Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Neu-Babel im Isental

Seit mehr als 30 Jahren wird in Bayern um den Verlauf der A 94 gestritten - und es ist noch lange nicht vorbei

  • Von Rudolf Stumberger, München
  • Lesedauer: 5 Min.
Die emotionalen und politischen Wogen gehen hoch, geht es um die geplante dritte Startbahn des Münchner Flughafens. Ein Großprojekt der Infrastrukturplanung, mit Gegnern und Befürwortern, auch in CSU wie SPD. Und mit betroffenen Bürgern, die sich gegen den Bau wehren wollen. Wie ein derartiger Konflikt verlaufen kann, zeigt exemplarisch das Tauziehen um ein anderes Verkehrsprojekt, die »Isentalautobahn« A 94 von München nach Passau. Seit mehr als 30 Jahren wird dort um die Trassenführung gerungen - ein deutscher Rekord.

Sanft sind sie, die Hügel zwischen Unterschwillach und Oberschwillach, zwischen Zeilern und Poigenberg. Will man von diesen Weilern nach Pastetten radeln, so führen neu gebaute Brücken über den im Sommer freigegebenen Abschnitt der Autobahn A 94. Dieser endet derzeit in Pastetten, nun steht der nächste Bauabschnitt nach Dorfen und Heldenstein an. Wer von hier aus die Landschaft überblickt, ahnt erst einmal nicht, dass seit Jahrzehnten mit Gerichtsbeschlüssen und Demonstrationen, mit Klagen bei Bundesbehörden und mit Blasmusik um den Verlauf dieser Autobahn gerungen wurde. Und es ist nicht vorbei.

Immer höhere Kosten

»Mit dem Bau der A 94 zwischen Forstinning und Heldenstein wird einerseits die B 12 von Verkehr entlastet und andererseits das Chemiedreieck Burghausen mit seinen rund 30 Chemieunternehmen und 25 000 Arbeitsplätzen leistungsfähig an den Großraum München und den Flughafen angeschlossen«, heißt es von Seiten der federführenden Autobahndirektion Südbayern. Erst gestern haben A 94-Gegner erneut eine juristische Niederlage erlitten, das Bundesverwaltungsgericht wies Beschwerden wegen Nichtzulassung einer Revision ab.

»Auch wenn nun der gerichtliche Weg offensichtlich zu Ende ist, muss dieses dümmste Projekt seit dem Turmbau von Babel nicht realisiert werden«, sagt Heiner Müller-Ermann von der »Aktionsgemeinschaft gegen die Isentalautobahn«. Man werde aber politisch weiterkämpfen. Ein offizieller Baubeginn für den umstrittenen Autobahnabschnitt Pastetten-Dorfen-Heldenstein steht noch nicht fest, so eine Sprecherin der Autobahndirektion Südbayern, wahrscheinlich aber erfolgt der Spatenstich 2012. Begonnen wurde aber bereits mit Maßnahmen zum Naturschutz entlang der Trasse. So wurden Flächen gemäht, die dem Wiesenknopf-Ameisenbläuling später als Habitat zur Verfügung stehen sollen, weil durch den Bau einige Lebensräume dieses Schmetterlings beeinträchtigt werden. Für die Gelbbauch-Unke wurden Tümpelmulden angelegt, für die Hohltaube Nistkästen aufgehängt.

Maßnahmen, die diese Trassenführung auch teurer machen, sagen die Autobahngegner. In einem von ihnen in Auftrag gegebenen Gutachten kommt ein Verkehrsberatungsbüro für die 40 Kilometer lange Strecke von Forstinning bis Heldenstein zu Kosten von gut 400 Millionen Euro. Das für die Finanzierung zuständige Bundesverkehrsministerium veranschlagte zunächst 330 Millionen Euro. Doch allein der Bauabschnitt Forstinning bis Pastetten mit seinen gut sechs Kilometern wurde immer teurer: Die Kosten erhöhten sich von zunächst angesetzten 26,9 Millionen Euro in 2003 auf 30,9 Millionen in 2007 und schließlich auf 41,5 Millionen in 2008. Wirklich gekostet haben die Autobahnkilometer dann schließlich fast 50 Millionen Euro. Heute geht das Bundesverkehrsministerium für das restliche Teilstück bis Heldenstein von 350 Millionen aus, was dann insgesamt die Summe von 400 Millionen Euro ergibt, wie im Gutachten der Gegner geschätzt.

Rückblick: Ein strahlender Maitag vor zwei Jahren. Auf einer Anhöhe im Isental waren sie zusammengekommen, die Künstler von der »Biermösl Blosn« und den »Wellküren«, auch der Kabarettist Gerhard Polt war dabei. Zusammen mit 2000 Besuchern setzten sie sich unter dem Motto »Stimmen für das Isental« für den Erhalt des Tales und gegen den Bau der Autobahn ein.

