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Nüscht jejen Ausländer, aber ...

Studie attestiert einem Viertel der Berliner ausländerfeindliches Denken

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Wie tolerant ist denn nun Berlin, das sich in Imagekampagnen gern vielfältig und multikulturell gibt? Die gute Nachricht zuerst: Die Mehrheit der BerlinerInnen hat offenbar »nüscht jejen Ausländer«, denkt positiv über das Zusammenleben zwischen Deutschen und Berlinern mit ausländischen Wurzeln. Aber erschreckend ist der Anteil derjenigen, die eine offene Ablehnung gegenüber Zuwanderern hegen. Bei rund einem Viertel der Befragten ohne Migrationshintergrund fanden die meist populistisch formulierten Parolen Zuspruch. So stimmten knapp 26 Prozent den Aussagen zu, dass Ausländer Schuld an der hohen Arbeitslosigkeit sind oder dass Deutsche alles dafür tun müssten, ihre eigene Kultur gegen Einwanderer zu verteidigen. Bei der Kategorisierung war es egal, ob die Befragten allen Aussagen zustimmten oder nur einer.

Das Meinungsforschungsinstitut Info GmbH hatte für die repräsentative Studie 1010 zufällig ausgewählte BerlinerInnen über einen Zeitraum von drei Wochen im vergangenen November befragt.
Die Ergebnisse fielen in den einzelnen Bezirken hochgradig unterschiedlich aus: Während die Ablehnung von Migranten in Marzahn-Hellersdorf (48 Prozent) und Treptow-Köpenick (39 Prozent) am höchsten ist, zeigen sich die Bezirke Mitte (15 Prozent) und Tempelhof-Schöneberg (16 Prozent) wesentlich offener. »Das Klischee von einem mehrheitlich ausländerfeindlichen Osten lässt sich jedoch nicht aufrechterhalten«, betonte Holger Liljeberg, Geschäftsführer der Info GmbH. Gleich hinter Marzahn und Köpenick reiht sich Spandau (30 Prozent) als ausländerfeindlichster Bezirk ein. Pankow hingegen rangiert bei den toleranteren Bezirken auf Platz drei.
Offen zutage förderte die Studie außerdem eine Ablehnung spezieller Gruppen von Migranten. Am unbeliebtesten sind demnach Russen und Einwanderer aus den arabischen Ländern. Im Gegensatz zu Italienern und Griechen landen sie auf den letzten Rängen der Beliebtheitsskala. Auch die Einstufung des Islam und des Judentums als Bedrohung für die christliche Kultur fällt mit 18 und zehn Prozent erschreckend hoch aus.

Für die frühere langjährige Ausländerbeauftragte des Senats Barbara John (CDU) ergibt sich aus den Ergebnissen ein paradoxes Bild, da ausgerechnet in den Bezirken mit einem geringen Anteil an ausländischen Mitbürgern die höchste Skepsis herrscht. John warf den Befragten in diesem Zusammenhang eine »unrealistischen Einschätzung der Situation« vor. Im Detail aber lässt die Studie zumindest die Vermutung zu, dass der Anteil an Menschen, die wenig bis gar keinen Kontakt zu Ausländern haben, auch diejenigen sind, die größere Vorbehalte gegen alles fremd Erscheinende hegen. In beiden Fällen liegt die Zahl bei etwa einem Viertel.

Große Unterschiede bei der Einstellung gegenüber Migranten fallen vor allem beim Alter und der Schulbildung auf. Die über 60-Jährigen machen mit 37 Prozent und diejenigen mit einem geringeren Bildungsabschluss (86 Prozent) die größte Gruppe innerhalb der fremdenfeindlich Eingestellten aus. Arbeitslosigkeit spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, jedoch sind die Ressentiments gegenüber Zuwanderern in der Gruppe der Geringverdiener am größten (48 Prozent). »In Zeiten von wirtschaftlichen Krisen ist die Suche nach Sündenböcken nicht neu«, erklärt Dirk Stegemann vom Bündnis gegen Rassismus. Auch Barbara John betonte, dass sich Berlin »endlich weg von der Hauptstadt der Armen« entwickeln müsse, um fremdenfeindlichen Tendenzen entgegenzuwirken. Dass Zuwanderer um ein Vielfaches armutsgefährdeter sind als der Rest der Berliner, wie eine gestern veröffentlichte Analyse des Amtes für Statistik belegte, spielte bei dieser Argumentation keine Rolle. »Schon ein Prozent Wirtschaftswachstum tut mehr für die Integration als 1000 Integrationsprogramme«, sagte John. Gleichzeitig betonte sie, dass es aber dringend notwendig wäre, in den einzelnen Bezirken verstärkt auf Nachbarschafts- und Begegnungsprojekte zu setzen, um so der »Verbiesterung« vor allem der Älteren gegenüber Ausländern entgegenzuwirken.

Einig sind sich sowohl Deutsche als auch Migranten bei der gemeinsamen deutschen Sprache und der Eigenverantwortung der Migranten, die für beide Seiten als essenzieller Bestandteil einer gelungenen Integration gilt.
Dirk Stegemann sieht in der Fragestellung eine generelle »handwerkliche Schwäche« der Studie. Die nur oberflächlich formulierten Thesen würden nicht die volle Bandbreite des herrschenden Alltagsrassismus abdecken und die Befragten in ihren Vorurteilen gegeneinander ausgespielt: »Gewisse Antworten werden schon in der Fragestellung provoziert«, kritisierte er.

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