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Pillen nur noch gegen Bares

Krisenopfer: In Griechenland werden Kranke heftig zur Kasse gebeten

  • Von Anke Stefan, Athen
  • Lesedauer: 2 Min.
Die griechische Gewerkschaft GSEE hat am Donnerstag für kommende Woche zu einem landesweiten Streik gegen neue Sparmaßnahmen der Athener Regierung aufgerufen. Krank zu sein kann sich seit Anfang des Jahres nur noch leisten, wer Geld hat.

Weil die staatlichen Krankenkassen den griechischen Apotheken seit Monaten die eingereichten Rezepte nicht erstatten, griffen die Apothekerinnungen der wichtigsten Provinzen zu einem drastischen Mittel: Patienten bekommen ihre Medikamente nur noch gegen Barzahlung und müssen die Quittungen bei ihrer Krankenkasse einreichen. Mit dem Ergebnis, dass nun der Sozialversicherte monatelang auf die Rückerstattung wartet.

»Früher haben wir die Medikamente von den Zwischenhändlern auf Kommission bezogen«, erläutert eine Apothekerin das Problem. »Jetzt aber liefern sowohl die Pharma-Unternehmen als auch die Einkäufer nur noch gegen Vorkasse.« So sind bei den Apotheken, die meist als Familienbetriebe geführt werden, etwa 350 Millionen Euro Schulden aufgelaufen, was viele an den Rand des Ruins getrieben hat. Denn gleichzeitig kassiert der Staat seine Steuern weiter. Das Angebot des Gesundheitsministers, Anfang März zumindest 60 Millionen Euro der ausstehenden Gelder zu bezahlen, reicht den meisten Innungen nicht. Sie fordern eine feste Zusage zur Begleichung aller Schulden.

Trotz ihrer prekären Lage sind nicht alle Apotheker mit der Entscheidung ihrer Innungen einverstanden. »Wie soll ich jemandem, den ich seit 30 Jahren kenne, die nötige Medizin verweigern?«, fragt die Apothekerin, wissend, dass sich gerade Rentner die Barzahlung selbst billiger Medikamente bei Hungerrenten von wenigen hundert Euro im Monat nicht leisten können. Sie hält es für falsch, ausgerechnet beim schwächsten Glied in der Kette, dem Kranken, anzusetzen, um Druck auf die Regierung auszuüben. Derselben Ansicht ist der Bereich Gesundheitswesen der kommunistisch orientierten Gewerkschaftsfront PAME. Zumal sich der Staat bei den Kranken schadlos hält. Viele einst auf Rezept erhältliche Medikamente sind im Zuge der Krise aus den Listen der von den Kassen bezahlten Arzneimittel gestrichen worden. Betroffen sind vor allem Medikamente des allgemeinen Bedarfs wie Schmerztabletten oder Mittel gegen Erkältungen. Andere Arzneimittel sind derzeit gar nicht verfügbar.

Zwar sind Firmen wie Novo Nordisk, die ihre Produkte abzogen, nachdem das Gesundheitsministerium im Interesse der Bürger niedrigere Preise für ausländische Medikamente festgelegt hatte, inzwischen zurückgekehrt. Dafür sorgen nun unter anderem Auseinandersetzungen zwischen Pharmafirmen und Zwischenhändlern über die Höhe der Provision dafür, dass andere, meist häufig gebrauchte Medikamente nicht in den Apotheken ankommen.

Derzeit liegt dem Parlament ein Gesetz über neue Regelungen vor, über das noch am Donnerstag abgestimmt werden sollte. Wenn man dabei die Forderungen der Apotheken berücksichtige, könnten sie ihre Protestaktionen beenden, erklärte der Vorsitzende der Innung Attikas, Konstantinos Lourantos, gegenüber »nd«.

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