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Zerstrittene Betriebsräte

Bei Opel balgen sich vier Standorte um die Produktion des neuen Astra

  • Von Marcus Meier, Bochum
  • Lesedauer: 3 Min.

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Vier europäische Opel-Werke ringen um die künftige Produktion des neuen »Astra«. Die Betriebsräte zeichnen sich durch einen Mix aus Konkurrenz und Kooperation auf Kosten Dritter aus. Das Nachsehen haben könnte im Standortgerangel Bochum.

Die »Schlacht um den neuen Astra«, wie es die »Westdeutsche Allgemeine Zeitung« ausdrückt, hat begonnen: Ihren Teil vom Kuchen wollen die Opel-Standorte in Bochum, Rüsselsheim, Ellesmere Port (England) und Gliwice (Polen) abhaben. Sie alle können auch Pkw der Kompaktklasse wie den Astra produzieren. Das Problem: Es kann nur drei und nicht vier Mitesser geben.

Beim angeschlagenen Autohersteller konkurrieren offenbar nicht nur die Produktionsstandorte miteinander, sondern auch deren Betriebsräte. Ginge Bochum im opel-internen Wettbewerb leer aus, hätte das »dramatische Folgen«, wie der dortige Betriebsratschef Rainer Einenkel warnt. Zwar sei das Werk im Ruhrgebiet derzeit sehr gut ausgelastet. Doch Sorgen bereitet Einenkel der Zeitraum nach 2014. Was den Gewerkschafter ärgert: Die Kollegen Betriebsräte der drei anderen Mitbewerber haben offenbar miteinander gekungelt. Und das zu Ungunsten der Bochumer: »Euro-Betriebsräte der Werke in Rüsselsheim, England und Polen haben untereinander eine gemeinsame Bewerbung beschlossen. Nur ihre Werke sollen den neuen Astra produzieren dürfen.«

Von der Absprache »hinter unserem Rücken« habe Einenkel »erst im Nachhinein erfahren«. Laut Opel-Vorstand seien noch alle Werke im Gespräch. »Auch Bochum«, wie Einenkel betont. Der Betriebsratschef erhebt seinerseits Ansprüche für sein Werk, wo in den vergangenen Jahren massiver Stellenabbau stattfand und seitens der Restbelegschaft Lohnverzicht geübt wurde. Einenkels Verhältnis zu Klaus Franz, dem scheidenden Chef des Gesamtbetriebsrates wie des Standorts Rüsselsheim, gilt als zerrüttet, seit das hessische Stammwerk Bochum vor sieben Jahren Anteile an der Astra-Produktion gleichsam vor der Nase wegschnappte. Bochum hatte sich bereits über eine Zusage gefreut.

Vergabeverfahren wie jenes um den neuen Astra werden intern auch »Schönheitswettbewerb« genannt. Bewerber um Produktionskapazitäten müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen, sofern sie sich durchsetzen wollen. Eine »sehr große Rolle« spiele dabei die Kostenstruktur des jeweiligen Werkes, wie ein Konzernsprecher gegenüber »nd« bestätigt. Die letztendliche Entscheidung fällt der Opel-Vorstand in Absprache mit der Spitze des Mutterunternehmens General Motors (GM).

»Es geht dem GM-Management um Ausspielen der Betriebsräte zwecks Kostensenkung, im Visier sind vor allem die Lohnkosten«, zürnt Wolfgang Schaumberg von der linksgewerkschaftlichen Initiative »Gewerkschafter ohne Grenzen«. Doch selbst wenn Bochum »noch eine riesige Zusatzproduktion« bekäme, glaubt Schaumberg, »wären damit nicht automatisch Jobs gesichert«. Denn das könnte mit neuen Rationalisierungsschritten und Auslagerungen verbunden sein - »also mit weiterem Arbeitsplatzabbau«.

In den europäischen Opel-Werken werden derzeit 1,2 Millionen Pkw pro Jahr hergestellt. Mit den vorhandenen Kapazitäten könnten es auch 1,6 Millionen sein. Laut der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« gibt es Betriebsräte-Forderungen, 300 000 weitere Autos in Europa und nicht, wie von GM geplant, in Korea und Mexiko zu bauen. Zudem soll der US-Konzern Absatzmärkte in den Boomländern Brasilien, China und Indien für Opel-Pkw öffnen, die bisher in der Konzernstrategie Autos anderer Konzernmarken vorbehalten waren. Zusätzlich soll es eine Garantie für diverse europäische Standorte geben. Arbeitsplatzrettung im eigenen Werk bedeutet in diesem Modell aber stets den Jobabbau an anderen Standorten.

Derweil ist die Opel-Führung bemüht, einen anstehenden Lohnsprung von elf Prozent zu verhindern. 2012 sollen Urlaubs- und Weihnachtsgeld wieder komplett statt nur zur Hälfte ausbezahlt werden, die Tariferhöhung des vergangenen Jahres soll wirksam werden, eine weitere Tariferhöhung steht an. Opel würde all das rund 1,1 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Zum Vergleich: Den Abbau von 8000 der einst 48 000 Arbeitsplätze binnen drei Jahren versüßte Opel mit Abfindungen in Höhe von rund einer Milliarde Euro.


Der Opel Astra ist das Nachfolgemodell des Kadett und wird seit 1991 gebaut. Anfangs wurden die Astra-H-Modelle im inzwischen geschlossenen belgischen Werk Antwerpen sowie im englischen Ellesmere Port gebaut. Die Kombivariante Caravan, der fünftürige Astra und der Van-Ableger Zafira wurden in Bochum produziert. Im Jahr 2011 belegte der Astra in Deutschland mit 87 000 Neuzulassungen den zweiten Platz in der Kompaktklasse. nd

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