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KRIEG

Münchner Kammerspiele: »Atropa«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Gundi Ellert, Steven Scharf, Katja Bürkle (v.l.): die Kultur des Sieges. Fotos unten: Steven Scharf, Katja Bürkle, Wiebke Puls
Gundi Ellert, Steven Scharf, Katja Bürkle (v.l.): die Kultur des Sieges. Fotos unten: Steven Scharf, Katja Bürkle, Wiebke Puls

Agamemnon zieht nach Troja, um seinem Bruder Menelaos die von Paris geraubte schöne Helena zurückzuholen. Wind für die Überfahrt bezieht er - wie auch jenen nötigen Suggestiveindruck seiner unvergleichlichen Herrscher-Art - aus dem grausamen Akt, das eigene Kind Iphigenie zu opfern. Dieser Besieger Trojas: ein blutiger Prediger des unbedingten Krieges. Agamemnon zerstört, vernichtet, danach säuselt oder schreit er die Opfer in die Dankbarkeit, die aber nur abgrundtiefer Hass bleibt - und er schleppt Kassandra mit: Geliebte und lebendes Demütigungsobjekt gegen seine eigene Frau, Klytämnestra. Die wird daraufhin alle gefangenen trojanischen Frauen töten, auch Kassandra. Und weggehen wird sie von ihm, verachtungsstark, in eine unbestimmte Welt hinein, die dreckig, aber immerhin groß ist.

KRIEG

Tom Lanoye, der vor Jahren mit Luk Perceval das grandiose, vielstündige Shakespeare-Panorama »Schlachten!« schuf, hat den mythischen Stoff des trojanischen Krieges, hat die Dramatik von Euripides und Aischylos, hat Atriden und Europa zu seinem »Atropa. Die Rache des Friedens« geformt, Stephan Kimmig inszenierte das Stück (Bühne: Katja Haß) an Münchens Kammerspielen.

Ein hart ins Fleisch der Realität geschnittenes, sehr böses, roh gewuchtetes, ein eisenherzliches, schmerzklirrendes, die Widerlichkeit des Politischen ins eishelle Licht zerrendes Theater. Der Alexandriner-Vers ist zerfressen von den Wortgiftmaden eines Bush oder Rumsfeld. Die Kriegserklärung leiert, labert, grinst, brüllt, posaunt pathetisch, ihre Hauptvokabeln: Frieden, Befreiung, Moral, Ehre, Vaterland, Gewissen.

Es ist ein Abend beglückend wahrhaftiger wie gleichniskräftiger Schauspieler. Die gnadenvoll Konturen setzende Katja Bürkle ist eine naiv militante Iphigenie; Standartenfähnchen schwingt sie wie Schwerter, eine gymnastisch Freudige, die sich nach kurzem Tränenstoß federnd in den Opfertod fügt. Dann ist sie Kassandra, scharf von den Beinen bis in die Stimme; als Iphigenie zart und sauber, jetzt gewaltsam und schmutzig, Agamemnons Geilheit schürend, eine betörend jakobinische Aufständische, Hochfahrende des Untergrundes, Feldherrin einer Rache, die im Einverständnis mit dem eigenen Tod besteht - der den Feldherrn treffen wird, als müsse er selber sterben. Er stirbt nicht, Sieger sterben nie, sie verrecken freilich in jenem Triumph, der ihr Leben erhöht und es doch endgültiger abtötet als jedes Feindes Waffe.

Steven Scharf spielt den Agamemnon. Erst Krawatte, dann, mit freiem Oberkörper, ein Blutsudelklumpen, der an die »befreiten« Trojaner Törtchen und Thermoskannenkaffee verteilt. Als Opferer der eigenen Tochter ein schwitzendes, blasses Rechtfertigungsbündel; Eichmann-Biedermann, das ist in Scharfs Spiel ein grauer, furchtgebärender Gleichklang. In Siegerpose beschwört er, badend in der Feierlichkeit falscher Töne, das Werk seines »Friedens«, um plötzlich, attackiert vom Fluch der Besiegten, diese Erschauerten brachial zu bebrüllen. Quasi der Weg von der UNO-Heuchelei ins Feldlager. Die tote Kassandra wird er später hereintragen, als erwache ihm überm Anblick dieser Leiche erstmalig ein erschütterter Sinn auch für den Mord an der eigenen Tochter. Steven Scharf reißt für Sekunden einen Seelenschlund auf, darin ein Mensch zu wimmern scheint.

