Werbung

»In diesen Zeiten regiert das Verbrechen«

In Caracas steigt die Zahl der Überfälle - Die Täter werden immer jünger

  • Von Oliver Matz und Dismary Hernandez
  • Lesedauer: 6 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Venezuelas Millionenmetropole Caracas zählt zu den gefährlichsten Städten der Welt. Die Zahl der Entführungen nimmt erheblich zu. Waren früher vor allem Reiche zu Opfern geworden, sind heute in wachsendem Maße Angehörige der Mittel- und Arbeiterschicht betroffen. Dabei werden die Täter immer jünger und skrupelloser.
Auch Zäune schützen nicht vor Entführungen und Überfällen im Alltag.
Auch Zäune schützen nicht vor Entführungen und Überfällen im Alltag.

Es war der 23. Oktober 2011. Das Fotomodell Luis Bisbal war gegen 23.30 Uhr mit seinem Volkswagen im Stadtteil Altamira unterwegs. Plötzlich schob sich je ein Fahrzeug vor und hinter ihn. Als Bisbal auf die Hauptstraße Cota Mil gelangte, begann das vor ihm fahrende Auto seine Geschwindigkeit zu drosseln. Zugleich verhinderten die beiden Fahrzeuge ein Ausscheren Bisbals aus seiner Spur. Schließlich wurde der Mann zum Halten gezwungen. Aus den beiden Wagen stiegen acht Jugendliche, alle bewaffnet mit Pistolen. Einer der Minderjährigen stellte sich vor: »Ich bin der Schrecken von Caricuao und bin mit meinen Leuten unterwegs, um ihnen beizubringen, wie man auf der Straße überlebt. Heute Nacht habe ich bereits drei Menschen umgebracht.«

Erst ausgebremst, dann aus dem Auto gezerrt

Bisbal wurde aus seinem Auto gezerrt und in den vorderen der beiden Wagen eskortiert, einer der Jugendlichen stieg in den VW und folgte seinen Kumpanen. Die Jugendlichen nahmen ihm alle Wertsachen ab. Drei Stunden später wurde Bisbal auf der Autobahn Valle-Coche aus dem Fahrzeug gestoßen. Schwer verletzt gelang es ihm, sich bis zu einer Tankstelle zu schleppen und Hilfe zu rufen. Das rettete ihm das Leben.

Ähnlich erging es dem Lektor Gustavo Gonzales*. Am Nachmittag des 16. September wartete er in seinem Auto im Stadtteil Santa Mónica auf seine Frau, die gerade in einer Drogerie einkaufte. Zwei junge Burschen näherten sich ihm. Sie postierten sich vor der Fahrertür und richteten eine Pistole auf ihn. Rasch drängten sie sich in den Wagen und zwangen ihn loszufahren. Dabei drohten sie: »Falls du unterwegs versuchen solltest, Polizisten durch Handzeichen auf uns aufmerksam zu machen, werden wir dich töten.« Während der Fahrt nahmen sie Gonzales die Uhr, das Handy und den iPod ab. Dabei kam es zu einem Streit der Kidnapper um den Besitz der Wertsachen. Kurz darauf stieg ein dritter Täter ein, der anders als seine Kumpane wusste, wie man ein Auto fährt. Er übernahm das Lenkrad. Gonzales wurde nach hinten verfrachtet. Die Jugendlichen banden ihm die Füße mit seinen Schnürsenkeln und seinem Unterhemd zusammen. Dann ver᠆decken sie ihm das Gesicht mit einer dunklen Kapuze. Um zu prüfen, ob ihr Opfer noch sehen kann, verpassten sie ihm mehrere Schläge mit ihren Pistolenknäufen. Nach zwei Stunden wurde der Mann etwa 200 Meter entfernt von El Marqués, einem Bezirk in der Innenstadt, zurückgelassen. Gonzales konnte sich von den Fesseln befreien und gelangte bis zu einer Polizeiwache, wo er die Tat anzeigte. Nach einigen Tagen wurde sein Auto gefunden. Es war völlig zerstört.

Zu einem Zentrum der städtischen Entführungen ist die Avenida Boyacá geworden, besser bekannt unter dem Namen Cota Mil. Diese Hauptverkehrsstraße gleicht für den, der sie befährt, einem Russischen Roulette.

Entführer schlagen auch in der Öffentlichkeit zu

Die dort von der Polizei registrierten Kidnappings sind zahllos, insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit. Die Strategie der Entführer beruht darauf, ihre Opfer schon bei den Zu- und Abfahrten dieser Schnellstraße abzufangen.

Im Allgemeinen gehen die Entführer so vor wie im Fall Luis Bisbals: Ein Wagen schiebt sich vor das Opfer und einer dahinter. Sobald die Cota Mil erreicht wird, beginnt das voraus fahrende Fahrzeug die Geschwindigkeit zu verringern, um das Opfer schließlich zum Halten zu zwingen.

