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Der Zweck - und die Mittel

»The Ides of March - Tage des Verrats« von George Clooney

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Im wirklichen Leben sind es zur Zeit eher die Kandidaten der Republikaner, die sich im Vorlauf des US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes die Augen aushacken. George Clooney, ein bekannter und bekennender Liberaler unter den Demokraten, drehte den Spieß fürs Kino um und besetzte sich in seiner vierten Regiearbeit selbst als demokratischen Präsidentschafts-kandidaten, dessen Wahlkampf-Team es zunächst erst mal darum zu tun ist, den Gegenkandidaten aus der eigenen Partei auszustechen. Denn ohne die offizielle Parteinominierung für das Präsidentenamt kann »ihr« Mann einpacken, bevor die Wahlen noch so richtig beginnen.

Die Vorlage für »The Ides of March« - die Iden des März, welch verschwörungstaugliches Datum! - hatte seine Broadway-Premiere, als Obama Präsidentschaftskandidat war und noch zum Hoffnungsträger taugte. Weshalb Clooney sein Projekt einer Verfilmung (des Theaterstücks »Farragut North« von Beau Willimon, selbst mehrfach demokratischer Wahlkampfhelfer) auch erst mal aufschob. Ein zynischer Film über die Korrumpierbarkeit durch Macht passte einfach nicht in die Stimmung der Zeit. Inzwischen hat es sich was mit dem Hoffnungsträger. Am Beispiel der republikanischen Gegenkandidaten ist für jeden Amerikaner täglich live im Fernsehen zu beobachten, dass Politik kein Geschäft ist, bei dem Westen lange weiß und Überzeugungen auf Dauer stärker bleiben als der unbedingte Wille zur Macht. Und ein erheblicher Teil der Republikaner hat einen solchen Rechtsruck vollzogen, dass an das Aushandeln tragfähiger politischer Kompromisse nicht mehr zu denken ist.

Weshalb Clooneys erstklassig besetzte, sehr solide inszenierte Polit-Fabel denn auch trotz allen Abwartens wieder zum falschen Zeitpunkt kommt. Weil sie nicht abbildet, was sich an Grabenbildung im Land abspielt, weil sie längst zu zahm und harmlos ist, um irgendjemandem im Politikgeschäft noch einen Spiegel vorzuhalten. Politik macht machthungrig (oder vielleicht gehen auch nur die Machthungrigen in die Politik, wer weiß). Und wer der Macht einmal so nahe war, dass er sie schnuppern konnte, der wird von ihr freiwillig nicht gerne lassen, selbst wenn es einen miesen Deal nach dem nächsten kostete. Die Erkenntnis ist banal, sie hat zur viel beklagten Politikverdrossenheit und zum Phänomen des Wutbürgers ja erst geführt.

Die Schauspieler aber sind wunderbar, auch Clooney selbst als scheinbar integrer Präsidentschaftsbewerber, der sich am Ende doch nur als einer unter vielen entpuppt, als Anzugträger mit einer etwas ausgeprägter liberalen Haltung als die meisten, aber letztlich doch nur Machtmensch unter Machtmenschen. Faktisch ist das eine Nebenrolle, im Bühnenstück tauchte der Kandidat überhaupt nur in Gesprächen auf. Die eigentliche Hauptrolle, das ist der Pressesprecher des Kandidaten, ein junger, immens talentierter Heldenverehrer namens Stephen Meyers, gespielt vom jüngsten Fixstern am Hollywood-Himmel: Ryan Gosling. Einer, der an seinen Kandidaten glaubt wie an den Retter Amerikas, weil er ihn für einen echten Überzeugungstäter hält, mit genau den richtigen Überzeugungen: pro Reichensteuer und Umweltschutz, säkularen Staat und Homo-Ehe, gegen Todesstrafe, Irak-Krieg und öffentliche Glaubensbekenntnisse. Alles keine Überzeugungen mithin, die wahltaktisch sonderlich vielversprechend klängen im heutigen US-Amerika.

Marisa Tomei als Reporterin von der liberalen New York Times (natürlich, welch anderes Blatt auch sonst?) warnt diesen Stephen Meyers vor, sein Held sei letztlich doch nur Politiker, die Enttäuschung also programmiert. Aber Meyers hat sich die ideologische Unschuld bisher bewahrt, er glaubt ihr nicht - und wird bald eines anderen belehrt. Philip Seymour Hoffman als Meyers Chef und Paul Giamatti als dessen Gegenüber im Team des demokratischen Rivalen, dazu Jeffrey Wright als demokratischer Senator mit der alles entscheidenden (und deshalb natürlich meistbietend zu versteigernden) Stimme in dieser Phase des Vorwahlkampfs und nicht zuletzt Evan Rachel Wood als blutjunge Praktikantin aus führender Demokratenfamilie stehlen sich in Nebenrollen gegenseitig die Schau.

Kann das gut gehen? Natürlich nicht. Von Meyers Illusionen ist am Ende so wenig übrig wie von der weißen Weste des Kandidaten, auch wenn er seinen Cäsar nur mit Worten absticht und die Schiebereien hinter der Bühne mit dem Hintergehen des (noch) nichtsahnenden Wählers bezahlt werden. Als blank geputzte Vitrine für ein paar großartige Schauspieler ist das Weltklassekino. Als politische Aufklärung ist es nichtig.

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