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Japan sieht Fukushima unter Kontrolle

Kritische Experten und die Bevölkerung trauen den Versicherungen der Regierung nicht

  • Von Lars Nicolaysen (dpa), Tokio
  • Lesedauer: 3 Min.

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Seit neun Monaten hält die Atomkatastrophe in Fukushima die Menschen in Atem. Jetzt gibt die Regierung Entwarnung: Die Reaktorwracks seien unter Kontrolle. Doch Kritiker trauen den Versicherungen nicht.

Auf diese gute Nachricht hat die ganze Welt monatelang gewartet: Das havarierte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ist endlich unter Kontrolle. Behauptet zumindest die japanische Regierung. Die Reaktoren hätten, so wie schon vor Monaten angekündigt, genau zum Jahresende den Zustand eines sogenannten »cold shutdown« erreicht, also einer Kaltabschaltung.

Also keine Gefahr mehr? Mitnichten, meinen kritische Experten und Umweltschützer. Die Reaktorruinen seien noch längst nicht sicher. Jetzt schon von einer Kaltabschaltung zu sprechen, wie es die Regierung und der Atombetreiber Tepco tun, sei geradezu eine bewusste Irreführung der Bevölkerung.

Regierung und Tepco definieren die Kaltabschaltung als erfolgt, wenn die Temperatur am Boden der Reaktordruckbehälter unter 100 Grad gesunken ist, so dass kein weiteres Kühlwasser mehr verkocht. Kritiker halten diese Definition im Falle von Fukushima jedoch für problematisch. Schließlich seien die Brennstäbe vollständig geschmolzen und hätten sich durch den Boden der Reaktordruckbehälter durchgebrannt. Sie lägen nun in Klumpen auf dem Boden der Umhüllung. Und dort entwickelten sie weiter extrem hohe Temperaturen; manche Experten schätzen sie auf mehrere tausend Grad. Sie sollen sich sogar teils in den Betonmantel hineingebrannt haben. Die Gefahr neuer Kernschmelzen sei noch längst nicht gebannt. Auch japanische Medien weisen darauf hin, dass niemand genau wissen könne, wie es in den Reaktoren aussehe. Wegen der Hitze und der Strahlung kann niemand hinein. Daher gibt es Zweifel an der Darstellung der Regierung.

Auch in der japanischen Bevölkerung sind viele nicht bereit, der Regierung ohne weiteres Glauben zu schenken. Viele misstrauen dem Staat. Hatten Regierung und Tepco sowie ihnen nahestehende Experten in den Medien des Landes nicht auch in den ersten Wochen nach Beginn der Katastrophe immer wieder erklärt, es bestehe keine Gefahr? Die Verkündung der Kaltabschaltung kann ohnehin nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Krise noch lange nicht ausgestanden ist.

Tepco hat Riesenprobleme, der Millionen Liter Wassers Herr zu werden, die zur Kühlung der Reaktoren benötigt werden und sich als hoch radioaktive Brühe im Keller der Reaktoren sammeln und das Grundwasser bedrohen. Erst auf vehementen Widerstand der örtlichen Fischer wurden Überlegungen, erneut belastetes Wasser ins ohnehin schon verseuchte Meer abzulassen, bis auf Weiteres zurückgestellt. Ein zusätzliches akutes Problem stellen laut Umweltschützern die hohen Wasserstoffkonzentrationen in den Reaktordruckbehältern dar. Sie schaffen Explosionsgefahr.

Fest steht, dass die Aufräumarbeiten in dem AKW noch Jahrzehnte dauern werden. Hinzu kommt, dass nach wie vor riesige Gebiete in der Region radioaktiv verseucht sind, manche werden möglicherweise für immer unbewohnbar bleiben. Zehntausende Menschen sind weiter auf der Flucht vor den Strahlen. Auch wenn die Regierung jetzt erklärt, dass die radioaktive Belastung in den evakuierten Gebieten weit unter 20 Millisievert pro Jahr - also unter den Richtwert für Evakuierungen - gesunken sei, sind dennoch Zigtausende verunsichert.

In den vergangenen Tagen wurde nicht nur der Verkauf von Reis aus einzelnen Orten Fukushimas wegen überhöhter Strahlung verboten, auch in Babynahrung wurden leicht radioaktive Rückstände entdeckt. Dennoch denkt die Regierung darüber nach - jetzt, da die Kaltabschaltung erreicht sei - , ob man die Evakuierungszonen nicht reduzieren könnte. Doch manche Japaner glauben noch nicht an eine Rückkehr. »Der Regierung kann man nicht vertrauen«, meinte eine Frau im Fernsehen und dürfte vielen aus der Seele gesprochen haben.

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