Menschen und Muscheln

»Seit 33 Jahren kämpfen wir für die Heimat, und das absolut gewaltfrei. Wir haben immer darauf vertraut, dass man mit besseren Argumenten überzeugen kann«, hatte damals Müller-Ermann in seiner Rede gesagt. Und nicht verschwiegen, dass die Autobahngegner enttäuscht waren. Hatte doch ein Gerichtsentscheid im Dezember 2008 eine Revisionsbeschwerde der A 94-Gegner abgelehnt. Auf dem Trassenabschnitt von Forstinning nach Pastetten konnte der Bau beginnen, seit August 2001 ist er auch befahrbar. Was die Gegner der A 94 betrübte, ließ Thomas Riedl damals frohlocken. Mit der Entscheidung sei nun endgültig klar, dass die Autobahn über die Trasse Dorfen gebaut werde. Riedl ist CSU-Mitglied und zweiter Bürgermeister der Gemeinde Hohenlinden und er gehört einer Bürgervereinigung an, der »A 94-jetzt«. Die Gruppe setzt sich dafür ein, eher die »Menschen zu schützen« (vor den Gefahren der Bundesstraße B 12), als »Frösche, Vögel und Muscheln«.

Dabei sind sich beide Seiten einig, dass es einer Alternative zur Bundesstraße 12 bedarf, die über Mühldorf und Altötting nach Passau führt und gefürchtet ist ob ihres Verkehrsaufkommens, den tödlichen Unfällen und den Stauungen. Aber der Teufel liegt im Detail. Genauer gesagt, in der Trassenführung zwischen Forstinning und Heldenstein. Um diese 40 von insgesamt 150 Autobahnkilometern geht seit mehr als 30 Jahren die Auseinandersetzung. Denn die Planer planten in den 1970er Jahren diesen Streckenabschnitt nicht entlang der B 12 über die Gemeinde Haag, sondern ein paar Kilometer nördlicher durch das Isental und über Dorfen. Dieses Isental aber sei eine »rar gewordene altbayerische Kulturlandschaft«, sagen die Trassengegner, mit vielen Zuflüssen und Tälern, der Autobahnbau deshalb geologisch »unsinnig«. Die Großbrücken etwa müsste man fünfmal länger bauen als bei der Trasse über Haag, die Isentaltrasse sei die teurere Lösung. Sieben der ansässigen Bauern wollten nicht weichen und hatten sich in einer Klagegemeinschaft zusammengeschlossen. »Nur aus Gründen des Prestiges« hielten die Politiker noch an dieser Trasse fest, meint Trassengegner Müller-Ermann.

»Ohne Not Geld verbuddelt«

Demgegenüber argumentieren die Planer, eine »Verbesserung der unzureichenden Erschließung des Raumes Forstinning - Dorfen - Heldenstein wird nur durch die Trasse Dorfen erreicht«. Zwar sei hinsichtlich des Naturschutzes die Trasse Haag günstiger zu beurteilen, so die Autobahndirektion. Doch wegen der hohen Bewertung von verkehrspolitischen Zielsetzungen und hinsichtlich des Schutzes vor Verkehrslärm und Luftbelastung sei der Trasse Dorfen der Vorzug zu geben.

Dem schließt sich auch der Bürgermeister von Burghausen, Hans Steindl (SPD) an: »Wir haben uns von Anfang an für die Dorfener Trasse ausgesprochen.« Steindl ist seit 22 Jahren Bürgermeister im Chemiedreieck und kennt »die Leidensgeschichte von Anfang an«. Der Autobahnanschluss sei für Burghausen existenziell wichtig und ein Ausbau der B 12 unter Verkehrsfluss unsinnig. Es sei an der Zeit, dass die Autobahn endlich fertiggestellt werde: »Ich finde es nicht sinnvoll, wegen 40 Kilometern Schattenkämpfe zu führen.«

Demgegenüber meint Trassengegner Müller-Ermann: »Hier wird in Zeiten knapper Kassen ohne Not Geld verbuddelt«. Und das will er mit seinen Mitstreitern auch im politischen Berlin kundtun. Doch nach heutigem Stand der Dinge wird die A 94 wohl in Zukunft über die Trasse Dorfen führen. Dann wird die Autobahn auf der Gesamtstrecke die B 12 entlasten. Und sie wird zudem ein Lehr- und Anschauungsstück über die Akzeptanz von und die Kritik an verkehrspolitischen Großprojekten sein.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln