Schöner Muskelkater

Ilke Wyludda trainiert wieder - für die Paralympics

  • Von Finn Müller, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Ilke Wyludda war einmal die beste Diskuswerferin der Welt. Nachdem der Medizinerin ein Unterschenkel abgenommen werden musste, kämpft sie sich jetzt in den Sport zurück.

Ihre Krankengeschichte füllt Bücher: Patellasehnen-, Kreuzband- und Achillessehnenrisse prägten ihre Karriere - und im Dezember 2010 wurde Ilke Wyludda gar der rechte Unterschenkel amputiert. Jetzt strebt die Diskusolympiasiegerin von Atlanta 1996 eine Teilnahme an den Paralympics in London an. Die 42-jährige Hallenserin schwitzt wieder bei ihrem langjährigen Trainer Gerhard Böttcher. »Ich habe praktisch bei Null begonnen. Derzeit absolviere ich 80 Prozent meines damaligen Trainingsprogramms«, sagt Wyludda.

Es wäre nach 1992, 1996 und 2000 ihr vierter Start unter den olympischen Ringen. »Meine Leben stand auf dem Spiel. Mir blieb damals keine andere Wahl«, sagt Wyludda über die Amputation. Das Bein musste ihr nach einer hartnäckigen Entzündung abgenommen werden, doch mit einer Prothese fühlt sich die zweifache Europameisterin wieder einigermaßen beweglich. »Meine neue persönliche Situation hat mich zur Rückkehr zum Sport bewegt. Ich habe gemerkt, dass ich wieder etwas für mich tun muss, um mich körperlich in einen besseren Zustand zu bringen.«

Nach zehn Jahren nahm Wyludda wieder Diskus und Kugel in die Hand. »Es war ein tolles Gefühl, endlich wieder einen Muskelkater zu haben«, erinnert sich die gebürtige Leipzigerin. Bei der WM der Rollstuhlfahrer und Amputierten Anfang Dezember 2011 in Dubai gewann sie Silber mit dem Diskus (20,69 Meter) und Bronze mit der Kugel (6,90 Meter). »Die Weiten waren grottenschlecht. Da habe ich noch sehr viel Luft nach oben.«

Nach der Operation hat Wyludda ihr Leben völlig umstellen müssen. Ihre Wohnung wurde ebenso behindertengerecht umgebaut wie ihr Auto. »Ganz wichtig für mich ist, dass ich mobil bin. Anfangs war es eine große Umstellung, mit dem linken Fuß Gas zu geben«, so die Assistenzärztin.

Sie lässt sich gerade zur Fachmedizinerin für Anästhesie weiterbilden, ihr Tag beginnt in der Regel um 4.30 Uhr. »Ich müsste nicht unbedingt arbeiten gehen, ich will es aber. Morgens brauche ich jetzt anderthalb Stunden, um in die Gänge zu kommen.« Von 7 bis 16 Uhr ist sie in einer Hallenser Klinik beschäftigt und fühlt sich dort sehr gut aufgehoben. »Mein Arbeitgeber weiß, was es bedeutet, nach einer schweren Verletzung wieder Höchstleistung bringen zu wollen. Außerdem kann ich mich auch sehr gut in die Lage der Patienten hineinversetzen.«

Vier- bis fünfmal in der Woche schindet sich Wyludda, um ihren Traum von London zu verwirklichen, obwohl sie noch keinen Kaderstatus genießt und Fördermaßnahmen damit wegfallen. »Ich muss mich steigern, den Diskus auf knapp 30 Meter schleudern und die Kugel auf neun Meter stoßen, um eine Chance auf das Ticket für die Paralympics zu haben«, schätzt Wyludda. Die Plätze für London werden Mitte Juni bei den Titelkämpfen in Berlin vergeben. Es wäre kein Wunder, wenn Wyludda mit ihrer enormen Willenskraft den Weg nach London schafft.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung