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Kitzelndes Vergnügen

»In guten Händen« von Tanya Wexler

  • Von Alexandra Exter
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein elektrisches Gerät aus der funkensprühenden, ungesicherten Frühzeit der sogenannten Weißen Ware in Kombination mit typisch weiblichen Feuchtgebieten, mit denen es in wirbelnde Berührung gebracht werden soll, das klingt zunächst eher lebensbedrohlich. Ist es aber nicht - bei richtiger Handhabung und etwas vorausschauender Sorge, weshalb die das neuartige Gerät applizierenden Herren hier denn auch vorsorglich Schutzbrillen tragen. Nicht reihenweise Frauenleichen, sondern rund 125 Jahre befriedigter und höchst lebendiger Frauen hat das Gerät nun schon hervorgebracht. Und schonender für die Armsehnen (nicht nur) der Herren ist es auch.

Denn dies ist die Geschichte der Erfindung des - Vibrators. Im viktorianischen England des langsam seinem Ende entgegengehenden 19. Jahrhunderts, an einem Ort und zu einer Zeit also, die allgemein eher für das sittsame Verkleiden von Tischbeinen bekannt sind als für erotische Erfinderfreudigkeit. Und das ist der ausschlaggebende Punkt, durchaus auch in elektrischer Hinsicht: Denn nicht um die weibliche Befriedigung ging es den männlichen Erfindern, sondern um den häuslichen Frieden von Ehemännern. Die Frauen, die sich hier in der Praxis eines Dr. Dalrymple einfinden, um verlässlich und termingerecht ein- bis zweimal wöchentlich eine ärztlich verordnete Befriedigung zu erfahren, leiden allesamt unter einer zu jener Zeit gern (aber natürlich stets nur bei Frauen) diagnostizierten Erkrankung, hinter der sich aller Art Frust verbergen konnte: unter Hysterie.

»Hysteria« ist denn auch der Originaltitel des Films von Tanya Wexler, der auf Deutsch eindeutig zweideutig »In guten Händen« heißt. Anders als jüngst in David Cronenbergs aufklärerischem Psychoanalysedrama »Eine gefährliche Methode« ist der Ton dieser britisch-französisch-deutschen Koproduktion unter US-Regie eher lebenslustig-albern, lose an den historischen Fakten orientiert, aber dabei durchaus unernst, jederzeit spielerisch eher als belehrend. (Auch wenn einige der historischen Vibratormodelle, die im Abspann in chronologischer Abfolge vorgeführt werden, durchaus staunen machen. Ganz so neu ist die Idee der sexuellen Selbstbestimmung also offenbar doch nicht.)

Hugh Dancy als Mortimer Granville, hoffnungsvoller Nachwuchsdoktor in Dalrymples überlaufener Praxis, der sich das elektrische Spielzeug einfallen lässt, weil auch Eiswasser die überstrapazierten Finger irgendwann nicht mehr zu kühlen vermögen, hat in Rupert Everetts betuchtem Tüftler einen Mentor, der ohnehin gerade mit funkensprühenden Generatoren bastelt. Felicity Jones, hochgeschlossen und gesittet, und Maggie Gyllenhaal, feurig und (viel zu) frech für die 1880er, eine sozial engagierte Suffragette weit vor der Zeit, dürfen als Dalrymple-Töchter für die dramaturgisch unverzichtbaren Schwankungen in Granvilles eigenem Hormonhaushalt sorgen. Und Jonathan Pryce weiß als Dr. Dalrymple tatsächlich jederzeit die professionelle Gravitas zu wahren, die das Vertrauen seiner vermögenden Patientinnen in einen praktischen Arzt, der zu Beginn noch persönlich Hand anlegt, überhaupt erst denkbar macht.

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