Sehnsucht nach der Knackwurst

Der Globalisierung zum Trotz halten viele Menschen in Deutschland Lebensmitteln aus ihrer Region die Treue

Wer jahrelang eine bestimmte Senfsorte genossen hat, gewöhnt sich an den Geschmack - und hält ihn oft zwangsläufig für den besten. 35 Prozent der Westdeutschen bevorzugen Produkte heimatlicher Hersteller, im Osten sind es sogar 47 Prozent.

Wenn Antje Seib ihre Familie im heimischen Thüringen besucht hat, kehrt sie mit einer gut gefüllten Tasche zurück nach Bayern. Der Senf aus der Thüringer Heimat muss mit. »In Ingolstadt kann man den nicht kaufen«, berichtet die Steuerexpertin. »Für uns ist er aber einfach der beste.« Eva Stern, ebenfalls aus Thüringen, vermisst an ihrem Wohnort Ludwigshafen dagegen vor allem ihre geliebten Original-Thüringer Knack- und Bratwürste. »Wurst lasse ich mir immer zum Geburtstag schenken«, sagt sie. Umgekehrt träumt aber auch mancher westdeutsche Neuzugang im Osten von Leckereien aus der Heimat - etwa einer echten schwäbischen Brezel.

Der Globalisierung zum Trotz halten viele Deutsche Lebensmitteln aus ihrer Region die Treue. Laut der Nestlé Studie 2011, der 10 000 Befragungen zugrunde liegen, bevorzugen 35 Prozent der Westdeutschen Produkte heimatlicher Hersteller, im Osten sind es sogar 47 Prozent. Dass bestimmte Lebensmittel - etwa Brause aus Mecklenburg-Vorpommern - nicht in der ganzen Bundesrepublik angeboten werden, kommt dem Online-Handel zugute: So verzeichnet etwa der »Ostalgie-Shop« nach Angaben von Geschäftsführer Andreas Liedloff seit der Gründung vor zwei Jahren satte Zuwächse.

Der Lakritz-Äquator

Eva Stern bestellt nicht im Internet. Wenn ein Supermarkt aber »Ostwochen« hat, deckt sie sich mit Ost-Leckereien wie »Zetti Knusperflocken« ein. Tacos aus Mexiko oder Currypasten aus Thailand haben dann keine Chance. Warum werden viele Deutsche gerade beim Essen zu Lokalpatrioten? Die Antwort liegt unter anderem gerade in der Globalisierung, meint der Kulturwissenschaftler Prof. Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg: Der Konsum regionaler Spezialitäten sei nämlich nicht zuletzt als »Bewältigungsstrategie gegen Globalisierungsängste« zu sehen.

»Seit den 90er Jahren geht der Trend nicht nur in der Gastronomie, sondern auch im Handel hin zum Regionalen«, sagt Hirschfelder. »Man sucht das Originalprodukt. Auch die Slow-Food-Bewegung ist da einzuordnen.« Daneben spielten aber auch psychologische Gründe eine wichtige Rolle: »Essen ist ein emotionaler Akt. Es gibt Sicherheit, Dinge zu essen, die man kennt.« Einige Lebensmittel wecken Erinnerungen an die Kindheit. Wer jahrelang eine bestimmte Senfsorte genossen hat, gewöhnt sich an den Geschmack - und hält ihn oft zwangsläufig für den besten.

Das lässt sich manchmal auf ganze Bundesländer übertragen: »In den verschiedenen deutschen Regionen zeigen sich noch die bekannten Ernährungstraditionen unserer Volksstämme«, erklärt der Ernährungswissenschaftler Ulrich Oltersdorf aus Stuttgart. So trennt etwa der berühmte »Weißwurst«- Äquator - zumindest nach bayerischer Auffassung - Heimat und Feindesland voneinander. Ähnlich verhält es sich mit Lakritze: In Norddeutschland ist die Süßigkeit viel beliebter als im Süden, was offensichtlich an der Nähe zur Lakritz-Hochburg Skandinavien liegt.

Auch beim Süßwarenhersteller Haribo beobachtet man diesbezüglich regionale Unterschiede bei der Nachfrage: »Der Lakritz-Äquator verläuft etwa entlang der Main-Linie«, sagt Pressesprecher Marco Alfter. In Bayern wird die schwarze Masse gern verächtlich »Bärendreck« genannt. Und die im Norden so beliebten salzigen Sorten sind im Süden oft kaum erhältlich. Der Kulturwissenschaftler Hirschfelder erklärt das mit unterschiedlichen Gewohnheiten: »In Bayern gibt es eine lange salzarme Tradition.« Süß-Salziges, das den Norddeutschen seit Jahrhunderten vertraut ist, sei im Südosten lange unbekannt gewesen. Auch in der Nationalen Verzehrstudie II, für die 20 000 Jugendliche und Erwachsene in Deutschland nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt wurden, fielen regionale Unterschiede auf - vor allem zwischen Ost- und Westdeutschland. So war der Verbrauch an Obst, Fleischwaren, Fisch, Brot, Streichfetten und Limonade in den neuen Bundesländer im Schnitt höher als in den alten. Dagegen wurden im Osten unter anderem weniger Milch und Milchprodukte, Getreide und Wasser konsumiert.

