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Warum die Einsteins immer rarer werden

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Werner Heisenberg legte mit 24 Jahren den Grundstein zur Quantenmechanik. Ein Jahr älter nur war James Watson, als er zusammen mit Francis Crick die Struktur des Erbmoleküls DNA enträtselte. Und Albert Einstein, der mit 26 die spezielle Relativitätstheorie veröffentlichte, erklärte später sogar: »Wer seinen großen Beitrag zur Wissenschaft nicht bis zum 30. Lebensjahr geleistet hat, wird dies nie mehr schaffen.«

Bei allem Respekt, hier lag Einstein daneben. Vor allem wenn man auf die letzten Jahrzehnte blickt. »Das Klischee vom jungen, brillanten Forscher, der entscheidende Durchbrüche in der Wissenschaft erzielt, ist zunehmend überholt«, sagt Bruce Weinberg von der Ohio State University (USA), der gemeinsam mit seinem Kollegen Benjamin Jones die Biografien von 525 Nobelpreisträgern untersucht und dabei ermittelt hat, in welchem Alter die späteren Laureaten ihre preiswürdigen Leistungen erbrachten. Das überraschende Ergebnis ist jetzt in den »Proceedings« der US-Wissenschaftsakademie (DOI: 10.1073/ pnas.1102895108) nachzulesen. Danach waren vor 1905 über 60 Prozent der Preisträger in den Sparten Physik, Chemie und Medizin noch keine 40, als sie ihre Nobel-Entdeckungen machten. Und bei einem Fünftel stimmte sogar Einsteins Diktum: Ihnen war der große Wurf schon vor dem 30. Lebensjahr gelungen.

Im Laufe der folgenden hundert Jahre ging die Zahl solcher Jungstars immer weiter zurück und tendiert heute praktisch gegen null. Aber auch Laureaten unter 40 findet man nur noch selten. Für die Chemie und Medizin gilt dieser Trend übrigens durchgehend, lediglich die Physik macht eine Ausnahme. Hier nahm der Anteil von sehr jungen preisgekrönten Forschern im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sogar zu. Für diesen Knick in der Kurve gibt es plausible Erklärung: Ausgehend von der Planckschen Quantenhypothese (1900) wurde seinerzeit die Quantenmechanik begründet, die eine radikale Abkehr von traditionellen Denkmustern erforderte. Das bot vor allem jüngeren Physikern eine Chance zum Aufstieg. Denn diesen sei es naturgemäß leichter gefallen, sich von alten Theorien zu lösen, sagt Weinberg.

Danach folgte auch in der Physik die betrachtete Altersentwicklung dem allgemeinen Trend. Die Autoren der Studie machen dafür hauptsächlich zwei Dinge verantwortlich. Erstens müssten sich die künftigen Akademiker heute immer mehr Wissen aneignen, um ihr Studium abschließen und selbst forschen zu können. Und zweitens sei der Anteil rein theoretischer Arbeiten, an denen sich früher oft junge Wissenschaftler versucht hätten, seit Jahrzehnten stark rückläufig. Im Gegenzug, so besagt die Studie, leisten experimentell arbeitende Forscher ihre wichtigsten Beiträge im Durchschnitt viereinhalb Jahre später als Theoretiker.

Doch kommen wir noch einmal zurück auf Einstein, von dem es heißt, er habe auch folgenden lockeren Spruch getan: »Ein Physiker ist mit 30 faktisch tot.« Wie man annehmen darf, handelt es sich hier um eine Legende. Denn gerade Einstein wusste es besser. Immerhin war der von ihm verehrte Max Planck schon 42 Jahre alt, als er die Quantenhypothese formulierte. Und auch der dänische Physiker Niels Bohr hatte die 40 bereits überschritten, als er den »jungen Wilden« um Heisenberg gleichsam vorführte, wie sich philosophische Schwierigkeiten der Quantenmechanik mithilfe dialektischer Denkmodelle elegant bewältigen lassen. Überhaupt ist bei der Lösung komplexer Probleme in der Wissenschaft ein reifes Alter kein Hindernis, sondern oft die entscheidende Voraussetzung.

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