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Geschafft!

Wenn Nicht-Akademikerkinder studieren, müssen sie Hürden nehmen. ArbeiterKind.de hilft ihnen

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 9 Min.
Katja Urbatsch ist Gründerin und Leiterin von ArbeiterKind.de.
Katja Urbatsch ist Gründerin und Leiterin von ArbeiterKind.de.

Im Oktober erschien ihr Buch im Münchener Wilhelm Heyne Verlag. Dass sie je ein Buch schreiben würde, hätte sie nie für möglich gehalten - sie hatte es nie in Erwägung gezogen. Während andere Autoren ohne jeden Selbstzweifel Bücher am Fließband produzieren, dachte sie, als man sie bat, ihre Erfahrungen mitzuteilen: Ich kann das nicht. Menschen wie sie denken schnell: Ich kann das nicht. Es bedurfte einer hartnäckigen Literaturagentin, des flapsigen Spruchs eines Bekannten (Wer liest schon ein Buch von Katja Urbatsch?), der ihren Trotz herausforderte und sie bewog, sich einzulassen. Ganz fasst sie es immer noch nicht, dass sie ein Buch geschrieben hat und Menschen es lesen möchten. Das Buch heißt: »Ausgebremst. Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt.«

Auch Nicole Thräner und Sven Gramstadt haben es gewagt und - gewonnen.
Auch Nicole Thräner und Sven Gramstadt haben es gewagt und - gewonnen.

Die Literaturagentin und Katja Urbatsch haben etwas gemeinsam: Beide stammen aus so genannten Nicht-Akademikerfami- lien, beide haben es dennoch geschafft zu studieren, und beide haben erleben müssen, dass dies, mit ihrem Hintergrund, weder selbstverständlich noch einfach ist. Katja Urbatsch, inzwischen Doktorandin, hatte daher im Mai 2008 mit ihrem Bruder Marc, ihrem Freund Wolf Dermann sowie zwei Kolleginnen das Internetportal ArbeiterKind.de gegründet - um jungen Menschen mit ähnlicher Herkunft Mut zu machen, ebenfalls den Schritt an die Uni oder die Hochschule zu wagen, und praktische Hilfe anzubieten. Quasi über Nacht wuchs sich das Portal zu einer bundesweiten Initiative aus. Heute, nicht einmal vier Jahre später, zählt das Netzwerk rund 4000 Unterstützer, ist in 80 deutschen Städten präsent und auch in Österreich im Entstehen. Nach dem Erscheinen von Katja Urbatschs Buch urteilte »Zeit campus«: »Sie hat mehr für die Bildungsgerechtigkeit erreicht als zehn Jahre PISA-Diskussion.«

Seit den PISA-Studien ist es nur noch schwer zu leugnen: Welche Bildungschancen ein Kind in Deutschland hat, hängt wesentlich von seiner sozialen Herkunft ab. Deutlicher: Kinder, die in Familien geboren werden und aufwachsen, die man wahlweise bildungsfern oder arm oder beides nennt, machen selten Bildungskarrieren - sie bleiben bildungsfern oder arm oder beides. Geändert hat sich daran nach den PISA-Studien wenig. In der Mehrzahl der Länder erfolgt die Selektion für den weiteren Bildungsweg nach der vierten (!) Klasse. Zehn- und Elfjährigen wird gesagt: »Du hast das Zeug, zum Gymnasium zu gehen«, oder: »Für dich reicht es nur zur Haupt- oder zur Realschule.« Und nach wie vor behaupten Verantwortliche: »Unser Bildungssystem ist durchlässig; wer denn die Leistung erbringt und unbedingt möchte, kann ja später noch aufs Gymnasium wechseln. Man muss sich nur anstrengen!« Wie schwer es wirklich ist, sich als Kind einer Nicht-Akademikerfamilie den Weg aufs Gymnasium und dann zum Studium zu erkämpfen - Katja Urbatsch weiß es. Nicht nur aus eigenem Erleben, sondern aus hunderten von Gesprächen, die sie bei ArbeiterKind.de führte.

Tatsächlich sind es nicht nur Arbeiterkinder, die Hilfe bei ihrem Netzwerk suchen. Es sind Kinder von Bauern, Handwerkern, Hartz IV-Empfängern. Kinder, deren Eltern einen Beruf erlernt haben oder keine Ausbildung absolvierten, in deren Familien noch nie jemand studiert hat. Sie sind die Ersten, die den Schritt in eine ihnen fremde Welt gegangen sind oder vorhaben, ihn zu gehen. Wenn Katja Urbatsch für ihre Ini- tiative den Namen ArbeiterKind.de gewählt ist, dann ist das ein Hilfsbegriff - einer, der anders als der Begriff Nicht-Akademikerkind, kein Defizit benennt, sondern selbstbewusst klingt.