Obwohl es besonders gefährliche Orte gibt, ist das Risiko, einer Entführung zum Opfer zu fallen, überall und jederzeit in Caracas gegeben: beim Besuch der Tankstelle oder eines Einkaufszentrums, beim Einsteigen ins eigene Auto auf der Straße oder im Parkhaus, beim Verlassen des Restaurants, dem Betreten der eigenen Wohnung oder des Hauses. So haben sich die Bewohner der Millionenmetropole in den letzten Jahren daran gewöhnen müssen, nirgendwo sicher zu sein.

Die venezolanische Kriminologin Mónica Fernández hat eine Erklärung für die ausschweifenden Entführungen in ihrem Land. »Es gibt eine Migrationsbewegung innerhalb der Täterschaft. Es bilden sich seit einiger Zeit Gruppen, speziell um Entführungen zu begehen. Dabei handelt es sich um Novizen des Verbrechens.« Die Banden versuchen sich als Kidnapper, um schnell Geld zu verdienen. Sie sind jung, kaum organisiert und verfolgen keine individuellen Ziele. »Diese Gruppen haben keine Anführer und auch keine Logistik, um die Entführungen professionell vorzubereiten und zu planen. Was sie interessiert, ist, sich zu trainieren und Erfahrung zu sammeln«, sagt die Kriminologin. Ihre bevorzugten Opfer sind Angehörige der Mittelklasse. Es gehe ihnen nicht darum, Lösegelder zu kassieren. Sie begnügen sich damit, das Auto und einige Wertsachen des Opfers zu erbeuten.

Ein Kollege von Fernández ergänzt: »Diese Verbrecher - die ich als Hohlköpfe bezeichne - sind jugendliche Gewalttäter, die gewöhnlich große Mengen an Drogen konsumieren. Das Gefährliche dabei ist, dass diese Novizen des Verbrechens eine persönliche Entwicklung von Entführern hin zu Totschlägern durchlaufen«, sagt Fermin Mármol Garcia. Die Profis unter den Entführern wüssten, dass es vorzuziehen ist, das Opfer selbst nach einem Scheitern der Lösegeldforderung frei zu lassen. »Die Hohlköpfe«, so Garcia, »wissen das nicht.«

»En estos tiempos gobierna la delincuencia - In diesen Zeiten regiert das Verbrechen«, pflegen heute viele Venezolaner zu sagen. Durchschnittlich alle 90 Minuten geschieht in Caracas ein Mord, allein 2009 starben 7676 Menschen durch ein Verbrechen. Damit nahm die venezolanische Hauptstadt erstmals gemessen an ihrer Einwohnerzahl gemeinsam mit der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez die Spitzenposition unter den unsichersten Städten der Welt ein: 191 Morde beziehungsweise Tötungen pro 100 000 Einwohner. Zum Vergleich: In New Orleans sind es 95.

Einziger Schutz: Nicht auffallen

Touristen wird von ihren venezolanischen Bekannten deshalb schon bei ihrer Ankunft empfohlen, sich möglichst unauffällig zu verhalten und auf das Tragen schicker Kleidung und Wertsachen wie Handys, Brieftaschen und Schmuck zu verzichten.

Die Untätigkeit, mit der die Regierung von Hugo Chávez der rasant steigenden Zahl von Gewaltdelikten gegenübersteht, schockiert viele im Lande. 1998, ein Jahr vor der Amtsübernahme des derzeitigen Präsidenten, wurden 4550 Tötungen registriert, die 5017 Verhaftungen nach sich zogen. 2008 gab es bereits 14 589 Tötungen, aber nur noch 1356 Festnahmen. So kamen auf 100 Tötungsdelikte gerade einmal neun Verhaftungen.

Ursächlich für dieses grobe Missverhältnis ist der Mangel an auf Entführungen spezialisierten Kriminalbeamten und Streifenpolizisten. Nach Schätzungen des Kriminologen Garcia besitzt das Land gerade einmal 4000 von 25 000 benötigten Kriminalbeamten und nur 70 000 anstelle der 125 000 dringend gebrauchten Streifenpolizisten, um auf den Straßen zu patrouillieren.

Für Besucher, die nach Jahren der Abwesenheit die Stadt erneut aufsuchen, ist es bedrückend zu sehen, wie schon ab 21.30 Uhr die Straßen im Stadtzentrum wie ausgestorben wirken, weil die Menschen zu Hause bleiben. Noch vor wenigen Jahren gingen sie um 23 Uhr ins Kino oder trafen sich auf den Straßen. Doch das ist heute zu gefährlich.

* Name geändert

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen