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Vom Friseurmeister zum Schuldner

Häusliche Pflege von Angehörigen kann in die Armut führen

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 6 Min.

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Viele Menschen, die plötzlich einen Pflegefall in der Familie haben, müssen erfahren, dass sie dadurch ganz schnell in die Schuldenfalle geraten können. Vielfach kümmern sie sich aufopferungsvoll um die Angehörigen. An Erwerbstätigkeit ist bei einer 24-Stunden-Betreuung aber nicht mehr zu denken und oftmals gehen auch alle Ersparnisse drauf.
Petra und Reginald Zimmermann haben ihren Sohn gepflegt und sind darüber krank geworden.
Petra und Reginald Zimmermann haben ihren Sohn gepflegt und sind darüber krank geworden.

Stefan Krastel, ein 44-jähriger Friseurmeister aus dem badischen Kehl, hat seit 14 Jahren einen Tag- und-Nacht-Job: die Pflege seiner mittlerweile 75-jährigen Mutter Brunhilde. Sie erlitt kurz nach dem Tode seines Vaters einen Schlaganfall und ist halbseitig gelähmt. Die Mutter in ein Pflegeheim einweisen lassen wollte er nie. »Also habe ich mich der Situation gestellt«, resümiert Krastel sein Engagement. Als die Ersparnisse der Mutter aufgezehrt waren, gab er den Friseursalon in Offenburg auf und konzentrierte sich auf die Pflege.

Stefan Krastel wurde durch die Betreuung seiner Mutter zum Hartz-IV-Bezieher.
Stefan Krastel wurde durch die Betreuung seiner Mutter zum Hartz-IV-Bezieher.

Krastel glaubt, dass seine Mutter heute nicht mehr leben würde, wenn sie damals in ein Heim gezogen wäre. Er sei seiner Mutter im Laufe dieser Jahre »immer näher gekommen« und habe dabei auch eine »nonverbale Aussöhnung« erfahren, die niemand mit viel Geld aufwiegen könne: »Wenn meine Mutter stirbt, lastet kein dunkler Fleck auf meiner Seele.« Eine Kehrseite dieses intensiven Kümmerns und Aufopferns: Krastel machte Bekanntschaft mit der Armut, landete auf Hartz IV und häufte mit dem Eigenheim hohe Schulden an. Viele Lebensmittel bezieht er von der örtlichen Tafel. Am eigenen Leibe spürte er psychische und physische Belastungen und die mit dem Engagement verbundene soziale Ausgrenzung. Er begann die Gesetze zu hinterfragen, die ihn in diese Lage gebracht hatten. »Der Hauptmangel für Menschen, die zu Hause pflegen, ist die geringe finanzielle Unterstützung«, so seine Überzeugung. Das System kranke daran, dass Pflege- und Sozialkassen weitaus größere Mittel für Heimunterbringungen und professionelle Pflegedienstleister ausgäben als für Familien, die die Pflege in den eigenen vier Wänden leisten. »Für sogenannte Pflegesachleistungen zahlen die Pflegekassen an professionelle Träger mehr als doppelt so viel wie an Privathaushalte in Form des Pflegegelds«, so Krastel. »Vielfach wendet das Sozialamt noch Summen für Heimunterbringungen auf, während die häusliche Pflege oft in der Hartz-IV-Falle endet.« Daher sei die Zahl der Unterbringungen in Pflegeheimen in Deutschland deutlich höher als im europäischen Ausland, hat Krastel recherchiert. »Jeder sollte unabhängig von seiner finanziellen Lage selbst bestimmen können, wo er alt werden möchte«, so seine Überzeugung. Heimunterbringung dürfe nur eine »Notlösung« sein.

Im Sommer 2009 wollte Krastel ein Zeichen setzen und machte sich zu einem 40-tägigen Fußmarsch in das 800 Kilometer entfernte Berlin auf. Mehrere Freunde organisierten die Tour und vermittelten Kontakte zu Lokalpolitikern und Medien. Krastel rückte in das mediale Rampenlicht und outete sich auch in Talkshows und Veranstaltungen. Im Bundeskanzleramt blieb ihm allerdings kurz vor der Bundestagswahl der Zugang verwehrt. Weniger verschlossen zeigte sich der Rollstuhlfahrer Ilja Seifert, behindertenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag. Er bot Krastel das »Du« an und lud ihn zum Mittagessen in die Bundestagskantine ein.

Zwei Jahrzehnte lang in der häuslichen Pflege ihres todkranken Sohnes aufgerieben haben sich im 140 Kilometer nördlich von Kehl liegenden pfälzischen Ebertsheim auch Reginald und Petra Zimmermann. Ihr 1988 geborener und 2010 verstorbener Sohn Jan litt an progressiver Muskeldystrophie Typ Duchenne, einer genetisch bedingten degenerativen Erkrankung der Skelettmuskulatur. Zunehmend wurde er zum Schwerstpflegefall, um den sich die Eltern rund um die Uhr kümmerten. Schon mit acht Jahren war Jan an den Rollstuhl gefesselt. Eine Einweisung in ein Heim kam für die Familie nicht in Frage. Bis 2009 war der heute 66-jährige Familienvater Reginald Zimmermann 41 Jahre lang in Vollzeit bei einer Spedition als Lkw-Fahrer beschäftigt. Sein häusliches Pflegeengagement brachte ihm Schlafmangel und ging an die gesundheitliche Substanz. Seine 50-jährige Frau Petra ist ebenfalls krank und nicht mehr arbeitsfähig.