Handfeste Erklärungen dafür haben auch Experten nicht parat. Möglicherweise, so meint Oltersdorf, einer der Koordinatoren der Studie, hinge der hohe Obstverzehr im Osten mit der Tradition der Obstanbaugebiete in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zusammen. »Aus dem, was in einer Region angebaut wurde, hat sich ja meistens auch etwas entwickelt«, sagt Oltersdorf. Beispiel ist der Spargel- oder Hopfenanbau. Aber: »Durchschnittszahlen, wie sie in der Verzehrsstudie erhoben wurden, muss man mit Vorsicht genießen.«

Immer noch gibt es unter den älteren Erwachsenen im Osten mehr Übergewichtige als im Westen, wie das Robert-Koch-Institut in einer Veröffentlichung zum Thema »20 Jahre nach dem Fall der Mauer« feststellte. Liegt das an zu viel Fett und Wurst? Offenbar nicht. Denn das RKI lässt offen, ob nun West- oder Ostdeutsche gesünder essen. Es lasse sich keine »eindeutig günstigere oder ungünstigere Ernährungsweise« ausmachen, heißt es in der Publikation. Bei der Nährstoffaufnahme sei es relativ ähnlich: So nehmen Kinder aus den neuen Länder etwas mehr Vitamine zu sich, Kinder aus den alten Ländern dafür tendenziell mehr Kalzium und Magnesium. Schuld an der größeren Zahl dicker Erwachsener ist wahrscheinlich eher die schlechtere soziale Lage im Osten: Unter anderem tragen laut RKI nämlich Armut, Arbeitslosigkeit und wenig Bildung zu gesundheitlichen Risiken wie dem Übergewicht bei.

Soziale Schere geht auf

Auch bei der Esskultur spielen soziale Aspekte eine große Rolle. Sie werden noch weiter an Bedeutung gewinnen, meint Hirschfelder. »Die soziale Schere geht auf. Das führt dazu, dass es verschiedene Esstypen gibt«, erklärt er. So sei etwa der jüngere »urbane Typ« auf dem Vormarsch, der sich gesundheitsbewusst ernährt und Sport treibt. »Ob Ost- oder Westdeutschland spielt da keine Rolle mehr«, sagt der Kulturwissenschaftler. Überhaupt erwartet er, dass von den regionalen Unterschieden beim Essen in Zukunft weniger zu spüren sein wird. Für Antje Seib gilt das nicht: Sie will dem Thüringer Senf treu bleiben.


Limonadenland Mecklenburg-Vorpommern

Die größten Kaffeetrinker leben einer Studie zufolge in den neuen Bundesländern. Die Geomarketing-Experten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) fanden heraus, dass man dort überdurchschnittlich viel Geld für Kaffee ausgibt. Spitzenreiter ist Brandenburg. Die Teetrinker der Nation wohnen dagegen in Hamburg.

Wein kaufen vor allem Westdeutsche. Laut GfK wird dafür in fast allen alten Bundesländern im Einzelhandel überdurchschnittlich viel Geld ausgegeben. Ostdeutsche kaufen dagegen überdurchschnittlich Bier.

Fisch kommt in Hamburg am häufigsten auf den Tisch: Männer und Frauen aus der Hansestadt essen bei einem Vergleich der Bundesländer am meisten Fisch, Fischerzeugnisse und Krustentiere, heißt es in der Nationalen Verzehrsstudie II. Eine naheliegende Erklärung: In küstennahen Regionen wird traditionell viel Fisch verspeist. Dennoch belegen ausgerechnet Frauen aus Mecklenburg-Vorpommern beim Fischverzehr bundesweit den letzten Platz.

Mit Butter und Margarine gehen Frauen aus Nordrhein-Westfalen besonders sparsam um: Sie essen davon laut Nationaler Verzehrsstudie II im Schnitt nur 17 Gramm täglich. Bei den Männern sind die Saarländer mit 18 Gramm am genügsamsten. Dagegen schmiert man sich in Ostdeutschland offenbar gern dick Butter aufs Brot: Die Brandenburgerinnen verzehren 31 Gramm Streichfette pro Tag und führen damit bei den Frauen die Liste an. Bei den Männern liegt Mecklenburg-Vorpommern mit 52 Gramm pro Tag auf Platz eins.

Limonade steht besonders bei Männern aus Mecklenburg-Vorpommern hoch im Kurs: Mit durchschnittlich 327 Gramm pro Tag sind sie laut Nationaler Verzehrsstudie II im Vergleich mit den anderen Bundesländern die größten Liebhaber dieser Sprudel-Getränke. Männer aus Bremen liegen dagegen ganz hinten: Sie kommen nicht einmal auf 150 Gramm. Außerdem ist Limonade offenbar ein »Männergetränk«: Sogar die Frauen aus Schleswig-Holstein, die beim Limonadekonsum bundesweit vorn liegen, trinken davon im Schnitt nur 139 Gramm pro Tag.

Fruchtgummi verkauft sich in den alten Bundesländern immer noch etwas besser als in den neuen. Das hängt nach Angaben von Haribo wohl mit ostdeutschen Gewohnheiten zusammen: Dort hat Schokolade mehr Tradition. (A. Stoll)

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