Krise der internationalen Klimapolitik und nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima ein klares Signal für eine Energiewende in Europa zu senden.« dpa/nd

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