Er steht jetzt seiner Frau Klytämnestra gegenüber, der Kassandra-Mörderin. Wiebke Puls gab sie zu Beginn, da Iphigenie sterben musste, zwischen mütterlichem Flehen und Flattern und einer letztlich obsiegenden, staatstragend gebundenen Fassung. Eine Klagende, die den Gatten hasst, ihm aber folgt. Unter den Anwürfen Kassandras war sie dann erkennend erstarrt: Puls entwirft das Porträt einer tief und beschämt über sich selbst Erschreckenden; eine Erwachende, die begreift, dass jede Systemschande, jede Staatsschuld getragen wird vom Heer derer, die stumm bleiben, sei es aus Liebe, aus Einsicht, aus Gläubigkeit, aus diesem ewigen Verdrängungszauberspruch: »Was sollte ich denn tun?!« Soeben hat sie sehr viel getan und wieder das Falsche: Sie mordete die Trojanerinnen; erst zu groß die Ruhe, dann zu groß die Rache. Puls' Klytämnestra: Mensch zwischen verhängnisvollen Optionen, ohne Gabe zur Balance; so kippt sich Geschichte von Extrem zu Extrem.

Gundi Ellert und Katharina Hackhausen: Hekabe und Andromache. Das ist Trojas schwarzes, tragisch gefasstes Frauenleid; in präzis knappem Spiel leuchtet, als meine es alle Zeiten, das Unglück einer Opfergemeinde auf. Walter Hess ist der namenlose Trojaner, der ans Mikrofon tritt mit bitteren Berichten des Elends und doch einer erstaunlich zähen Erhabenheit und Würde. Anna Maria Sturm als Helena: Schönheit, vernichtet durch den Missbrauch als Kriegsanlass, dann weggeworfen, vergessen fast - am Ende muss sie den eigenen Tod geradezu erflehen, um als Mensch noch ein letztes Stück Nerv zu spüren.

Erst ist die Bühne hohe graue Mauer. Sie öffnet sich als Tor zur Hölle: zu einem neonhellen Bunker, der hinten abfällt. Eine Tiefgarage der politischen Abgründe, aus denen nur immer Verderben steigt. Stephan Kimmig und seinen Spielern ist großes Theater gelungen. Es steht meist nur da, und es ist ganz Leid oder Lüsternheit; das Lavieren zeigt seinen Striptease, das Lauern seine schrägen Augen. Ein bedrängendes politisches Mechanismus-Protokoll.

Eine Lektion in Demagogie, ein Lehrstück des Weltenlaufs, in dem wir - in jedem Krieg - als kluge Idioten feststecken, so wissend wie ohnmächtig. Wie oft man doch lachen möchte über die rhetorische Lächerlichkeitsmühen dieses Agamemnon! Im Theater: lachen - draußen aber ist es die tägliche Rhetorik, die herrscht - und alles Lachen vergeht (nicht das Verbrechen), wird machtloses Stammeln.

Die Anklage gegen die Agamemnons füllt zwar Zeitungen und bleibt doch leerlaufendes Getön. Der Zorn füllt Straßen, und doch hat der Krieg freien Lauf. Der Schmerzschrei erfüllt Lüfte, aber die Geschosse feiern ihren freien Flug. Wir zerfetzen uns analytisch die Mäuler über die Kompliziertheit der Welt, die zerfetzten Leiber aber sagen die nackte Wahrheit. Irak und Afghanistan als jüngste Beispiele für den Schwach-Sinn des vernünftigen Einspruchs. Die schweren Panzerketten der Ideologien wälzen sich über den Friedenskampf, die Vernunft bleibt zurück, eine Plattheit. Man lügt uns die Taschen voll, das ist der Reichtum der freien Meinung!

Letztwort des Agamemnon: »Wir«. Stottern unterm Suchblick: Wir, wir, wir. Niemand da. Einsames armes Schwein. »Wir.« Es wird nicht lange dauern: Ein »Wir« wird sich erneut finden. Der Sieg, diese Sucht, braucht jenes Reimwort, das ihm vorausgeht: Krieg.

Stück: Lanoye. Regie: Kimmig
Nächste Vorstellung: heute

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