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Cromwells Ende

Hilary Mantel: »Wölfe«

Es ist die Geschichte des 1485 geborenen und 1540 auf dem Schafott gestorbenen Thomas Cromwell, die Hilary Mantel in ihrem mit dem Man Booker Price ausgezeichneten Roman erzählt. Der Urgroßonkel des späteren Lordprotektors Oliver Cromwell hatte große Bedeutung für die Entwicklung Englands im 16. Jahrhunderts, ist heute jedoch außerhalb von Historikerkreisen kaum bekannt. Mit seiner »Realpolitik« war er nicht nur Wegbereiter der Reformation in Großbritannien, sondern versuchte auch mäßigend auf die radikalen Kräfte sowohl auf katholischer als auch protestantischer Seite einzuwirken.

Unter den »Wölfen« des englischen Hofes war das aber keine einfache und - wie Cromwells Ende auf dem Richtblock zeigt - auch keine ungefährliche Sache. Der starke Widerstand der katholischen Kirche gegen die Reformation forderte auch in England zahlreiche Opfer. Die englische Schriftstellerin beschreibt eine von Verfolgung und Angst geprägte Zeit. Detailliert schildert sie, wie Cromwell mit Geld und Intrigen versucht, die Sache der Protestanten am englischen Hof voranzutreiben. Das Buch, an dessen zweiten Teil Hilary Mantel bereits arbeitet, endet im Juli 1535 mit der Hinrichtung des Humanisten Thomas More, der latinisiert als Thomas Morus in die Geschichte einging. Morus, der zeitweilig Lordkanzler unter Heinrich VIII. war, kann nicht verhindern, dass der Einfluss der Protestanten zunimmt, weil sich Heinrich VIII. von seiner Frau Katharina von Aragon scheiden lassen will, der Papst dazu aber nicht die Erlaubnis erteilt. Am Ende muss Morus sterben; er akzeptiert nicht, dass der König sich auf Grund dessen zum Oberherrn der englischen Kirche machen lässt.

Aber auch der Autor von »Utopia« war kein Unschuldslamm. In seiner Zeit als Lordkanzler ließ er Protestanten gnadenlos verfolgen, foltern und hinrichten. Allerdings zeichnet Hilary Mantel vielleicht auch deshalb ein so negatives Bild des Humanisten, weil die Autorin trotz der Verwendung der Er-Form aus der Perspektive Cromwells erzählt. More erscheint so als asketischer und dogmatischer Charakter. Die Beschränkung der Erzählperspektive auf ihren Helden führt außerdem dazu, dass in »Wölfe« die zahlreichen anderen Figuren nur wenig Eigenleben erhalten.

Auch die zahlreichen Dialoge des Buches tragen nicht viel zu differenzierterer Schilderung bei, denn sie dienen größtenteils dazu, die Positionen Cromwells zu verdeutlichen. Der durch die Dialoge erzeugte filmische Eindruck gibt Mantels Roman einen modernen Einschlag. Allerdings tritt sie selbst an keiner Stelle als Erzählerin oder Autorin auf, um die letztlich subjektive Sicht auf die Geschichte deutlich zu machen. Womit der fragwürdige Eindruck entsteht, dass alles so erzählt wird, »wie es war«. »Wölfe« ist aber auch kein historischer Roman im klassischen Sinne. Die Autorin versucht keine Atmosphäre der Zeit - z.B. über die Schilderung von Alltagsdetails - lebendig werden zu lassen. Dadurch vergisst der Leser oft, in welchem Jahrhundert er sich befindet. Es entsteht der Eindruck von Zeitlosigkeit wie in den Königsdramen von Shakespeare, an die die Geschichte, die Hilary Mantel erzählt, auch wegen der vielen Dialoge erinnert.

Hilary Mantel: Wölfe. Roman. Aus dem Englischen von Christiane Trabant. Dumont. 768 S., geb., 22,95 €.

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