Werbung

Die Hoffnungskraft einer Lüge

»Ein Lustspiel im Ghetto, kann man sich das vorstellen!«: Jurek Beckers Roman »Jakob der Lügner«

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Roman »Jakob der Lügner«, erschienen 1969 im Aufbau-Verlag, irritierte die zuständigen Ideologen. Die Beschreibung eines polnischen Ghettos, 1944, in dem es keinerlei Widerstand gegeben, in dem, neben Angst und Grauen, Komisches sich ereignete, in dem ein Gespinst von Nachrichten Rettung vorspiegelte! Welchem Leser könnte dergleichen hilfreich sein, Vergangenheit zu begreifen, gar zu bewältigen?! So bremste man die Verbreitung des Romans.

Jurek Becker war acht Jahre alt, als er 1945 die Befreiung aus dem Ghetto Lodz und den KZ Ravensbrück und Sachsenhausen durch die Rote Armee erlebte, und es ihn, mit dem Vater, nach Berlin verschlug. Nun erst lernte er, ein polnischer Jude, Deutsch. Die Erinnerung des Kindes war unzulänglich. So erfand sich Becker einen nachlebenden Erzähler, und der entgegnete obigen Einwänden: »mit Ehrfurcht habe ich inzwischen von Warschau und Buchenwald gelesen« - etwa Hermlins »Zeit der Gemeinsamkeit« und Apitz' »Nackt unter Wölfen« - »muss aber darauf bestehen: es hat dort, wo ich war, keinen Widerstand gegeben.« Und so kommt es zu dem schamvollsten Satz des ganzen Romans anlässlich der demütigen, dem Bösen dienenden »Hände«: »Verurteilt sie, immer verurteilt uns, es hat nur solche Hände gegeben.«

Ein Held, der Angst hat. Man sieht sie dem Jakob Heym im Film von Frank Beyer, 1974, über anderthalb Stunden an: Vlastimil Brodsky. 1975 als bester Darsteller bei den Berliner Filmfestspielen ausgezeichnet. 1977 als bester fremdsprachiger Film Oscar-Nominierung. Der Roman hatte sich durchgesetzt. Becker erhielt 1975 den Nationalpreis der DDR. In einer repräsentativen Umfrage der 90er Jahre rangierte »Jakob der Lügner« unter den hundert großen Romanen des 20. Jahrhunderts.

Wäre es nach den Vorstellungen von Beckers Vater gegangen - beide waren sie die einzigen Überlebenden einer großen Familie -, dann wäre aus einer wahren Geschichte, die sich im Ghetto von Lodz ereignet hatte und die er dem Sohn erzählte, eine »Helden«- Geschichte, mit freilich tödlichem Ausgang, geworden. Doch dazu war der angehende Schriftsteller nicht willens und auch nicht in der Lage. Solche Geschichten gab es. Ihm schien es »unergiebig«, diesem Muster zu folgen. Was ihm vorschwebte war, einem solchen Stoff den »unangemessenen« Erzählstil zu erfinden. Das Fürchterliche, Grauenhafte, Tödliche gleichsam zu unterlaufen durch - man wagt kaum, den Begriff einzubringen - Komisches!

Jakob Heym, der »Held« des Romans, hatte die einzige authentische Nachricht unter all seinen späteren Not-Lügen zufällig und in gefährlichster Situation gehört. Bei Todesstrafe war es den Ghetto-Bewohnern verboten, sich nach 20 Uhr auf den Straßen zu zeigen. Obwohl es noch nicht so spät war, war Heym von einem Posten angerufen, in den Scheinwerfer genommen und aufs Wachbüro beordert worden. Auf dem Korridor wartend, hörte er durch einen Türspalt die Radio-Meldung: Die Russen stehen vor Bezanika. Also 400 km vom Ghetto entfernt! Man lässt ihn - ein Wunder! - laufen.

Eine Nachricht, die Hoffnung für das ganze Ghetto sein könnte. Aber wenn er sagt, wo er sie her hat, wäre er für seine Umgebung ein Laufen-Gelassener, vielleicht ein Spitzel! So gibt er sich als Radio-Besitzer aus. Auch darauf stand die Todesstrafe. Dies war, so Jurek Becker »der künstlerische Einfall: nur die anderen denken, dass der Mann ein Radio hat; der hatte aber in Wirklichkeit keines«.

Damit war Jakob Heym in einen Teufelskreis geraten. Alle Welt sucht seine Nähe, will eine Geste von ihm, ein Augeneinverständnis, vor allem: ein Wort von der Front! Jakob spürt, was kleinste Hoffnung bedeutet, macht Andeutungen, flüchtet in Ausreden, verteidigt seine »Lügen« gegen Vorwürfe: Es gibt seitdem keinen Selbstmord mehr im Ghetto! Er erfährt, dass der Schauspieler Frankfurter an Rollen seiner Zukunft denkt, sein Freund Kowalski an künftige Geschäfte, dass die jungen Mischa und Rosa sich zu lieben wagen und die kleine Lina gar an sein Radio-Theater im Keller glaubt. Er wird Zeuge des Muts des frommen Herschel, Schläfen-Locken unter der Mütze (verboten!), der in einen versiegelten Waggon am Bahnhof Worte der Hoffnung hineinspricht. Tödlich für ihn. Gewonnene Lebens-Zeit.

Für den Schluss seines Romans bietet Jurek Becker zwei verschiedene Möglichkeiten an: Eine märchenhafte Errettung, die Befreiung des Lagers - freilich mit dem Tod Jakobs im Stacheldraht - und als realistische Version den Abtransport des Lagers ins KZ.

Am 18. Februar.1983 bekam Jurek Becker den kuriosen Brief einer Gemeindepfarrerin aus Haltern. Sie hatte ihn - wieso auch immer - für einen Pfarrer gehalten. Er schreibt ihr launig und freundlich zurück: »Ach, vielleicht überwinden Sie sich und lesen doch den JAKOB. Er hat nichts mit Lagerakten zu tun, weder von Maidanek noch von sonstwo, darum geht es ja gerade! Ich habe versucht, ein komisches oder fröhliches Buch zu schreiben. Ein Lustspiel im Ghetto, kann man sich das vorstellen!«

1976 hatte Becker gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert. 1977 verließ er die DDR, mit Visum, das er noch im Oktober 1989 zu verlängern wünschte. Jurek Becker starb am 14. März 1997 in Schleswig-Holstein.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen