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Der distanzierte Beobachter

Jörg Armbruster über den Arabischen Frühling

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Noch ein Buch über den arabischen Frühling? Unwillkürlich fühlt man sich an den (auch) Karl Valentin zugeschriebenen Kalauer erinnert, es sei zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von allen. Der Markt ist nicht arm an arabischen Revolutionsbetrachtungen. Und jetzt auch noch von einem ARD-Korrespondenten, von Jörg Armbruster. Die Lektüre seines Buches lohnt sich. Er hat vor Ort interessante Beobachtungen machen können und weiß, diese ins politische Gesamtbild zu fügen.

Das ist leider nicht selbstverständlich, wie das hier ebenfalls vermerkte Buch von Karim El-Gawhary zeigt. Es ist ein zum Buche geronnener Live-Ticker aus Facebook-Postings und allerlei E-Mail-Verkehr, der Anfang des Jahres zweifellos von faszinierender Spannung war, aber heute wenig Erkenntniszuwachs bringt. Aber zurück zu Armbruster. Ihm half der Zufall zu einem denkwürdigen Augenblick. Er wurde in dem Moment aus Kairo zugeschaltet, als dort der Rücktritt von Ägyptens Präsident Hosni Mubarak Gewissheit wurde. Das war Reporterglück. Ansonsten, das macht ihn sympathisch, ist Armbruster eher der Typ, der das Glück nicht herausfordert. Es ist auch nicht seine Art - mag der Moderator im Heimatstudio auch noch so sehr insistieren -, dem Wunsch nach wohlfeilen Spekulationen nachzugeben. Auch das ist schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr.

Dieses Herangehen prägt den Stil seines Buches. Armbruster beobachtet, lieber aus der Distanz als mitten im Getümmel, wie ein jahrzehntelang funktionierendes System plötzlich zu wanken beginnt und nach und nach kippt - in Tunesien, in Ägypten, in Libyen. Er bietet Hintergrundinformationen und verschont uns mit unglaubwürdigen Reporterabenteuern und Zeitzeugen, deren Statements so langweilig sind wie ihre Authentizität nebulös. Auch dies unterscheidet die Notizen Armbrusters von denen Gawharys. Am Ende des Buches des Journalisten vom Südwestrundfunk weiß der Leser, warum die ägyptische Armee zwar meistens verloren hat, aber trotzdem immer gewinnt, wie im libyschen Krankenhaus von Al-Zawiya Legenden gestrickt werden und warum sich eine im Internet geborene Partei Ägyptens jetzt schwer tut, »ihre virtuelle Fruchtblase« zu verlassen.

Armbruster lässt erkennen, dass er während des Libyen-Krieges manchmal nicht ganz so dicht am Kampfgetümmel war wie manche seiner Kollegen, offensichtlich aber trotzdem mehr gesehen hat. Jene auf ein Zeichen hin vor westlichen Kameras herumballernde, Victory-trunkene Rebellen, wie man sie Abend für Abend aus Libyen zu sehen bekam, sind nicht prägend für seine Aufzeichnungen. Es fällt aber auch auf, dass der NATO-Krieg in seinen Libyen-Berichten fast gar nicht vorkommt.

Vielleicht hätte Armbruster sein Buch ohnehin auf Seite 190 abschließen sollen. Er wäre ein Weiser geblieben. Doch er versucht noch unnötigerweise Fragen zu beantworten, die ihre Herkunft aus den Denkwerkstätten des Eurozentrismus nicht verleugnen können. So fällt ihm bei der Suche nach Antwort auf die Frage: »Können die Araber überhaupt Demokratie?« nichts Originelles ein; und er kann auch keine erhellenden Zitate offerieren. Wenig treffend sind auch seine Bemerkungen zu Libanon oder Syrien. Die Dinge dort sind zwar sehr komplex und kompliziert, aber dennoch erklärbar. Es ist fragwürdig, den Leser mit Kampfbegriffen wie »Amerikahasser«, »Westfeinde« oder »Dschihad-Designer« zu behelligen, statt aufzuklären. Wer weiß, vielleicht haben jene so übel Gescholtenen ihre Gründe. Wer diese nicht wenigstens benennt, setzt sich dem Verdacht aus, er fürchte, sie für nachvollziehbar zu halten.

Armbruster hätte sich selbst einen Gefallen getan, wenn er seine Aufzeichnungen datiert hätte. Manche der Euphorie des Augenblicks geschuldete (Fehl)Einschätzung hätte sich so von selbst eingeordnet. So flüchtig das Wort des Fernsehreporters, so steingemeißelt, schwarz auf weiß, steht das des Buchautors. Da erscheint dann manches wenige Monate später fast peinlich. Armbrusters Resümee beginnt mit der reichlich überraschenden Bemerkung: »In Ägypten ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass die Revolution noch scheitert.« Auch das erinnert an einen Kalauer, der u. a. Mark Twain zugeschrieben wird: »Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.«

Jörg Armbruster: Der arabische Frühling. Als die islamische Jugend begann, die Welt zu verändern. Westend, Frankfurt am Main 2011. 239 S., geb., 16,99 €.
Karim El-Gawhary: Tagebuch der arabischen Revolution. Kremayr & Scheriau, Wien 2011. 237 S., geb., 22 €.

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