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Sprungbrett in die Kunst

Die Artothek in Hamburg verleiht an Jedermann zeitgenössische Kunstwerke

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In Artotheken können sich Menschen Kunstwerke ausleihen und damit zeitlich beschränkt ihre eigenen Räumlichkeiten gestalten. Die Einrichtungen sind oft öffentlichen Bibliotheken angegliedert. Vor einem halben Jahr hat in Hamburg eine Artothek eröffnet, die sich auf junge Kunst spezialisiert hat.
Zu entleihen gibt es die Skulptur ohne Titel (»Nagelhaufen«), die über 5000 Nägel enthält, von Anneli Schütz. Außerdem das Gemälde »Malicacha und die Eltern« von Stephanie Linseisen del Pozo. Die Künstlerin greift in ihren Werken soziokulturelle Themen auf, ihr Schwerpunkt liegt hierbei auf der Kultur und Geschichte Perus und seiner Einwohner.
www.dieartothek.de
Zu entleihen gibt es die Skulptur ohne Titel (»Nagelhaufen«), die über 5000 Nägel enthält, von Anneli Schütz. Außerdem das Gemälde »Malicacha und die Eltern« von Stephanie Linseisen del Pozo. Die Künstlerin greift in ihren Werken soziokulturelle Themen auf, ihr Schwerpunkt liegt hierbei auf der Kultur und Geschichte Perus und seiner Einwohner. www.dieartothek.de

»Kunst ist Vertrauenssache, sie braucht Zeit und einen langen Atem. Das ist beim Galeristen, aber auch beim Kunden so und da setzen wir an«, sagt Till Bräuning. Er ist die eine Hälfte von »die artothek« und will den Kunden den Zugang zur Kunst und den Künstlern den Zugang zum Kunden ermöglichen. Annäherung lautet das Grundkonzept und dafür sollte man Zeit haben. Genau die bietet die Hamburger Artothek. Hier kann man sich an die Kunst gewöhnen: entweder in den Räumen einer etwas anderen Galerie im Hamburger Heidenkampsweg oder auf der Homepage des Projekts.

Dort warten derzeit rund 350 Werke auf angehende, werdende und überzeugte Fans von Kunst. »So haben Kunstbegeisterte die Möglichkeit, bequem von zu Hause durch die Arbeiten junger Künstler zu stöbern. Sie können sich in Ruhe überlegen, ob sie sich das eine oder andere Bild für maximal 24 Monate an die eigene Wand hängen wollen«, erklärt Lotte Bräuning. Die 29-jährige Illustratorin ist die zweite Hälfte der Artothek, Schwester von Till Bräuning und für die Auswahl der Werke verantwortlich.

Von der Galerie zum Kunstverleih

Deren Zahl wächst stetig, denn anders als in einer Galerie herrscht im Bestand einer Artothek ständige Fluktuation. Die Kunst wird schließlich verliehen und so sind derzeit Kunstwerke aus »die artothek« zwischen Hamburg und dem Allgäu unterwegs. Schwerpunkt ist allerdings die Hansestadt und das Umland, denn da sitzt schließlich die Verleihstelle für Kunstwerke und daher stammen auch die meisten der Künstler, mit denen Lotte und Till Bräuning zusammenarbeiten.

Dazu gehört auch Wojtek Klimek, der in Hamburg studierte, in Berlin lebt und mit seinen Bildern erst mal für Erstaunen sorgt. Bei ihm steht schon mal eine Ampel im Nirgendwo, werden Bildelemente kombiniert, die nicht zusammenpassen, wodurch manchmal groteske Situationen entstehen. Ein Element, welches auch im Werk der Hamburger Künstlerin Tanja Hehmann festzustellen ist, die in ihrer Serie »animal triste« ungewöhnliche Tiere in die Wohnzimmer der Republik einziehen lässt.

Ungewöhnliche Perspektiven, unabhängige Positionen und Qualität sind Kriterien, nach denen die Geschwister Bräuning auswählen, was in die Artothek kommt und dort zum Leihen, aber auch zum Kaufen angeboten wird. »Leihen kann man oder frau schon ab 2,60 Euro im Monat«, erklärt Till Bräuning. Der ehemalige Bankangestellte ist für das Finanzielle verantwortlich. Für großformatige Werke sieht der Online-Katalog derzeit Leihgebühren von maximal 26,60 Euro im Monat vor. »Das können sich auch junge Kunstbegeisterte in aller Regel leisten. Nicht aber die 2000 oder 3000 Euro, die für den Kauf eines guten Bildes schnell fällig werden«, erklärt Till Bräuning. Diese Erfahrung haben die Geschwister, die vor gut einem Jahr mit ihrer Galerie »elefant art space« starteten, auf die Idee gebracht »die artothek« aufzubauen.