Auch Katja Urbatsch, geboren 1979, ist im klassischen Sinne kein Arbeiterkind. Ihre Eltern hatten sich einst für eine Lehre im Bankfach entschieden, mit diesem Beruf ernährten sie die Familie. Wie die meisten Eltern wollten sie für ihre Kinder das Beste. Und wie die meistern Eltern aus einfachen Verhältnissen hielten sie es für das Beste, wenn ihre Kinder ebenfalls eine Ausbildung begannen und dann recht schnell Geld verdienten. Einen »richtigen« Beruf zu erlernen, damit verbanden sie Sicherheit im Leben. Katja Urbatsch hatte Glück - das Glück hieß Marc. Schon in der dritten Klasse meinte die Lehrerin ihres älteren Bruders in Rheda-Wiedenbrück (Nord- rhein-Westfalen), ihm - obwohl er gute Noten erhielt - den Besuch der Realschule empfehlen zu müssen. Aber Marc wollte nicht auf die Realschule, er wollte aufs Gymnasium! Die Eltern waren verunsichert. Würde Marc das denn schaffen? Marc schaffte es, und so hatte Katja Urbatsch es schon etwas leichter, ihren Wunsch, ihm aufs Gymnasium zu folgen, bei den Eltern durchzusetzen.

Damals glaubte sie noch, die Unsicherheit ihrer Eltern bezüglich der ehrgeizigen Absichten ihrer Kinder sei ein spezielles Problem der Familie Urbatsch. Ein Irrtum. Wir sitzen ihr in den Berliner Räumen von ArbeiterKind.de in der Sophienstraße gegenüber. Sie redet darüber, dass es einen Unterschied macht, ob Eltern an ihren Kindern zweifeln oder ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass die das Abitur machen werden. Darüber, dass Kinder von Eltern aus der oberen Dienstklasse im Vergleich zu Kindern von Facharbeitern und leitenden Angestellten eine 3,8 Mal so hohe Chance haben, von ihnen eine Gymnasialpräferenz zu erhalten - bei gleichen kognitiven Fähigkeiten. Darüber, dass diese Kinder auch von ihren Lehrern 2,5 Mal häufiger für das Gymnasium vorgesehen werden. Darüber, dass der erfolgreiche Besuch eines Gymnasiums in Deutschland voraussetzt, dass die Eltern ihren Kindern zu Hause helfen, den Stoff auf- und nachzubereiten oder Nachhilfe zu organisieren - schätzen Lehrer ein, dass diese Hilfe von einer Familie nicht zu erbringen ist, empfehlen sie von vornherein eine weniger anspruchsvolle Schulform. Und sie redet darüber, dass von 100 Nichtakademikerkindern, die dennoch die Hochschulreife erwerben, lediglich 24 studieren - von 100 Akademikerkindern sind es dagegen 71.

Katja Urbatschs Schwierigkeiten mit ihrer Familie begannen, als sie verkündete, studieren zu wollen. Nordamerikawissenschaften! Was war das denn? Würde sie damit einen Beruf ausüben können, und wenn ja, welchen? Könnte sie damit Geld verdienen? Vorbehalte, die auch Nicole Thräner kennt. Die lebhafte 28-Jährige, die zu unserer Runde stößt, hat an der Humboldt-Universität Französisch und Erziehungswissenschaften studiert und arbeitet inzwischen beim Deutsch-Französischen Jugendwerk. Nicole, 1983 in Berlin-Marzahn geboren, Tochter einer Sekretärin und eines Speditionskaufmanns, hätte nach dem Willen ihrer Eltern nur die Realschule besuchen sollen. Konnte sie sich mit ihrem Wunsch, aufs Gymnasium zu gehen, noch behaupten, lehnten die Eltern ein Studium ab: Sie sollte Krankenschwester werden. Alle Krankenhäuser, bei denen sich Nicole bewarb, nahmen die Abiturientin gern an, aber heimlich hatte sie sich auch um einen Studienplatz bemüht. Die Sache flog auf, entsetzte Eltern. Hatte Nicole doch in ihren Augen eine sichere Zukunft ausgeschlagen. Was, wenn sie Recht hatten? Wenn sie keine Zusagen bekam? Nicole musste sich ständig rechtfertigen. Ein Druck, den auch Katja Urbatsch kennt: »Ich hatte als Nebenfächer Publizistik und BWL belegt. So konnte ich wenigstens sagen: Was wollt Ihr? Ich studiere doch etwas Handfestes.«

Nicole Thräner bekam ihren Studienplatz. Doch wie schreibt man sich an der Uni ein? Wie finanziert man ein Studium, wenn man noch drei jüngere Geschwister hat und kaum auf Unterstützung von zu Hause hoffen kann? Wie gestaltet man seinen Studienplan? Wie spricht man den Professor an, spricht man ihn überhaupt an? Anfangs fiel es Nicole schwer, den Ausführungen der Professoren zu folgen. So viele Fremdwörter, lateinisch und griechisch! Den meisten ihrer Kommilitonen, denen aus Akademikerfamilien, waren sie geläufig. Mussten Hausarbeiten geschrieben werden, lasen deren Eltern sie gegen. Sich in den Seminaren zu Wort zu melden, traute Nicole sich nicht. Die Sprache der Wissenschaft - man soll sie nicht so schnell verstehen; sie grenzt aus, wahrt Besitzstände. Erlernt und beherrscht man sie endlich, entfernt man sich von seiner Familie.»Ich war oft zerrissen«, erzählt Nicole, »man muss seine Identität aufgeben.«