Dass sich die Eltern »vorbildlich und aufopferungsvoll«, mit »voller Liebe und Hingabe« um den todkranken Sohn gekümmert hätten, bescheinigt in einer schriftlichen Stellungnahme ein Fachpfleger, der ihnen jahrelang beratend zur Seite stand. Die Eltern hätten sich auch »in Bereichen der medizinischen und pflegerischen Versorgung fortgebildet, versorgten Wunden und übernahmen das Absaugen und die Beatmung ihres Sohnes«, so das Papier: »Einen solchen Pflegefall konnte man schlecht in Zeitmodulen erfassen und abrechnen.« Leider habe die Pflegekasse den besonderen Härtefall nicht anerkannt, klagt der Fachmann.

Weil Rücklagen inzwischen aufgebraucht sind und auf dem Eigenheim Schulden von 180 000 Euro lasten, fürchten die Zimmermanns eine Zwangsräumung. Ob die Ämter und Kassen die drohende Katastrophe frühzeitig kommen sahen und ihr entgegenwirkten, ist heute nur noch schwer festzustellen. Jedenfalls fühlen sich die Zimmermanns verbittert, von der Gesellschaft »im Stich gelassen und gedemütigt und für vorbildliche Leistungen von der Politik bestraft«. Sie argumentieren, dass sie durch ihre aufopferungsvolle häusliche Pflege und anfallende Ausgaben wie etwa hohe Energiekosten für medizinische Geräte die öffentlichen und Sozialkassen um Ausgaben in Millionenhöhe entlastet hätten, die bei einer Einweisung Jans in ein Heim angefallen wären.

Ähnlich wie Stefan Krastel frisst Reginald Zimmermann sein Schicksal nicht in sich hinein, sondern sucht das Ohr und die Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit. Auf entsprechende Anschreiben und Aufforderungen zur öffentlichen Debatte habe die Bundesregierung jedoch bislang nicht geantwortet, bemängelt er. Auch bei einer öffentlichen Veranstaltung der LINKEN in Bad Dürkheim meldete er sich zu Wort. »Die Zimmermanns haben ihren schwer kranken Sohn ohne Rücksicht auf die eigenen Ressourcen gepflegt. Nun zieht ihnen der von uns allen gerettete Finanzmarkt den Boden unter den Füßen weg«, meint der Bad Dürkheimer LINKE-Aktivist James Herrmann. Alle Beteiligten seien dazu aufgefordert, an einer humanen Lösung für die Familie Zimmermann mitzuwirken. »Wer hier wegschaut, macht sich mitschuldig.« Ende 2011 kamen auf Initiative der LINKE-Bundestagsabgeordneten Kathrin Senger-Schäfer im Büro des Ebertsheimer Ortsbürgermeisters Klaus Linska Beteiligte zu einem Runden Tisch zusammen, um Wege einer unbürokratischen Hilfe zu beraten. Eine Bereitschaft zur Kulanz und Flexibilität, um die Zwangsräumung zu vermeiden, deutete inzwischen auf nd-Anfrage auch die Bausparkasse Wüstenrot an, bei der das Ehepaar Zimmermann in der Kreide steht. Ob es tatsächlich zum Durchbruch kommt, muss sich zeigen.

Unterdessen investiert Stefan Krastel seine knappe Freizeit in einen Vorstoß für bessere Gesetze. Einen für Sommer 2011 geplanten Sternmarsch nach Berlin mussten er und seine Mitstreiter im Verein »Pflegeinitiative Deutschland e.V.« (www.pflegeinitiative.org) aus gesundheitlichen und finanziellen Gründen absagen. Weil sie über das ganze Bundesgebiet verstreut wohnen, sind sie auf Telefonkonferenzen angewiesen. Mit einer Petition an den Bundestag fordern sie nun die Angleichung des Pflegegeldes an die Pflegesachleistungen. Damit lasse sich ein Grundeinkommen für pflegende Familien, Freunde und Bekannte sichern.

»Wenn die öffentliche Hand für einen Heimplatz rund 3200 Euro zahlt, reicht uns schon die Hälfte«, sagt Krastel bescheiden. Damit käme er aus der Hartz-IV-Falle heraus und so ließen sich »zwei Drittel der Probleme im Pflegebereich mit einem Streich lösen«, ist er überzeugt. Gesamtgesellschaftlich sei eine solche Variante humaner und nebenbei auch billiger. Solange jedoch »die Lobby der Pflegeindustrie in der Politik den Ton angibt«, werde sich daran nichts ändern, befürchtet er.

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