Das war vor einem halben Jahr. Im Visier hatten sie damals vor allem die Young Professionals, gut ausgebildete junge Leute mit vielen Interessen. Die haben angesichts niedriger Einstiegsgehälter heute kaum das Geld, um in Kunst zu investieren. »Die Artothek ist die Antwort auf diese Zeiten«, wirbt Till Bräuning für das nicht ganz neue Konzept.

Die Idee stammt aus den 70er Jahren und die meisten Artotheken sind an öffentliche Bibliotheken, Kulturämter, Museen oder Kunstvereine angeschlossen. Die leihen originale Werke aktueller Kunst kostenlos oder zumeist gegen eine überschaubare Gebühr befristet aus. Die Idee dahinter ist, dem breiten Publikum Kunst nahezubringen und diese Idee unterstützen auch die Geschwister Bräuning.

Frischzellenkur für eine angestaubte Idee

Nur haben sie das Konzept ins 21. Jahrhundert überführt und Fotos der Leihobjekte ins Internet gestellt, alles mit dem Anspruch, ein zeitgenössisches, spannendes Programm aufzubauen. Einen ersten Eindruck vermitteln die 350 Werke von gut zwei Dutzend Künstlern, durch die man sich derzeit klicken kann. Obendrein lässt sich ein Konto anlegen und auch gleich bestellen, was gefällt. So kann man sich zu Hause in Ruhe mit einem Bild, einer Skulptur, einer Plastik auseinandersetzen und sich so der Kunst annähern. Das ist auch die Kernidee der Artothek alter Prägung. Die ist nach wie vor aktuell.

Zeit für die Annäherung an die und intensive Auseinandersetzung mit der Kunst benötigen neben den Young Professionals auch junge Anwälte und Akademiker, die gerade etwas Geld verdient haben, sich aber in der Kunstszene nicht auskennen. Sie haben die Möglichkeit online zu stöbern, sich mit dem Werk von jungen Künstlern vertraut zu machen, Schwellenangst abzubauen, bevor sie dann zum ersten Mal eine Galerie besuchen. An diese beiden Kundengruppen richten sich in erster Linie Angebote wie »Art after Work«, wo man sich mit dem Werk eines oder auch mehrerer Kunstschaffenden vertraut machen kann.

Mit denen stehen die Geschwister im engen Kontakt. »Die Idee unterstützt die Arbeit der Künstler, denn sie gibt Menschen die Möglichkeit Kunst zu Hause zu erleben«, erklärt Lotte Bräuning. Sie arbeitet als Illustratorin und hat ihre Kontakte aus der Studienzeit systematisch ausgebaut und verfügt nun über ein breites Netzwerk von Personen. Über die kommen auch immer wieder neue Künstler zur Galerie und zur Artothek. Die hat ganz andere Möglichkeiten als eine Galerie, die selten mehr als ein Dutzend Künstler im Programm hat. Systematisch soll das Projekt in den nächsten Monaten ausgebaut werden und in zwei bis drei Jahren wollen die Bräunings rund 2500 Arbeiten, Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen und Aquarelle anbieten. »Buy it or leih it«, heißt das Motto und dabei sind die Geschwister sicher, den Zeitgeist getroffen zu haben.

Die gemeinsame Nutzung liegt im Trend

»Besitz bedeutet traditionell Verbindlichkeit. Aber die Flexibilität, die der Alltag heute verlangt, macht es oft nicht möglich sich festzulegen. Wer möchte schon 5000 Euro für ein Kunstwerk ausgeben, das nach dem nächsten Umzug nicht mehr in die Wohnung passt?«, fragt der gelernte Mathematiker Bräuning provokant und deutet auf eine Skulptur, die in der Galerie vor einem großen Gemälde steht. Leihen heißt die Alternative und die liegt im Trend, glaubt man Marktforschern, die Carsharing und Co. große Zuwachsraten prognostizieren. Warum also nicht Kunst verleihen - auch wenn das beim klassischen Kunstklientel oft noch naserümpfend zur Kenntnis genommen wird.

Neue zeitgemäße Konzepte sind gefragt und bei den Künstlern kommt die Idee gut an, denn das Verleihen der Bilder ist besser, als sie in irgendwelchen Depots verstauben zu lassen. So werden im Büro der Galerie derzeit mehrere Künstler neu ins Programm aufgenommen. Lebensläufe müssen geschrieben, Bilder gescannt oder fotografiert und genau kalkuliert werden.

Viel Arbeit, doch das Online-Programm funktioniert und ist erfreulich einfach zu bedienen. Gute Orientierung und die einfache Handhabung der Website sind für die beiden Galeristen das A und O. Hinzu kommen regelmäßige Veranstaltungen in den Räumen der Galerie, um neue Künstler wie Gesine Born, Eiko Borcherding oder Jochen Klein vorzustellen oder neue Arbeiten alter Bekannter wie Wojtek Klimek oder dem Comic-Künstler Roma Klonek. Die können dann in aller Regel auch gleich eingepackt werden - für ein paar Monate oder auch für länger.

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