Hilfe fand sie damals bei ArbeiterKind.de. Natürlich hätte sie sich auch an die Fachschaft wenden können: Guten Tag, ich komme aus Marzahn, meine Eltern haben nicht studiert, ich weiß nicht weiter. Aber wer sagt dort so was? Bei ArbeiterKind.de war es anders. Sie erfuhr, warum sie Probleme hatte, dass es anderen ähnlich wie ihr erging, wie man eine Hausarbeit aufbaut, wo und wie man sich um ein Stipendium bewirbt, wohin man sich wenden muss, wenn man ein Auslandssemester absolvieren möchte. Nicole hat ihr Studium erfolgreich abgeschlossen und den Magister gemacht. Seitdem engagiert sie sich selbst bei ArbeiterKind.de, ehrenamtlich. Als Leiterin der Berliner Gruppe möchte sie »die Kraft weitergeben«, die sie bei ArbeiterKind.de gewonnen hat. Jeden dritten Dienstag im Monat lädt sie Studierende und angehende Mentoren zum Stammtisch, jeden ersten Samstag zur offenen Sprechstunde. Die meisten Studis suchen Rat bei finanziellen Problemen oder wenn sie in der fremden Stadt eine bezahlbare Unterkunft suchen. Aber viele wollen auch wissen, wie man Zugang zu digitalen Lehrmaterialien erhält, wenn man nicht über die komplette Apple-Kollektion verfügt, oder wie man jemanden findet, der eine Arbeit Korrektur liest. Nicole Thräner: »Wir haben Netzwerke aufgebaut, auf die wir zurückgreifen können.« Was sie vor allem vermitteln kann, ist Selbstvertrauen: Man kann alles schaffen,wenn man sich traut und sich Unterstützung holt.

Wollen Nicht-Akademiker- kinder studieren, geht es oft auch um den sozialen Aufstieg. 93 Prozent der Absolventen von Universitäten oder Hochschulen finden heute nach dem Studium eine Arbeitsstelle. Ob diese Stelle immer sofort ihren Wünschen und Vorstellungen entspricht, sei dahingestellt. Aber in der Perspektive werden sie gut verdienen und gut leben können. Gut leben - der 34-jährige Doktorand Sven Gramstadt versteht darunter mehr, als ausreichende finanzielle Mittel zu besitzen. Für ihn ist Bildung an sich ein Wert, der den Lebensgenuss erhöht: Man sieht, was man weiß, und je mehr man weiß, desto mehr sieht man.

Als Sohn eines Tankwarts und einer Köchin in Donaueschingen geboren, erwarb er zunächst an der Realschule die Mittlere Reife, erlernte dann den Maurerberuf, war sich da aber schon sicher: Ich mache weiter! Er studierte an der Katholischen Fachhochschule in Berlin-Karlshorst Sozialarbeit, ein »wundervolles Studium«, wie er sagt, das er »sehr genossen« habe, obwohl er es mit Nachtdiensten auf einer Krankenstation für Wohnungslose finanzieren musste. Akademikerkinder gab es kaum unter seinen Kommilitonen, was wohl anders gewesen wäre, hätte er eine andere Studienrichtung, zum Beispiel Jura gewählt. Denen, die mit ihm studierten, ging es wie ihm selbst nicht vorrangig um »die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Bildung«, sondern darum, sich für eine Gesellschaft einsetzen zu können, »in der wir leben wollen«. Da es Sven Gramstadt »Spaß macht zu lernen«, hängte er in der Erwachsenenbildung der Hum- boldt-Universität ein Masterstudium an. Jetzt ist er Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, arbeitet an seiner Doktorarbeit und engagiert sich wie Nicole Thräner bei ArbeiterKind.de. als Mentor.

Schon jetzt gehört Sven Gramstadt zu jenen hochqualifizierten Fachkräften, die Deutschland braucht und so dringend sucht - und um die es sich selbst bringt. Mit seinem von Dünkeln durchdrungenen Bildungssystem, dem es immer noch eine Ehre ist, die von und zu Guttenbergs zu hätscheln. »Vielleicht glauben Sie, dass ich mich in der Jahreszahl und im Land geirrt habe?«, fragt Katja Urbatsch in ihrem Buch die Leser. Vor allem in der DDR Sozialisierte könnten das denken. Doch wir schreiben das Jahr 2011, und die Rede ist von der Bundesrepublik.

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